This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project
to make the world's books discoverable online.
It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover.
Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the
publisher to a library and finally to you.
Usage guidelines
Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying.
We also ask that you:
+ Make non-commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for
personal, non-commercial purposes.
+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the
use of public domain materials for these purposes and may be able to help.
+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it.
+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe.
About Google Book Search
Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers
discover the world's books white helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web
at |http : //books . google . com/
\
(•
n
i
V v
V V A 'm
5 • >
I
^\^
■', i
mim.
^i
.N.-'"
1 1
i
*;
^
U
,Wj
•)
Z^l'
K
i<
.
:i
hm
^Jki
i!
;..t
i4
?'ä
/.-"^k
Vs^
l5
k^C..
Digitized by
Google
Digitized by
Google
NEU VERDEUTSCHT UND EINGELEITET VON OTTO
KIEFER-MIT BUCHORNAMENTEN VON PETER BEHRENS
Digitized by
Google
A
ore lOi
|\>,i^'0\nO^ , VjOrcJ^
OQ
Ol
EEH
HEB
IQ
v:
MARC AUREL
SELBSTBETRACHTUNGEN
m
ZWEITE AUFLAGE
VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
IN JENA 1906
7
D
D
Jigitized by^
6
VON DIESEM" BUCHE Wlftä)EM 20 ABZÜGE
ZUM PREISE VON FÜNFZEHN MARK FÜR
JEDES EXEMPLAR AUF BÜTTENPAPIER AB-
GEZOGEN IN GANZPERGAMENT GEBUN-
DEN UND HANDSCHRIFTLICH NUMERIERT
Digitized by
Google
7/.'Vu^
Man fühlt die Quelle. Abends, bei der Lampe wur-
den diese Sätze geschrieben, die einen im Lager
bei den Quaden, die andern nach einer Sitzung des
Senates; und alle haben sie eine starke Tat, ein
Wort des hohen Herzens gewirkt. Sie tragen ihres
Ursprungs und ihrer Äußerungen Zeichen ; sichtbar
ist ihreGeburt und ihr Handeln. Ein Tagebuch sind
sie wie Pascals Niederschrift, das Tagebuch einer
gesunden Seele. Er schlürfte dort in langen Zügen
nicht Verzweiflung und Oberschwang, sondern Hel-
dentum und Frieden. Kurz, schroff, genau, aufglän-
zend, sind sie einer verhaltenen Begeisterung er-
stickte Schreie; sie oftenbaren die Seele eines
großen Dichters, der, die Augen gebannt vom Herr-
lichen, sich zwingt, und, haltlos in Bewunderung,
kaum einige gebrochene Rufe stammelt, mitFlüster-
ton : „Mensch, als Bürger dieser großen Stadt hast
du gelebt; fünf oder drei Jahre, was fleht dich's an?
Das Wesentliche war ein Leben im Einklang mit
dem Gesetz." HippolyU Taine (Marc Aurele)
M6G109
Digitized by
Google
Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre,
würde es vielleicht doch keinem einfallen zu
fragen, warum die Welt da sei und gerade diese Be-
schaffenheit habe", diese Worte Schopenhauers, welche
die beiden natürlichen Quellen für die Entstehung
der Philosophie überhaupt aufdecken, beleuchten viel-
leicht besser als irgendwelche anderen die Entstehung
der Selbstbetrachtungen Marc Aureis. Denn kaum
ein zweites Werk der antiken Philosophie wurzelt so
tief in der Persönlichkeit des Autors, in der schmerz-
lich leidenden Seele einer vornehmen Denkematur,
die durch des Geschickes Laune auf den römischen
Kaiserthron berufen ward. Es ist müßig, sich dar-
über Gedanken zu machen, wie Marc Aureis Philo-
sophie ausgefallen wäre, hätte dieser Mann gleich
anderen bedeutenden Geistern des Altertums sein
Leben in stiller Beschaulichkeit oder als Lehrer der
Philosophie hinbringen können, aber man darf doch
wohl vermuten, daß es dann niemals die köstliche
Frucht der Selbstbetrachtungen, wie sie uns jetzt vor-
liegen, gezeitigt hätte, oder doch, daß dieses Werk
dann nicht so lebendig und unvergänglicher Wahr-
VI
Digitized by
Google
heiten voll ausgefallen wäre. Aus den täglichen
kurzen Aufzeichnungen, denen man mit einiger Phan-
tasie beinahe heute noch den Anlaß ihrer jeweiligen
Entstehung ansehen kann, wäre vielleicht ein mehr
oder minder fein ausgearbeitetes System geworden,
um so uninteressanter für uns, je ärmer es an neuen,
grundlegenden Gedanken geblieben wäre; die Philo-
sophen und Philologen würden es registrieren neben
manchem anderen mittelmäßigen Werk der antiken
Literatur, für den weiteren Kreis der Gebildeten aber
hätte es kaum noch ein Interesse. Allein all das kam
anders. Denn der Philosoph Marc Aurel war zu-
gleich römischer Kaiser 1 Nicht in der einsamen
Studierstube, nicht im anregenden Gespräch mit
Gleichdenkenden, nein mitten im wogenden Getriebe
des römischen Kaiserreichs reifte die Gedankensaat
heran, die eine frühe Beschäftigung mit den besten
Philosophen des Altertums in den überaus empfäng-
lichen Geist Marc Aureis gepflanzt hatte. So bekamen
wir statt einer toten systematischen Darstellung eine
Art Memoirenwerk, aber keines, das sich in der Dar-
stellung vergänglicher äußerer Tatsachen wie Schlachten
und Kriege ergeht, sondern ein Bekenntnis, welches
das Geistesleben eines interessanten Menschen ent-
hüllt, der gelitten hat wie wir, der des Lebens Rätsel
zu ergründen gesucht hat wie wir und der sich einen
inneren Frieden errungen hat, wie wir ihn trotz des
Christentums nur sehr selten finden. Darin besteht
die ewige Frische der Marc Aurelschen Selbst-
betrachtungen, das ist der Grund, warum sie, wie
Emest Renan sagt, niemals veralten. Sie sind nichts
Abgeschlossenes, sie zeigen vielmehr die Menschen-
VII
Digitized by
Google
seeie in der Werkstatt ihres Schafifens, und was sie
dort unter schweren Mühen keuchend, doch auch in
sieghafter Schöpferfreude jubelnd sich erarbeitet, was
isf s eigentlich im letzten Grunde? Das Urphänomen
aller Philosophie, wie wir sehen werden, „die abso-
lute Religion*, wie Renan hymnisch-überschwenglich
sagt, „welche ausgeht von der einfachen Tatsache
eines hohen, moralischen Bewußtseins, das der Welt
gegenübergestellt ist."
Marcus Annius Verus, wie unser Philosoph ursprüng-
lich hieß, erblickte das Licht der Welt am 26. April
121 n. Chr. in Rom auf dem Berge Colins; er war
der Urenkel eines Annius Verus, der aus Succubo in
Spanien stammend, um die Mitte des ersten kaiser-
lichen Jahrhunderts nach Rom gekommen und dort
Prätor und Senatsmitglied geworden war. Dessen
Sohn Annius — nach anderen Marcus — ^ den väter-
lichen Großvater unseres Philosophen, hatte der Kaiser
Vespasian im Jahre 74 ins Patriziat aufgenommen.
Von ihm stammen außer anderen Kindern eine Tochter
Annia Galeria Faustina, seit 110 die Gemahlin des
späteren Kaisers Antoninus Pius und ein Sohn Annius
Verus, dessen Ehe mit Domitia Luzilla unser Stoiker
entsproßte. Da der Vater des Philosophen bereits im
Jahre 129 starb, adoptierte der noch lebende väter-
liche Großvater Annius Verus seinen Enkel und erzog
ihn zunächst in seinem eigenen Hause, unter Mit-
wirkung des Kaisers Hadrian und seiner eigenen
Geliebten; doch scheint es, als ob diese ihren nicht
eben günstigen Einfluß nur kurze Zeit auf das un-
schuldige Kind ausüben konnte, dankt es doch d^r
spätere Kaiser Marc Aurel in seinen Selbstbetrach-
VIII
Digitized by VjOOQIC
tungen 1, 17 ausdrücklich den Göttern, daß er »nicht
noch länger bei der Geliebten seines Großvaters er-
zogen ward/ Hadrian empfand sehr früh das leb-
hafteste Interesse für den Knaben, den er jedenfalls
nicht ohne Grund „Verissimus" 2u nennen pflegte
und den er schon sehr früh mit allerlei seinem Alter
angepaßten Ehren auszeichnete. Hadrian war es
wohl auch besonders, der im Verein mit Marc Aureis
mütterlichem Großvater Calvisius Tullus und seiner
eigenen Mutter, Domitia Lucilla, für eine Erziehung
des jungen Verissimus sorgte, die gegen moderne
Prinzenerziehung sehr angenehm absticht Die nam-
haftesten Lehrer der Philosophie, Rhetorik und Rechts-
gelehrsamkeit, denen der spätere Kaiser in seinen
Selbstbetrachtungen die rührendste Dankbarkeit wid-
mete, wurden dazu auserwählt, den hochbegabten
Jüngling zu unterweisen. Männer, wie der berühmte
Rhetoriker Fronto, mit dem Marc Aurel jahrelang im
Briefwechsel stand, und die Stoiker Rusticus, Apol-
lonius, Sextus, ein Enkel Plutarchs, Catulus, Claudius
Maximus waren seine Erzieher; den bleibendsten und
nachhaltigsten Eindruck machten zweifellos schon auf
den Knaben die stoischen Lehren, die er so ernst
nahm, daß er schon als zwölfjähriger Junge die Philo-
sophenkleidung und strenge Lebensweise der Philo-
sophen annahm (Selbstbetrachtungen I, 6), ohne doch
hierbei einseitig zu werden und seine körperliche
Ausbildung zu vernachlässigen. Hadrians Voriiebe
für den ernsten Jüngling war so groß, daß er ihn im
Jahre 136 mit seines Mitregenten Verus Tochter Fabia
veriobte und nach Verus' plötzlichem Tode von An-
toninus, den er am 25. Februar 138 selbst an Sohnes
Digitized by
IX
Google
statt annahm und 2um Kaiser erhob, mit samt dem
jungen Sohn des verstorbenen Verus adoptieren ließ.
Der philosophische Jüngling, seit diesem Akt Marcus
Älius Aurelius Verus geheißen, den wir uns als
stillen, zurückgezogen lebenden Menschen vorzustellen
haben, war über diese Ehre, wie sein Biograph be-
richtet, nicht gerade entzückt; er trennte sich nur
ungern von den „Gärten seiner Mutter*, in denen er
bisher seinen Gedanken nachzuhängen vollste Muße
gehabt hatte, und bezog nur mit einigem Widerstreben
den ihm von Hadrian angewiesenen Prunkpalast.
Von seinen Freunden über den Grund seiner Nieder-
geschlagenheit gefragt, setzte er die mit der Thron-
besteigung verbundenen Unannehmlichkeiten aus-
einander; er ahnte wohl nur zu gut, daß seine
Lieblingsbeschäftigung, das Studium der Philosophie,
von nun an hinter seinen Pflichten als zukünftiger
Regent zurücktreten müsse. Und die Wirklichkeit
nahm ja auch bald den jungen Grübler in ihre
strenge Schule. Als nämlich am 10. Juli 138 Hadrian
in Bajae starb, ergriff Antonin die Zügel der Regie-
rung und zog sofort den jungen Marc Aurel näher
an sich heran: Er weihte ihn in die Regierungs-
geschäfte ein, überhäufte ihn mit Ehrenstellen und
Beweisen seiner Gunst, veriieh ihm den Cäsarentitel,
ja er vermählte ihn sogar im Jahre 146 mit seiner
eigenen Tochter Faustina, indem er seine frühere
Verlobung aufhob. Für das Römerreich begann jetzt
eine glanzvolle, durch keinen Schatten getrübte Zeit
von 23 Jahren; ein Antoninus Pius, nach einstimmigem
Spruche einer der vorzüglichsten römischen Kaiser,
an seiner Spitze und ihm zur Seite Marc Aurel, sein
Digitized by
Google
Schwiegersohn und voraussichtlicher Thronerbe, mit
welchem ihn ein einzig dastehendes Freundschafts-
verhältnis verband; es war also tatsächlich einmal in
der Weltgeschichte Piatos Ideal erfüllt: Es herrschten
zwei Philosophen; was Wunders, wenn da Antonius
Biographen diese 23 Jahre mit der goldenen Zeit des
mythischen Friedenskönigs Numa vergleichen. Liest
man, mit welch rührender Pietät Marc Aurel im ersten
Buch der Selbstbetrachtungen seinen Schwiegervater
schildert, dann weifi man nicht, ob man mehr das
damalige Römerreich um solch einen äußerst seltenen
Regenten oder diesen Regenten um einen derartig
seltenen Mitregenten und Thronerben beneiden soll.
Das wirkt die Philosophie, wenn sie wirklich einmal
auf den Thron eines grofien Reiches zu sitzen kommt
Sie war aber — und das ist besonders wichtig —
den beiden Herrschern nicht nur eine Art Jugend-
geliebte gewesen, auf die man in reiferen Jahren,
d. h. wenn die schöne Begeisterungsfähigkeit für große
Ziele so allmählich zu schwinden beginnt, mit einer
Art stiller Verachtung zurückblickt, wie es der Real-
politiker Kallikles dem Sokrates im Gorgias an-
empfiehlt und wie es ja auch bei allen Menschen
des Durchschnitts zu geschehen pflegt; nein. Antonin
zog, als er schon Kaiser war, den Philosophen Apol-
lonius an seinen Hof und sandte ihm den jugend-
lichen Marc Aurel sogar in die Wohnung, als der
selbstbewußte Gelehrte dies verlangte, und Marc Aurel
selbst pflegte noch lange als Mitregent zu seinem
Lehrer Apollonius in die Wohnung zu kommen, um
seine Bildung zu vervollkommnen; auch mit dem
Philosophen Junius Rusticus war er in späteren Jahren
Digitized by
XI
Google
aufs innigste befreundet, zog ihn in allen wichtigen
Staats- und Privatangelegenheiten zu Rate und erwies
ihm die größten Ehren. Schon in diesen Jahren un-
getrübten Glückes war Marc Aurel allgemein beliebt
wegen seiner Milde und Herzensgüte und hatte an
den bekannten sozialen Maßregeln Antonius, wie
man wohl annehmen darf, keinen ganz geringen
Anteil. Es war darum eigentlich selbstverständlich,
daß er, als sein Schwiegervater am 7. März 161 die
Augen schloß, ohne jede Schwierigkeit sein Nach-
folger wurde. Die erste Regierungshandlung des
nunmehr unumschränkt gewordenen Herrschers zeigt
gleich seine selbstlose Bescheidenheit: Er erhob
seinen Adoptivbruder Lucius Verus, der damals noch
zu schönen Hoffnungen berechtigte, zum Mitregenten
und ließ allgemein die freudige Erwartung entstehen,
daß die goldene Zeit Antonius unter seinen beiden
Nachfolgern ihren ungestörten Fortlauf nehmen werde.
Und wahrlich, an Marc Aurel lag es nicht, daß auf
den friedlichen, sonnigen Morgen, dem sein Leben
bisher geglichen hatte, ein so stürmischer Nachmittag,
ein so gewitterschwerer Abend folgte! Denn des
neuen Regenten Tun war rein und lauter, stark und
konsequent in der äußeren Politik, wie wir sehen
werden, sozial und human im Innern, wie er es sich
selbst an vielen Stellen seiner Selbstbetrachtungen
als Ideal vorhält Marc Aurel lebte tatsächlich als
ein »Gekrönter Apostel der Menschenliebe**, er war,
wie Stuart Mill sagt, „Ein besserer Christ im nicht
dogmatischen Sinn, als fast alle sich zum Christen-
tum bekennenden Fürsten, die seither regiert haben."
Lächerlich schien ihm jeder despotische Größenwahn,
XII
Digitized by VjOOQIC
lächerlich alles Prunken mit dem Gottesgnadentum,
lächerlich die Millionen verschlingende Hofhaltung
mit allem, was dazu gehört, verächtlich die Ansicht,
dafi ein Fürst etwas anderes sei als der oberste
Diener seines Staates. Gegen sich selbst sehr streng,
war er gegen seine Umgebung milde und nach-
sichtig und besafi einen viel zu grofien Geist, als
daß er sich für ein Universalgenie gehalten hätte,
das nicht von selten erprobter Räte auch manchmal
ein ernstes, ja ein tadelndes Wort hören dürfe. Da-
bei kündigte er die vielen sozialen Handlungen, mit
denen er sein Reich beglückte, nicht mit prunkenden
Worten an, um sie hinterher doch nicht auszuführen,
wie er überhaupt seine Stärke nicht im Reden
suchte, sondern in der Stille handelte, aber mit Kraft.
So verbesserte er die Getreidezufuhren, baute neue
Straßen, schränkte dagegen die Ausgaben für Volks-
belustigungen und Gladiatorenkämpfe, denen er nur
ungern beiwohnte, ein, setzte fort, was Pius für die
Gründung von Waisenhäusern und anderen wohltätigen
Anstalten zu tun begonnen hatte, lieh allen Bedrückten
und Bedrängten ein offenes Ohr, suchte die Erpres-
sungen der Provinzialbeamten einzuschränken und
die öffentlichen Lasten gerecht zu verteilen, mit einem
Wort, er regierte nach dem in den Selbstgesprächen
1, 14 ausgesprochenen Ideal des „Freien Staates mit
vollkommener Rechtsgleichheit für alle ohne Unter-
schied." Und doch war das Glück seiner Regierung
nicht hold. Hatte er schon viel Unannehmlichkeiten
durch seinen Mitregenten Verus zu dulden, der sich
mehr und mehr als genußsüchtiger, träger Weichling
entpuppte, so brach auch noch eine ganze Menge
XIII
Google
Digitized by
unerwarteter äußerer Ereignisse während seiner Re-
gierung Ober das Reich herein. Schon in den ersten
Jahren verursachte eine TiberOberschwemmung große
Hungersnot und fast gleichzeitig liefen beunruhigende
Nachrichten aus Britannien» Rhätien und dem Parter-
land ein. Doch die Aufstände in diesen Ländern
wurden glücklich niedergeworfen, der der Parter aller-
dings erst nach drei bis vier schweren Kriegsjahren
durch den tapfem, energischen, aber ungemein rohen
Feldherm Avidius Cassius, welcher bald darauf auch
einen Anstand der Hirtenbevölkerung im Nildelta
unterdrückte. Die Triumphstimmung, die infolge
dieser Siege im Jahre 166 Rom beherrschte, sollte
aber nur zu bald durch furchtbare Ereignisse in ihr
Gegenteil umschlagen: Des Verus Heer hatte von
Asien die Pest mit nach Rom gebracht, die sich bald
in entsetzlicher Weise über das ganze Reich verbreitete
und beinahe 100 Jahre lang ihre Schreckensgeißel
geschwungen hat. Dazu brach im Jahr 167 ein ge-
fährlicher Krieg am Rhein und an der Donau aus.
Die Markomannen, Quaden und Jazygen hatten ein
römisches Heer von 20000 Mann geschlagen, waren
mit Ungestüm nach Süden vorgedrungen und be-
lagerten schon Aquileja. Marc Aurel eilte, von Verus
nur ungern begleitet, nach dem Norden und trieb
zunächst den Feind wieder aus dem Land, konnte
ihn aber erst nach einem wechselvollen Krieg von
etwa achtjähriger Dauer zu einem Frieden nötigen,
der allerdings nicht viel mehr als ein Waffenstillstand
war« Marc Aureis Hauptquartier in diesem Feldzug
war Camuntum in Pannonien, wo er einen Teil seiner
Selbstbetrachtungen geschrieben hat. Im Verlaufe
XIV
Digitized by VjOOQIC
dieses Krieges verbrachte Marc Aurel viermal je
einen Winter in Rom; auf einer der Heimreisen da-
hin, im Jahr 169, warVerus, neben ihm im Wagen
sitzend, gestorben; im folgenden Jahre besiegte dann
Marc Aurel die Markomannen, im Winter darauf auf
der gefrorenen Donau die Jazygen und im Sommer
173 die Quaden, diese unter großen Gefahren durch
Wassermangel, an den sich die bekannte Sage von
der legio fulminata knüpft. Doch kaum waren diese
Erfolge einigermaßen gesichert, als eine ganz uner-
wartete neue Gefahr von Osten her drohte: Avidius
Cassius nämlich, den der Kaiser zum Generalkomman-
danten aller Streitkräfte im Orient gemacht hatte, war
auf den Gedanken gekommen, die Herrschaft an sich
zu reißen, hatte in Antiochia verkündet, Marc Aurel
sei gestorben, hatte selbst den Kaisertitel angenommen
und machte bereits Miene, gegen Westen vorzurücken.
Der letzte Grund zu dieser Handlungsweise ist jeden-
falls in der Verachtung zu suchen, die der eiserne,
grausame Soldat gegen den ihm weichlich scheinen-
den Kaiser hegte, welchen er „ein philosophisches
altes Weib"" nannte. Es ist ja auch begreiflich, daß
in der Armee nicht wenige waren, denen Marc Aureis
Milde und Einfachheit ebenfalls nicht recht impo-
nierte, rohere Naturen, die nur durch ein protziges
Prätorianerkaisertum, verbunden mit der nötigen
Strenge, zu gewinnen waren. So allein erklärt sich,
daß Cassius überhaupt einige Anhänger fand gegen-
über dem doch allgemein beliebten Kaiser. Durch-
aus bezeichnend war nun des Kaisers Verhalten in
diesem Kampf. Schon vorher, als man ihn vor
Cassius gewarnt hatte, soll er gesagt haben: „Meine
Digitized by
XV
Google
Kinder sollen alle zu gründe gehen, wenn Cassius
größere Liebe als sie verdient, oder wenn dem Staate
dessen Leben mehr Segen bringt, als das meiner
Kinder/ Und in einem Brief an Verus, der ihn
wiederholt auf den verdächtigen Cassius aufmerksam
gemacht hatte, schrieb Marc Aurel: „Dein Schreiben
verrät mehr Angst als kaiserliche Würde und steht
nicht im Einklang mit dem Zeitgeiste." Und wie
recht hatte er doch! Der Zeitgeist war tatsächlich
für Marc Aurel: Cassius wurde von zweien seiner
eigenen Leute ermordet, und dem Kaiser blieb so ein
gefährlicher Kampf erspart. Dennoch unternahm er
den geplanten Zug nach dem Orient und brachte die
durch den Aufstand eingetretenen Wirren selbst in
Ordriung, wobei er gegen die Empörer mit außer-
ordentlicher Milde verfuhr. Auf der Rückreise starb
seine Gemahlin Faustina, an der er trotz ihrer mannig-
fachen Verirrungen — sie hatte angeblich den Com-
modus aus einer ehebrecherischen Verbindung mit
einem Gladiator oder Matrosen empfangen — mit
abgöttischer Liebe gehangen hatte. Es folgte jetzt
eine Friedenszeit von zwei Jahren, während deren
dem Kaiser das bekannte Reiterstandbild auf dem
Kapitol, ein Triumphbogen und eine Ehrensäule er-
richtet wurden. Doch schon im Jahr 178 brach der
Krieg in Germanien aufs neue los. Der Kaiser bezog
mit dem jugendlichen Commodus wieder sein Haupt-
quartier an der Donau, starb aber bereits nach zwei
Jahren, am 17. März 180 in Vindobona, wahrschein-
lich an der Pest, nach anderen von Commodus ver-
giftet Seine letzten Worte waren: „Weinet nicht um
mich, sondern über die Pest und über das allgemeine
XVI
Digitized by VjOOQIC
Elend", seine letzte Handlung, daß er den Commodus,
den er zum Nachfolger bestimmt hatte, seinen Freunden
und den Göttern empfahl, „wenn er es verdiene*.
Man hat schon im Altertum*) und erst recht in der
modernen Geschichtsschreibung dem Marc Aurel bei
aller Anerkennung seiner grofien Verdienste den Vor-
wurf gemacht, daß er einen Commodus als Nach-
folger hinterließ. Aber man vergißt dabei zweierlei:
Als Marc Aurel starb, war Commodus noch beinahe
ein Knabe, dessen Charakter allerdings, wie über-
liefert wird, schon damals bedenkliche Seiten, wie
Leichtsinn, Neigung zu lockerem Leben und .Un-
selbständigkeit zeigte. Immerhin konnten das doch
Jugendfehler sein und sich mit der Zeit bessern.
Und dann entsprach es doch auch so ganz dem
Stoiker in Marc Aurel, die Fehler der Menschen, die
man vergeblich zu bessern gesucht hat, al? etwas
Unabänderliches zu ertragen. Und wir wissen genau,
daß Marc Aurel durch Auswahl der besten Lehrer
und Erzieher alles getan hat, was in seiner Macht
lag, um den jungen Commodus zu einem würdigen
Nachfolger heranzubilden. Wenn Commodus trotz
alledem blieb, der er war, so kann man deshalb doch
Marc Aurel keine Vorwürfe machen, und wer weiß,
welche Wirren entstanden wären, wenn Marc Aurel
diesen Menschen durch Adoption eines anderen von
der Regierung ausgeschlossen hätte?
*) Vgl. den Vers des Ausonius über Marc Aurel:
„Post Marco tutela datur; qui scita Piatonis
Flexit ad Imperium, patre pio melior
Successore suo moriens sed principe pravo
Hoc solo patriae, quod genuit, nocuit."
b XVII
Digitized by
Google
Schwerer noch scheint ein anderer Vorwurf 2ü wiegen,
den mit ziemlicher Einmütigkeit die neueren Histo-
riker diesem Kaiser zu machen für nötig halten: Sie
finden es nämlich ganz unbegreiflich, daß unter seiner
Regierung ziemlich heftige Christenverfolgungen statt-
fanden, die selbst vor Grausamkeiten wie dem Feuer-
tod des 86jährigen Bischofs Polykarpus und den
Unmenschlichkeiten in Lyon und Vienne nicht zurück-
schreckten. Dem gegenüber ist zu betonen, daß die
eigentlichen Grausamkeiten jedenfalls ohne den
Willen des Kaisers geschehen sind, wenn er auch selbst
kein Hehl daraus machte, ein prinzipieller Feind
der Christen zu sein, das beweist schon sein Edikt
gegen jeden, der eine neue Glaubensweise einführe,
die geeignet sei, die Gemüter der Menschen aufzu-
regen, und die bekannte Stelle seiner Selbstbetrach-
tungen, wo er vom Trotz der Christen spricht Allein
Marc Aureis Verbalten ist für jeden, der sich einiger-
maßen bemüht, die Geschichte objektiv, d. h. mit
tunlichster Abstrahierung von seiner eigenen Zeit tind
ihren Idealen zu betrachten, durchaus verständlich.
Marc Aurel war römischer Kaiser, und zwar ein
Kaiser, der es mit seinen Pflichten sehr ernst nahm;
für ihn war der Staat, den zu leiten er berufen war,
das Höchste in der Welt, und das Aufgehen in dessen
Dienst die höchste sittliche Pflicht, wie er dies in
seinen Selbstbetrachtungen oft aufführt. Die Christen
jener Zeit aber waren geschworene Feinde dieses
Staates, hielten ihn für ein Teufelswerk, entzogen
sich seinem Dienst, so gut sie konnten und sehnten
ein Ende mit Schrecken für ihn herbei. Wie konnte
es darum anders sein, als daß gerade die besten Ver-
XVIII
Digitized by VjOOQIC
treter dieses Staates in den Christen nichts anderes
als „eine Rotte staatsgefährlicher Neuerer* sahen?
Wenn also schon der römische Kaiser Marc Aurel
kein Freund des Christentums sein konnte, so war
es der Philosoph Marc Aurel erst recht nicht
Doch das wird erst ganz klar werden, wenn wir Marc
Aureis Weltanschauung näher kennen gelernt haben.
Die Grundlage der Weltanschauung Marc Aureis ist der
gemilderte Stoizismus, wie ihn sein direkter Vorgänger,
der syrische Freigelassene Epiktet gelehrt hat, dessen
Schriften Marc Aurel durch seinen Lehrer Rusticus
kennen gelernt hatte. Aber bezeichnenderweise inter-
essieren den vielbeschäftigten Kaiser, der nur wenig
Muße für Philosophie hat, weder die Dialektik noch
Physik seiner Vorgänger (Selbstbetrachtungen VII, 67),
noch überhaupt die Teile des Systems, welche nicht
im unmittelbaren Zusammenhang mit der Ethik stehen.
Marc Aurel gleicht in der Beziehung Männern wie
Emerson, Maeterlinck, ja gewissermaßen selbst
Nietzsche: er übernimmt die naturwissenschaftlichen
und erkenntnistheoretischen Ansichten seiner Zeit und
baut auf ihnen eine Art Lebenskunst auf, fest über-
zeugt davon, daß sie wichtiger ist, als alle theoreti-
schen Spitzfindigkeiten. Berührt er gelegentlich er-
kenntnistheoretische und metaphysische Gebiete, so
wird seine Ausdrucksweise unklar, bald erscheint er
als Materialist, bald als Dualist, bald als Hylozoist,
damit mischen sich wieder Vorstellungen wie die
Senecas von der periodischen Verbrennung und Neu-
erstehung der Welt, dann auch wieder mythologische
von einer Götterwelt, die dem Menschen im Traume
erscheint, kurz, der strenge Fachphilosoph, der ein
XIX
Google
Digitized by
neues System erwartet, kommt bei Marc Aurel nicht
auf seine Rechnung. Der Weise auf dem Kaiserthron
weiß das übrigens recht gut; er tröstet sich (V, 10)
damit, daß auch nach der Ansicht großer Philosophen
viel Dunkel in der Welt herrsche, und es bereitet ihm
keinerlei Schmerz, daß er nicht alle Rätsel lösen kann»
Taihe geht sogar so weit, anzunehmen, Marc Aurel
sei sich dessen wohl bewußt gewesen, daß er immer
nur in Bildern rede, wenn er Worte wie „Weltkeim*,
„Weltvemunft", „Weltsubstanz " und „Gottheit" aus-
spreche, und er meint, nur ein Satz könne als
wesentlich für Marc Aureis Weltanschauung auf-
gestellt werden: „Die Welt ist eine Einheit, eine
gesetzliche Ordnung beherrscht sie, und diese
Ordnung hat die Harmonie einer Vernunft*
Kein Satz kann knapper und besser das Bleibende
der Marc Aurelschen Weltanschauung herausschälen.
Von ihm lassen sich auch alle anderen \tesentlichen
Sätze ableiten: Denn der Mensch ist nichts anderes
als eine solche Einheit im kleinen, auch ihn be-
herrscht eine gesetzmäßige Ordnung, die Vernunft,
die nichts anderes ist, als ein Teil der die Welt durch-
waltenden Allvemunft und die von Marc Aurel sehr
glücklich mit dem guten Dämon identifiziert wird,
der nach hellenischem Volksglauben den Menschen
als Schützer durchs Leben begleitet. (Vergl. die Stellen
hierüber, zusammengestellt in der Anmerkung 1 zu
No. 13, Buch IL) Wie nun die Welt im großen von
dieser Allvemunft weise regiert wird, also daß es
keinen Zufall geben kann und, im Grunde genommen^
auch keine Übel, so sollte sich der Mensch im kleinen
von seinem „Dämon* regieren lassen; er würde dann
XX
Digitized by VjOOQIC
«natürlich*' und damit zugleich „sittlich"* leben, ja
noch mehr, er hätte damit die höchstmögliche Stufe
des erreichbaren Glückes erklommen: nichts könnte
ihn aus seiner Fassung bringen, es gäbe für ihn kein
Leid, denn alles ist ja notwendig und weise; eine
klare Heiterkeit, ebenso fem von lauter Freude, wie
von lautem Jammer, würde, einem ewig windstillen,
lächelnden blauen See vergleichbar, sein Wesen sein.
Und in der Tat ist auch das Bild dieses vollendeten
Weisen das von Marc Aurel schmerzlich erstrebte
Ideal des Menschentums, dem all sein Denken und
Trachten gilt Warum sind aber die Menschen nicht
so? Das ist die ungeheure Frage, die unübersteig-
liche Mauer, vor der unseres Philosophen schöne
zarte Menschheitsträume resigniert Halt machen I Ja,
warum? Die Seele Marc Aureis ist selbst viel zu
rein und adlig, als dafi sie im Bösen etwas wirklich
Vorhandenes, eine positive Macht sehen könnte: sie
weiß nur von einem irregeleiteten oder noch irrenden
Guten, von einer niedrigeren Entwickelungsstufe des
Guten, oder sie beruhigt sich schließlich, wenn aller
Optimismus nichts verschlagen will, mit dem stoischen
Ausweg, daß man auch das Böse als eine Notwendig-
keit hinnehmen müsse, die im Weltlauf irgendwie
begründet sei, wenn wir auch nicht wüßten wie, ohne
sich selbst darum von dem für recht Erkannten ab-
bringen zu lassen. Als recht aber erkennt Marc
Aureis Seele nur ein Leben nach den Gesetzen der
Vernunft Und die Vernunft gebietet, sich ohne Rück-
sicht auf eigenes Wohl für das große Ganze zu be-
tätigen, auf dem Posten, auf welchen man durch das
Geschick gestellt worden ist; sie gebietet aber weiter,
XXI
Google
Digitized by
in jedem Wesen ein ebenso notwendiges Glied der
Gesamtheit zu erblicken, als man selbst ist, also sich
über keines derselben irgendwie aufzuregen oder zu
ärgern, vielmehr alle mit milder Liebe zu umfassen!
Wie ernst es unser Weiser gerade mit dieser Folge-
rung nahm, ist bekannt, vergleicht er doch selbst
einmal den kriegführenden Feldherrn ah einer hoch-
bedeutsamen Stelle seiner Selbstbetrachtungen (X, 10)
mit dem Jäger und Räuber! Drittens aber gebietet die
Vernunft, daß man sie selbst als das Höchste betrachte,
wie in der Welt, so im Einzelmenschen. Ist sie aber
das Höchste, das einzige wahre Gut, so erscheinen
neben ihr alle anderen angeblichen „Güter" der Welt
in ihrem wahren Wesen, d. h. als Nichtigkeiten, die
weder Glück noch Unglück im wahren Sinne des
Wortes bringen können. Ganz konsequent zu Ende
gedacht, führt dieser Gedankengang zum Neuplato-
nismus, zur Askese, zum Quietismus. Unsern Weisen
behütete die Notwendigkeit seines Berufes davor,
praktisch diese Schlüsse zu ziehen. Ihm ist die Ein-
kehr bei der eigenen Seele in seltenen Stunden der
Einsamkeit nur wie ein stärkendes Bad, in welchem
man nicht zu lange verweilen darf, damit seine Heil-
wirkungen nicht ins Gegenteil umschlagen! In diesen
Stunden^ vielleicht des Nachts im Feindeslande, wenn
draußen »die Wachen ihren eintönigen Gang machten,
die ermatteten Krieger ringsum schliefen und die
düsteren Urwälder Germaniens von den Stürmen ge-
schüttelt wurden, während die Donau mächtig rauschte,
oder in Rom, nach Erledigung all der unangenehmen
Repräsentationsgeschäfte und Regierungsakte, in den
einsamen Gärten, wo er als Kind schon geträumt,
XXII
Digitized by VjOOQIC
unter dem strahlenden Sternenmeer, die Blicke auf
die gewaltige und doch so verderbte Stadt gerichtet,
wie jämmerlich mögen da unserm Philosophen all
die vielgepriesenen Werte und Güter vorgekommen
sein, um deren Besitz sich die Welt, die er zu regieren
berufen war, bis aufs Blut quälte I »Wahn, Wahn,
überall Wahn!" Dieses Motiv klingt in gar vielen
seiner Sätze recht vernehmlich durch, also daß man
geneigt ist, ihn einen „Pessimisten" zu nennen. Und
er ist es auch in dem Sinne, in dem E. v. Hartmann,
Maeterlinck, ja selbst Nietzsche Pessimisten genannt
werden können. Auch Marc Aurel hat schon wie
diese modernen Geister das Janusgesicht der Welt
gesehen, und zwar hat er vor allem die Welt nach
der Seite ihrer Vergänglichkeit und Flüchtigkeit durch-
schaut» In zahllosen, geradezu packenden, nie er-
müdenden Bildern gibt er mit der Phantasie eines
Poeten diese Erkenntnis wieder, am erschütterndsten
vielleicht in der berühmten Stelle XII, 5, jener rühren-
den Frage an das Schicksal^ warum die Guten
unterschiedslos wie die Bösen der Vernichtung an-
heimfallen müssen. Man kann über diesen Pessi-
mismus Marc Aureis verschiedener Meinung sein:
man kann wie Renan diese wiederholten Darstellungen
ein und desselben Gedankens betrachten als die
Äußerungen eines fortdauernden Kampfes der Seele
Marc Aureis mit den nie ganz zu besiegenden Wün-
schen seines Herzens, das trotz aller entgegengesetzten
Versicherungen nicht wenig an den Vergänglichkeiten
der Welt hing; man kann dann weiter wie Renan von
einem „martyre Interieur" des großen Weisen reden,
von den Ungeheuern Leiden, die diese edle Seele in
XXIIl
Digitized by
Google
der sie umgebenden verdorbenen Welt durchzumachen
hatte, bis sie endlich auch den letzten Schrecken,
den Gedanken an die Vernichtung mit kühlem Gleich-
mut, ja vielleicht mit einer Art Sehnsucht nach Er-
lösung in sich aufgenommen und den Zustand erreicht
hat, den Schopenhauer am Ende des IV, Buches von
»Welt als Wille und Vorstellung" so ergreifend be-
schreibt, »jener Friede, der höher ist als alle Vernunft,
jene gänzliche Meeresstille des Gemüts, jene tiefe
Ruhe, unerschütterliche Zuversicht und Heiterkeit,
deren bloßer Abglanz im Antiitz, wie ihn Raffael und
Correggio dargestellt haben, ein ganzes und sicheres
Evangelium ist, nur die Erkenntnis ist geblieben, der
Wille ist verschwunden**. Es ist wahr, gegen Ende
der Selbstbetrachtungen Marc Aureis werden die Ge-
danken an den Tod, welche ja schon vorher wie ein
angedeutetes Motiv da und dort durchklingen, zum
herrschenden Leitmotiv, und die ganze tiefernste Stim-
mung, welche diese Teile des Buches beherrscht, hat
ganz gewiß ihre Hauptursache in der viel tieferen,
aber auch viel bittereren Lebenserfahrung, die der
Kaiser seit Abfassung des ersten Buches seiner Schrift
gesammelt hat Sehr schön sagt Renan über diese
Schlußteile der Selbstbetrachtungen: „Die letzten
Bücher der Selbstbetrachtungen stammen aus der Zeit,
da Marc Aurel, allein geblieben mit seiner Philo-
sophie, die niemand mehr teilte, nur noch einen
einzigen Gedanken hat, nämlich den, ganz sanft aus
der Welt zu scheiden. Es ist dieselbe Melancholie
wie in der Philosophie von Camuntum; aber der
Tag des Denkers hat sich zum Abend geneigt! In
Camuntum und an den Ufern des Granna sinnt Marc
XXIV
Digitized by
Google
Aurel darüber nach, wie er sich stark im Leben
machen könne. Jetzt ist all sein Denken nichts mehr
als eine Vorbereitung zum Tod." Und er hat es ja
auch erreicht, dies Ziel, wie Renan am Ende des-
selben Kapitels ausführt: „Er hatte das Nirwana des
Buddhisten erreicht, den Frieden Christi. Wie Jesus,
Sakya-Muni, Sokrates, Franz von Assissi und drei
oder vier andere Weise, hatte er den Tod vollständig
besiegt. Er konnte lächeln über ihn, denn in Wirk-
lichkeit hatte er für ihn keinen Sinn mehr.* Aber
gilt dieser Satz denn nicht für die ganze Philosophie
Marc Aureis? Und ist er nicht imstande, die dunkeln
Wolken des Pessimismus, durch die alle Lichtsucher
sich hinaufringen müssen wie Ibsens Idealmenschen-
paar Rubeck und Irene »auf die Zinne des Turmes,
die da leuchtet im Sonnenaufgang", endgültig zu
zerstreuen? Hat nicht Taine ebenso recht wie Renan,
wenn er sagt: „Die Traurigkeit und der Ekel waren
nur eine Vordergrundsansicht, die es vergaß, den
Blick aufs Ganze zu richten I Alles ist gut und alles
ist schön. Diese einheitliche und schöpferische Natur,
wer könnte ihr schaden, da es doch nichts außer ihr
gibt? Wer könnte ihre Kräfte lähmen, da es doch
keine andere Kraft als die ihrige gibt? Welche Schön-
heit welkt nicht dahin im Vergleiche mit dieser un-
erschöpflichen stillen Macht, deren maßvolle Kraft
unaufhörlich ans Licht führt die ewige Flut der Wesen
und die sich ebenso durch ihr ruhiges Fließen wie
durch ihre Stöße enthüllt? Wer fühlt sich nicht von
Bewunderung und Freude durchdrungen beim An-
blick dieses geheimen Lebenswillens, der die Wesen
trägt und umformt, der triumphiert bei ihrer Erneue-
XXV
/Google
Digitized by^
rung wie bei iiirer Fortdauer und dessen einzelne
Äußerungen das Werk der Weltvemunft sind? Was
habe ich zu tun mit den tausend verstümmelten Ger
danken > durch die mein Geist sich in Beziehung
setzt zu dem Stückwerk, das mich umgibt? Ein
Gedanke ist ganz, ist wahr, der der Natur, und alle
andern gelten nur insofern, als sie mit diesem zu-
sammenhängen. Ich werde also nur diesen einen
Gedanken haben, wie es auch nur ein einziges Wesen
gibt: ich werde darauf alle andern beziehen; ich
werde die enge Schranke meines Ich erweitem; ich
werde die allumfassende Gottheit begreifen, deren
ich ein Glied bin und ich werde handeln nach dieser
Eingebung." Dies Leben, das sich im Schöße des
Ewigen geborgen weiß» triumphiert trotz aller Verr
gänglichkeit über den Todesgedanken und über-
windet den erdenschweren Pessimismus für immer.
Es ist Religion, im höchsten und edelsten Sinne dieses
viel mißverstandenen Wortes, und ist von den Weisen
aller Zeiten mit tiefster Sehnsucht gesucht und sein
Besitz in überschwenglicher Weise gepriesen worden.
Es steht himmelhoch über allen Dogmenreligionen,
es steht auch über allem, was man mit Christentum
bezeichnen kann, denn es faßt die bleibenden Mo-
mente dieser Religion, ihren ethischen Gehalt schon
in sich und hat gerade ihn tiefer begründet, als das
Christentum mit *iner Mythologie oder Philosophie.
Vor allem unterscheidet es sich ganz bemerkenswert
in zwei Punkten vom Christentum: es kennt keinen
Gott, der etwas anderes wäre als die in allem Seien-
den, also auch in uns selbst lebende Vernunft, und
es kennt keine andere Welt als die, in welcher wir
XXVI
Digitized by VjOOQIC
wirken müssen, solange wir dazu die Kraft besitzen,
es ist also diesseits-freundlich und handelt nicht in
der egoistischen Erwartung eines himmlischen Lohnes,
kennt überhaupt kein Handeln um Lohn! Daß ein
Mensch, der sich dieses wahrhaft hier schon in jedem
Augenblick der Gottheit sicheren Lebens bewußt war,
und darin seinen höchsten Trost gegenüber allem
Weltleid gefunden hat, vom Christentum der da-
maligen Zeit auch theoretisch nichts wissen wollte,
wird nunmehr verständlich seini
Es bleibt uns jetzt nur noch übrig, zu verfolgen, wie
der Same, d^n Marc Äurels Buch ausgestreut hat,
im Lauf der Geschichte des Geistes weiter gewirkt
hat. Daß der Stoizismus und mit ihm Marc Aurel
vergessen war unter der Herrschaft der Scholastik,
ist nicht schwer verständlich. Erst mit der Renaissance
beginnt mit Plato auch der Stoizismus wieder be-
achtet zu werden, freilich zunächst nur in seinem
Hauptvertreter Seneca. Von den neueren Philosophen
zeigt Spinoza stellenweise stoische Einflüsse, sein
Ideal des Weisen*) nähert sich wenigstens dem Marc
Aureis in mancher Beziehung, und Spinozas Satz:
„die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend"
ist durchaus nach dem Sinne Marc Aurels. Leibniz
benutzte in der Theodicee ab und zu stoische Ge-
dankengänge, um seinen Optimismus damit zu er-
härten, ja gewisse Sätze der Theodicee, z. B. § 145
♦) Spinoza sagt Ethik V. Teil Satz 42. Anmerkung: .Der Weise
dagegen .... wird in der Seele kaum beunruhigt, sondern
seiner selbst, Gottes und der Dinge mit einer gewissen Not-
wendigkeit bewuBt, hört er niemals auf, zu sein, und ist immer im
Besitze der wahren Befriedigung der Seele.*
XXVII
/Google
Digitized by^
und 147 erinnern ganz an Marc Aurel, auch der Leib-
nizsche teleologische Grundgedanke hat Verwandt-
schaft mit der stoischen Teleologie. Kant und be-
sonders Fichte griffen den stoischen Pflichtgedanken
auf und bauten darauf ihre kühnen Moralgebäude,
und von den noch jetzt lebenden Philosophen klas-
sischer Richtung zeigt Ed. von Hartmanns Ethik und
Teleologie Ähnlichkeit mit stoischen Lehren. Neben
diesen vereinzelten Einflüssen des Stoizismus und
Marc Aureis muß aber besonders auf zwei Werke hin-
gewiesen werden, die ohne Marc Aurel geradezu un-
denkbar wären: es sind dies Schleiermachers Mono-
loge und Maeteriincks Buch „Weisheit und Schicksal*.
Schleiermacher, dessen durchaus moderne wirkliche
Religiosität, die sich ja mit der eines Marc Aurel so
wunderbar berührt, und uns erst wieder durch Meyer-
Benfeys schönes Buch „Moderne Religion" so recht
nahe gebracht worden ist, tritt uns in seinen Mono-
logen als derWeise entgegen, der Marc Aureis Seelen-
kämpfe durchgekämpft hat und nun im Besitze seines
stolzen Allbewußtseins wie von einem hohen leuchten-
den Gipfel herab die Welt betrachtet; Marc Aurel ist
der keuchende Wandersmann, der dem Gipfel zu-
strebt, ohne gegen die Schönheiten seines Weges
blind zu sein, Schleiermacher aber steht schon oben:
„Von innen kam die hohe Offenbarung, durch keine
Tugendlehren und kein System der Weisen hervor-
gebracht; das lange Suchen, dem nicht dies, nicht
jene genügen wollten, krönte ein heller Augenblick;
die Freiheit löste die dunkeln Zweifel durch die Tat.
Ich darf es sagen, daß ich nie seitdem mich selbst
verioren. Was sie Gewissen nennen, kenne ich so
XXVIII
Digitized by VjOOQIC
nicht mehr; so straft mich kein Gefühl, so braucht
mich keines zu mahnen. — In stiller Ruhe, in wechsel-
loser Einfalt führ' ich ununterbrochen das Bewußt-
sein der ganzen Menschheit in mir. Gern und leichten
Herzens sehe ich oft mein Handeln in Zusammen-
hang, und sicher, daS ich nirgend etwas, was die
Vernunft verleugnen müßte, finden werde." Oder
noch klarer und tiefer: „So oft ich aber ins innere
Selbst den Blick zurückwende, bin ich zugleich im
Reich der Ewigkeit!**
Noch mehr als Schleiermacher stehen unter dem Ein-
fluß Marc Aureis endlich einige moderne Franzosen
wie Renan, Taine und vor allem Maeterlinck. Ist es
bei Renan mehr die melancholische Grundstimmung,
bei Taine das ästhetische Moment, das den Pessi-
mismus zu überwinden geeignet ist, so hat Maeter-
linck von Marc Äurel sozusagen alles übernommen,
daß man bei der Lektüre seines Buches „Weisheit
und Schicksal" nicht selten meint, eine modernisierte
Übertragung Marc Aureis vor Augen zu haben.
Schon die Grundansicht Maeterlincks, die er bei
allen Wandlungen festgehalten hat, das Einssein der
Menschenseele mit* dem Weltgrund, ist durchaus
stoisch. Immerhin lehren ja allerdings auch andere
Systeme diesen Satz; aber weiter: Genau wie Marc
Aurer folgert auch Maeterlinck aus dieser These, daß
Glück und Unglück für den Menschen nie in äußeren
Dingen bestehen könne, daß, das einzig mögliche
Glück in der Pflege des göttlichen Kernes in uns
gefunden werden könne, daß man die Leiden, die
auch Maeterlinck nicht leugnet, als Boten betrachten
muß, „die uns zur Einkehr und Selbsterkenntnis
XXIX
/Google
Digitized by^
mahnen". Es sei mir gestattet, einige der markan-
testen Sätze Maeterlincks hier anzuführen, zu denen
der Leser die Parallelstellen in den Selbstbetrachtungen
Marc Aureis leicht finden wird. „Man ist bei sich,
man ist vor den Tücken des Zufalls geschützt, man
ist glücklich und stark nur im Umkreise seines Be-
wußtseins.* »Jedes Wesen, das die blinde Macht
des Instinktes in sich zu verringern weiß, vermindert
rings um sich die Macht des Schicksals." „Es gibt
Unglücksfälle, die das Geschick in Gegenwart einer
Seele, die es mehr als einmal besiegt hat, nicht zu
unternehmen wagt, und der vorübergehende Weise
unterbricht tausend Dramen." „Wo ein Weiser auf-
tritt, macht das Ereignis vor ihm Halt, ehe es Blut
und Tränen gibt. Es gibt nicht allein unter den
Weisen nie, es gibt auch um den Weisen sehr selten
ein Drama." „Der Wille zur Weisheit hat das Ver-
mögen, alles was unsem Körper nicht tödlich be-
rührt, wieder ins Geleise zu bringen." „Das wahre
Schicksal ist ein inneres Schicksal. Was ihnen zu-
stößt macht den meisten Menschen das Leben finster
oder licht; aber das innere Leben derer, von denen
ich spreche, verklärt ganz allein alles, was ihnen zu-
stößt." „Weise ist, wer dieses Leben mit allem unter-
halten lernt, was der Zufall ihm tagtäglich zubringt."
„Weise ist, wem selbst das Böse den Scheiterliaufen
der Liebe nähren muß." „Die Freude der Seele
kommt nicht vom äußeren Glücke, noch von einer
Befriedigung der Eigenliebe." „Ein Geist, der sich
erhellt, hat Freuden, die kein Körper kennt, der glück-
lich ist; aber eine Seele, die sich bessert, hat Freuden,
die auch ein aufstrebender Geist nicht immer kennen
XXX
Digitized by VjOOQIC
wird." ,In Wahrheit leidet der Weise auch." »Es
handelt sich auch gar nicht um Vermeidung des
Schmerzes, sondern um Vermeidung der Entmutigung
und der Ketten, die er jedem bringt, der ihn wie
einen Herrn aufnimmt" „Alles, was uns umgibt,
wird zum Engel oder Teufel, je nachdem unser Herz
beschaffen ist" „Was aber im Dasein Marc
Aureis recht ist, das ist im Dasein jeder Seele billig."
Und so könnte man die Zitate beliebig lang fort-
setzen und würde finden, daß Maeterlinck den Marc
Aurel, den er auch oft zitiert, wirklich in glück-
lichster Weise auf unsere Zustände anzuwenden ver-
steht Auch der Grundgedanke des Maeterlinckschen
Bienenbuches, die selbstbewußte Unterordnung des
einzelnen unter die anerkannten Gesetze eines höheren
Organismus, von dem der einzelne ein Teil ist, läßt
sich, wie wir sehen, leicht aus Marc Aurel ableiten!
Angesichts der Tatsache nun, daß Maeterlinck weite
Verbreitung gefunden hat und noch findet, schien es
nicht unzeitgemäß, dem deutschen Volke auch eine
der Quellen der Weltanschauung Maeterlincks bequem
zugänglich zu machen und damit vielleicht auch ein
kleines Steinchen beizutragen zu dem gewaltigen
Tempel einer neuen, reineren, wirklich menschen-
würdigen Kultur, die gerade unsere Besten nach
den fruchtlosen, toten Tagen des Materialismus und
der wissenschaftlichen Zänkerei ersehnen I
Es gibt in deutscher Sprache bereits eine Reihe anderer
Übertragungen des Marc Aurelschen Werkes, so daß
es noch einiger Worte der Erklärung bedarf über die
Absicht, mit welcher die vorliegende Neuübertragung
XXXI
/Google
Digitized by^
bearbeitet wurde: Die bisher vorhandenen deutschen
Übersetzungen dienen entweder mehr nur sprach-
wissenschaftlichen Zwecken, oder sie sind, wie die bei
Reclam, ,jpopulär" im weitesten Sinne; eine Über-
tragung aber in modernem Deutsch, welche unter
Vermeidung unnötiger Fremdwörter dem Geiste und
den sprachlichen Eigentümlichkeiten des Originals
gerecht zu werden sucht, ohne sich doch sklavisch
an den Urtext zu binden, ist nicht vorhanden. Außer-
dem fehlt es auch an einer weiteren Kreisen zugäng-
lichen Monographie über die kulturelle Bedeutung des
Marc Aurelschen Bekenntnisbuches.
Diesen beiden Bedürfnissen möchte das vorliegende
Buch abzuhelfen versuchen.
Stuttgart im Juli 1903
Dr. Otto Kiefer
Digitized by
Google
Von meinem Großvater*) habe ich das Gutartige
und Gelassene. (1)
Von meinem Vater die Männlichkeit, die die Be-
scheidenheit nicht ausschließt, was man auch
ihm nachrühmte. (2)
Von meiner Mutter die Frömmigkeit und Wohl-
tätigkeit; von ihr auch das Bestreben, nicht nur
bösen Tuns mich zu enthalten, sondern auch schon
schlimmer Gedanken; ihr verdanke ich endlich die
schlichte Lebensweise, die sich fernhält von herri-
schem Prunk. (3)
Meinem Urgroßvater danke ich es, daß ich die
öffentiichen Schulen nicht besuchen mußte; gab
er mir doch zu Hause gute Lehrer und ließ mich er-
kennen, daß man hierin unermüdlich sich verschwenden
müsse. (4)
Mein Erzieher lehrte mich, im Circus weder für die
„ Grünen ** noch für die „Blauen " , beim Gladiatoren-
kampf weder für die Rundschilde noch für die Lang-
schilde mich zu ereifern; dagegen unterwies er mich, wie
man Anstrengungen erträgt, sich mit wenigem begnügt,
bei allem selbst Hand anlegt und sich fernhält von
1 1
Digitized by
Google
Dingen, die einen nichts angelien; auch flößte er mir
:]lVidefWilietf:gegen Angeberei ein. (5)
VjQnJOiogpetuß' lernte ich den Haß gegen alles Eitle
": \t **lftit! iiißtJnglälibigkeit gegenüber dem Geschwätz
der Gaukler, Beschwörer, Wahrsager und dergleichen
und die Verachtung der Wachtelpflege und ähnlicher
Torheiten; wohl aber lehrte er mich, ein freies Wort
zu ertragen und mir die Philosophie zum Lebens-
inhalt zu machen; so ließ er mich zuerst den Bacchius,
dann den Tandasis und Marcianus hören und be-
schäftigte meinen jugendlichen Geist mit Entwerfen
von Dialogen und gab mir die Freude am einfachen,
nur mit einem Tierfell bedeckten Nachtlager und
allem anderen zur Lebensart griechischer Weisen
Gehörigen. (6)
Von Rusticus bekam ich die Oberzeugung einge-
prägt, ich müsse an der Ausbildung und Besserung
meines Charakters arbeiten, alle sophistische Leiden-
schaft vermeiden, nicht über leere Theorien Schrift-
stellerei treiben, keine Sittenpredigten halten, noch
in augenfälliger Weise den Asketen oder Menschen-
freund spielen; er bewahrte mich auch vor jedem
rhetorischen und poetischen Wortgepränge, jeder
Schönrednerei, vor Kleiderluxus und all derartigem.
Er lehrte mich die Schlichtheit im Briefstil, wie er
sie selbst anwandte in einem aus Sinuessa an meine
Mutter geschriebenen Brief, die Versöhnlichkeit und
das Entgegenkommen meinen Widersachern und Be-
leidigem gegenüber, sobald sie selbst zum Einlenken
bereit seien; er unterwies mich in der Kunst, mit
Aufmerksamkeit zu lesen und nicht mit oberfläch-
lichem Darüberhinweggleiten zufrieden zu sein, noch
Digitized by
Google
Schwätzern so ohne weiteres zuzustimmen. Er machte
mich auch mit Epiktets Gedanken bekannt, die er
mir aus seiner Bibliothek mitteilte. (7)
Von ApoUonius habe ich die Geistesfreiheit, die die
Bedachtsamkeit nicht ausschließt und in allem
nie etwas anderes als die Vernunft zum Leitstern
wählt; ihm verdanke ich die stetige Seelenruhe auch
unter den heftigsten Schmerzen, beim Verlust eines
Kindes, in langwierigen Krankheiten. Er gab mir
ein lebendiges Beispiel, wie man tiefen Ernst mit
Nachsicht verbinden könne. Beim Unterricht war er
nie verdrießlich und war auf seine Geschicklichkeit
und Gewandtheit im Vortrag nie eingebildet. Endlich
zeigte er mir auch, wie man sogenannte Gefällig-
keiten von Freunden annehmen müsse, ohne dafür
sich zu demütigen oder unerkenntlich sie außer acht
zu lassen. (8)
Von Sextus lernte ich das Wohlwollen, er war
mir das Vorbild eines echten Familienvaters und
erweckte in mir die Einsicht, wie man nach den
Gesetzen der Natur leben müsse; er besaß eine un-
gezwungene Würde des Benehmens, war sorgsam,
die Wünsche seiner Freunde zu erraten, besaß Milde
gegen die Unwissenden und die Leute, die unüber-
legt urteilen, und verstand die seltene Kunst, sich in
alle Menschen zu schicken. So lag im Umgang mit
ihm mehr Süßigkeit als in aller Schmeichelei, und
er erfreute sich bei denselben Menschen stets der
größten Hochachtung. Er entwickelte in mir die
Fähigkeit, die zur Lebensweisheit erforderlichen Grund-
sätze in klarer und regelrechter Weise zu finden und
zu verknüpfen. Niemals sah man diesen Mann in
1*
Digitized by
Google
zorniger Aufwallung oder sonst einer Leidenschaft
hingegeben, aber trotz dieser Leidenschaftslosigkeit
entfaltete er herzgewinnende Liebenswürdigkeit; er
legte Wert auf einen guten Ruf, doch ohne viel
Aufhebens; er besaß vielseitiges Wissen ohne Pe-
danterie. (9)
A lexander der Grammatiker belehrte mich, wie man
J\ schonend und ohne Tadel und verletzende Vor-
würfe mit Leuten, die einen fremdartigen oder sprach-
widrigen oder übelklingenden Ausdruck gebrauchten,
timgehen müsse; er nannte an Stelle des unrichtigen
Ausdrucks einfach den richtigen und zwar so, daß
es nie wie eine Korrektur aussah, sondern als sei es eine
Antwort oder Bestätigung oder handle sich um eine
gemeinsame Untersuchung über die Sache selbst,
nicht über das betreffende Wort, oder er legte es auf
eine sonstige passende Weise, die gerade der Unter-
richt mit sich brachte, nahe, wie man hätte sagen
sollen. (10)
Fronto erweckte in mir die Einsicht, daß Miß-
gunst, Ränkesucht und Verstellungskunst von
der Willkürherrschaft verursacht werden und daß
im allgemeinen die, welche wir die Edelgeborenen
nennen, weniger Menschenliebe besitzen als die an-
dern. (11)
Von Alexander, dem Platoniker lernte ich, niemals
ohne Not jemandem mündlich oder schrift-
lich zu erklären, ich hätte für ihn keine Zeit, und
nicht auf diese Weise unter dem Vorwand dringender
Geschäfte die Pflichten beständig zurückzuweisen,
die uns das Zusammenleben mft den Mitmenschen
auferlegt. (12)
Digitized by
Google
Catulus ermahnte mich, Klagen eines Freundes,
auch wenn sie unbegründet seien, nie gering-
schätzig hinzunehmen, sondern mich zu bemühen, sein
Vertrauen wiederzugewinnen; femerauch, von meinen
Lehrern nur Gutes zu reden wie das von Domitius
und Athenodotus gerühmt wird, und meinen Kindern
ein wahrhaft liebender Vater zu sein. (13)
Mein Bruder Severus war mir ein Vorbild in der
Liebe zu meinen Verwandten, in der Liebe zur
Wahrheit und Gerechtigkeit; er machte mich bekannt
mit einem Thraseas, Helvidius, Cato, Dion und
Brutus und gab mir die Vorstellung von einem freien
Staat mit vollkommener Rechtsgleichheit für alle ohne
Unterschied und von einem. Reiche, in welchem die
Freiheit der Untertanen höher gilt als alles ; er prägte mir
die unwandelbare Hochachtung für die Philosophie
ein, die Wohltätigkeit und Freigebigkeit, die hoffnungs-
frohe und vertrauende Liebe zu meinen Freunden;
etwaige Mißbilligung aber lernte ich ihnen gegenüber
ohne Rückhalt auszusprechen und ihnen offenherzig
vor Augen zu führen, was ich von ihnen erwarte,
was nicht, ohne daß sie erst lange im unklaren
bleiben. (14)
Maximus gab mir die goldene Lehre der Selbst-
beherrschung und des unbeirrten Fortschreitens
auf dem einmal eingenommenen Wege; sei gutes
Mutes in allen Lebenslagen, pflegte er zu sagen, t>e-
sonders aber in den Krankheiten 1 Suche dir einen
aus Milde und Würde gemischten Charakter anzu-
eignen, und verrichte die vorliegenden Geschäfte ohne
Murren I Von ihm glaubte jeder, er rede, wie erdenke,
und handle immer nur in reinster Absicht; Bewunde^
Digitized by
Google
rang und Staunen waren ihm gleich fremd, nicht
minder Übereilung und Saumseligkeit; Verlegenheit,
Trostlosigkeit und unechte Freundlichkeit kannte er
nicht, nie sah man ihn zornig oder in schlechter
Laune; in seiner Wohltätigkeit, Großmut und Wahr-
heitsliebe zeigte er eher das Bild eines fertigen
Mannes als eines sich erst mühsam heranbildenden.
Nimmer konnte man meinen, von ihm verachtet zu
werden, hoch andererseits es wagen, sich besser zu
dünken. Im Scherz endlich war er stets taktvoll und
geistreich. (15)
Mein Vater war mir vorbildlich in seiner Milde,
die eine unerschütterliche Beständigkeit in dem,
wofür er sich nach reiflicher Überlegung entschieden
hatte, nicht ausschloß. Er war ein Verächter eiteln
Ruhmes beanspmchter Ehren, ein Freund der Arbeit
und der Ausdauer; er verschloß nie sein Ohr gemein-
nützigen Vorschlägen anderer und behandelte jeden
nach Verdienst, verstand es wohl, am* rechten Ort die
Zügel strammer anzuziehen und nachzulassen; der
Jünglingsliebe entwöhnt, widmete er sich nur dem
Staatswohl; er erließ seinen Freunden den Zwang,
immer mit ihm zu speisen oder auf Reisen stets in
seiner Umgebung zu sein ; wer ihm aber aus dringender
Ursache nicht folgen konnte, fand ihn bei der Rück-
kehr nicht verstimmt Bei Beratungen prüfte er gründ-
lich und mit Ausdauer und begnügte sich nie mit
Wahrscheinlichkeiten. Seine Freunde verstand er zu
halten, wurde ihrer nie überdrüssig, war aber auch
nie unvernünftig ihnen ergeben. In jeder Lebenslage
bewahrte er die Zufriedenheit und Heiterkeit Für
die Zukunft sorgte er gewissenhaft vor und war ohne
Digitized by
Google
viel Aufhebens aul die geringsten Vorfälle gefaßt.
Das Zujauchzen des Volkes und jegliche Schmeichelei
hielt er sich fem. Ein wachsames Auge besaß er
für die Staatsbedürfnisse und war sparsam beim
Ausgeben öffentlicher Gelder, ertrug auch willig den
Tadel, der ihm deshalb manchmal erwuchs. In seinem
Verhältnis zu den Göttern beherrschte ihn keine aber-
gläubische Furcht, und den Menschen gegenüber
buhlte er nicht um Beliebtheit durch Gefallsucht oder
Begünstigung des Pöbels, vielmehr besaß er in allem
nüchterne Festigkeit, achtete die Sitten und war ein
Feind unklarer Neuerer. Die Genüsse, die das Leben
angenehm machen und die das Glück reichlich bot^
benutzte er mit Maß und Freiheit, indem er sich
dessen, was er hatte, ungesucht erfreute, ohne das^
was er nicht hatte, zu vermissen. Niemand konnte
von ihm behaupten, er sei ein Sophist, ein einfältiger
Schwätzer oder ein Pedant; sondern jeder mußte zu-
geben, einen Mann von reifem Verstand und großer
Vollkommenheit, zu groß für Schmeichelei, fähig sich
selbst und andere wohl zu leiten, vor sich zu haben.
Außerdem wußte er wahre Philosophen wohl zu ehren,
ohne die andern herabzusetzen oder sich von ihnen
leiten zu lassen. Im Umgang war er angenehm und
liebte einen maßvollen Scherz. Seinen Leib pflegte
er mit Maßen und nicht wie ein Lebemann oder
putzsüchtiger Mensch, doch ohne ihn zu vernach-
lässigen, so daß er auch, dank seiner Sorgfalt, fast
nie einen Arzt gebrauchte. Einer seiner Haupt-
charakterzüge aber war, daß er Männern, die irgend
eine hervorragende Gabe besaßen, ob nun in der
Beredsamkeit, Gesetzeskunde, Ethik oder auf einem
Digitized by
Google
sonstigen Gebiete, neidlos den Vorrang ließ, ja ihnen
sogar dazu behilflich war, die ihren Gaben gebüh-
rende Anerkennung zu erlangen. Wenn er weiterhin
in allem dem Vorbilde seiner Vorfahren nachahmte,
vermied er doch mit seiner konservativen Gesinnung
zu prahlen. Er war fem von allem Wankelmut und
jeder Unbeständigkeit und verweilte gern an den-
selben Orten und bei denselben Geschäften, zu denen
er nach den heftigsten Kopfschmerzen mit der Kraft
eines Jünglings zurückkehrte. Er war kein Geheimnis-
krämer, die wenigen Geheimnisse, die er hatte, be-
trafen das Staatswohl. Klugheit und Maßhalten lenkten
ihn bei der Veranstaltung öffentlicher Spiele, bei der
Errichtung von Gebäuden, Austeilung von Spenden
und anderem derart; überhaupt ließ er sich seine
Handlungen nur durch das Gebot der Pflicht, nicht
durch die Aussicht auf zu gewinnenden Ruhm vor-
schreiben. Er badete nicht zur Unzeit, frönte keiner
übertriebenen Baulust, machte sich nichts aus Lecker-
bissen, nichts aus feinem Gewebe und auseriesenen
Farben der Gewänder, nichts aus blühender Schön-
heit seiner Sklaven. Seine gewöhnliche Toga stammte
von der unteren Villa in Lorium, das übrige von
Lanuvium, in Tusculum trug er einen Oberrock,
wegen dessen er sich entschuldigte bei seinen Gästen;
und so war seine ganze Art. Nichts Hartes, Unehr-
erbietiges, Heftiges lag in ihm, noch etwas, wie man
sagt. Unharmonisches, sondern alles war, wie bei
guter Muße, wohl überlegt, unerschütteriich geordnet,
in sich fest und mit sich selbst übereinstimmend.
Auf ihn könnte man anwenden, was von Sokrates
berichtet wird, daß er zu entbehren und zu genießen
8
Digitized by VjOOQIC
verstand, wo die große Menge zum Entbehren zu
schwach, zum Genießen zu unmäßig gewesen wäre.
Im Entbehren aber mutig zu ertragen, im Genuß
nüchtern zu bleiben, ist das Kennzeichen eines Mannes
mit starker unbesiegbarer Seele, und so war mein
Vater während der Krankheit des Maximus. (16)
Den Göttern verdanke ich, daß ich rechtschaffene
Großeltern, rechtschaffene Eltern, eine recht-
schaffene Schwester, rechtschaffene Lehrer, recht-
schaffene Hausgenossen, Verwandte, Freunde, ja
nahezu lauter rechtschaffene Menschen um mich hatte.
Aber auch das, daß ich mich gegen keinen derselben
aus Übereilung vergangen habe, obschon ich hierzu
die Anlage hatte, nach der ich es hätte tun können I
Die Gnade der Götter aber verhütete das Zusammen-
treffen von Umständen, die mich zu Fall gebracht
hatten. Die Götter fügten es auch, daß ich nicht
noch länger bei der Geliebten meines Großvaters er-
zogen ward, daß ich meine Jugendreinheit bewahrte
und nicht vor der Zeit meine Manneskraft verbrauchte ^,
sondern sie über die Zeit hinaus aufsparte; daß idi
einen Herrscher und Vater über mir hatte, der jeden
Keim des Hochmutes in mir vertilgte und in mir die
Einsicht erweckte, daß man auch am Hof ohne Leib-
garde, Prachtgewänder, Fackeln und Ehrensäulen und
sonstigen Aufwand leben könne in einer beinahe nur
dem Privatmann eigenen Einfachheit, ohne daß darum
die Würde und der Ernst in der Erfüllung der Regenten-
pflichten im mindesten Not zu leiden braucht. Die
Götter verliehen mir auch einen Bruder, der mich
durch sein Benehmen zur Selbstbeobachtung an-
spornte und durch seine Achtung und Liebe mich
Digitized by
Google
erfreute; sie schenkten mir Kinder, deren Geist hell,
deren Körper gesund war; sie fügten es, daß ich weder
in der Rhetorik und Poesie, noch in anderen Wissen-
schaften zu große Fortschritte machte, die mich viel-
leicht sonst zu einseitig gefesselt hätten; sie lenkten
meine Hand, als ich meine Erzieher in Stellen erhob,
die ihnen gerade wünschenswert waren und sie nicht
mit der leeren Hoffnung abspeiste, daß ich erst später
ihrer gedenken werde. Der göttlichen Fügung ver-
danke ich meine Bekanntschaft mit Apollonius,Rusticus
und Maximus. Die Götter lenkten meine Gedanken
auf ein naturgemäßes Leben und seine Beschaffenheit
hin; an Gaben, Hilfeleistungen und Eingebungen
ließen sie es nicht fehlen, mich auf den naturgemäßen
Lebensweg hinzuführen, und wenn ich von diesem
Ziele noch entfernt bin, so ist es meine Schuld, daß
ich die göttlichen Mahnungen, ja geradezu Offen-
barungen so schlecht befolgt habe. Die Götter ver-
liehen meinem Körper die Kraft, so viele Beschwerden
des Lebens ertragen zu können, sie hielten mich fem
von der Gemeinschaft mit Leuten wie Benedicta und
Theodotus*) und heilten mich auch später in meinen
Liebesschmerzen; ihnen verdanke ich, daß ich, ob-
schon öfter gegen Rusticus aufgebracht, mir doch
nie eine Handlung gegen ihn erlaubte, die mich jetzt
reuen könnte; daß meine Mutter ^ die so jung hat
sterben müssen, wenigstens ihre letzte Lebenszeft bei
mir zubringen durfte; daß meiner für die Armen und
sonstigen Bedürftigen offenen Hand stets auch die
Mittel zur Verfügung standen und ich nie die drückende
Lage des Schuldenmachens kennen lernte. Sie schenk-
ten mir eine lenksame, zärtliche, liebende und ein-
10
Digitized by VjOOQIC
fache Gattin, geschickte Erzieher für meine Kinder;
im Traume ließen sie mich Heilmittel, besonders
gegen Blutspeien und Schwindel erkennen; sie ließen
meinen nach Philosophie dürstenden Geist nicht in
die Hände der Sophisten geraten, noch sich mit Lesen
ihrer Schriften, Auflösung von Trugschlüssen und
Untersuchungen über die Gestirne unnütz aufreiben.
Alles das fügten die Götter und ein gnädiges Ge-
schick I (17)
Geschrieben bei den Quaden am Granna.
Digitized by
Google
VW
it
ZWEITES BUCH
^^^'r^r^
m
In der Morgenstunde sage zu dir selbst: Ich werde
heute mit einem vorwitzigen, undankbaren, über-
mütigen, ränkesüchtigen, verleumderischen, ungesel-
ligen Menschen zusammentreffen. All diese Fehler
haften jenen an, weil sie das Gute und Böse nicht
kennen. Ich aber habe eingesehen, daß das Gute
seinem Wesen nach schön, das Böse seinem Wesen
nach häßlich ist und daß die Natur des Fehlenden
selbst mir verwandt ist, nicht weil wir von gleichem
Blut und gleicher Abkunft wären, sondern da wir
derselben Vernunft, der göttlichen Bestimmung teil-
haftig sind. Auch kann mir keiner von ihnen schaden;
denn niemand kann mich zum Schändlichen ver-
führen. Auch kann ich dem, der mir verwandt ist,
nicht zürnen, oder ihm gram sein. Sind wir doch
zur gemeinsamen Wirksamkeit geschaffen, wie die
Füße, die Hände, die Augenlider, die obere und untere
Kinnlade. Einander entgegenzuwirken,wäre also natur-
widrig; entgegenwirken aber hieße es, wenn man
Unwillen und Abscheu gegeneinander empfände. (1)
Was ich auch sein mag, es ist nur ein wenig
Fleisch, ein Lebenshauch und die leitende Ver-
12
Digitized by
Google
nunft. Laß die Bücher I Laß dich nicht zerstreuen,
es ist dir nicht erlaubt I Sondern wie ein dem Tode
Entgegenschreitender verachte dieses Fleisch: Blut,
Knochen, ein Gewebe aus Nerven, Sehnen und Adern
zusammengeflochten, weiter nichts; betrachte aber
auch diesen Lebenshauch, was ist er denn? Ein Wind,
nicht einmal immer derselbe, sondern in jeder Stunde
ausgehaucht und wieder eingeatmet Das Dritte ist
die leitende Vernunft; darüber denke so: Du bist alt,
laß sie also nicht mehr länger Sklavin sein, nicht mehr
länger durch wilde Triebe hin- und hergezerrt werden,
noch zürne dem gegenwärtigen Geschick oder werde
erschüttert von dem zukünftigen. (2)
Die Werke der Götter sind voll von Spuren ihrer
Vorsehung. Auch die scheinbar zufälligen Er-
eignisse sind nichts Unnatürliches, sie sind Glieder
im Weltgewebe und verkettet mft den von der Vor-
sehung gelenkten Ursachen; von ihr geht alles aus.
Mit ihr verkettet ist auch die Notwendigkeit und das,
was dem Weltganzen nützlich ist, von dem du ein
Teil bist. Denn jedem Einzelteil der Natur muß das
gut sein, was die Natur des Ganzen erfordert und
was für sie erhaltend wirkt. Das Weltganze aber
wird erhalten durch die Veränderung der Grundstoffe
und der aus ihnen bestehenden Körper. Damft be-
gnüge dich, das sei dein einziger Lehrsatz. Die
Bücherbegier tue ab, damit du nicht murrend stirbst,
sondern heiter und mit echter Dankbarkeit gegen
die Götter. (3)
Denke daran, wie lange du diese Aufzeichnungen
aufschobest und wie oft du die von den Göttern
dir gebotene Gelegenheit vorübergehen ließest Du
Digitized by
13
Google
mußt es doch endlich einmal merken, welcher Welt
du ein Teil, welches Weltregenten du eine Aus-
strömung bist! Schon ist die Zeit für dich abgegrenzt,
sie schwindet dahin, wenn du sie nicht zur Seelen-
heiterkeit nützest, und du selber fährst dahin, und
nie wird sie wiederkehren! (4)
Stündlich denke daran, als Römer und Mann dein
Tagewerk mit gewissenhaftem und ungekünsteltem
Ernst, mit Menschenliebe, Freimut und Gerechtigkeit
zu verrichten! Halte alle andern Gedanken von dir
fem, und das wird dir gelingen, wenn du jede deiner
Handlungen verrichtest, als sei es die letzte deines
Lebens, frei von jeder Überstürzung und leidenschaft-
lichen Abneigung gegen die Leitung der Vernunft,
frei von Heuchelei und Eigenliebe, ergeben in das
dir bestimmte Los. Du siehst, wie wenig man sich
aneignen muß, um auf glatten Wogen durchs Leben
zu fahren, ja um göttergleich zu leben. Denn die
Götter selbst verlangen nichts weiter von dem, der
dies beobachtet. (5)
Schmähe dich, schmähe dich, o Seele: dich zu
ehren, wirst du keine Zeit mehr haben! Denn
unser Leben ist so kurz. Dein eigenes ist nahezu
beendet, und du hast keine Achtung vor dir selbst,
sondern suchst dein Glück in den Seelen anderer! (6)
Was zerstreuen dich die Außendinge? Nimm dir
Zeit, etwas Gutes zu lernen, und laß dich nicht
weiter wie ein Wind umhertreiben! Auch vor jener
anderen Verirrung hüte dich: denn es gibtauch Toren,
die sich ihr ganzes Leben lang abmühen, aber kein
Ziel vor Augen haben, auf das sie alle ihre Wünsche
und Gedanken richten. (7)
14
Digitized by VjOOQIC
Dadurch, daß man sich nicht um das kümmert, was
in der Seele eines andern vor sich geht, wird
man wohl nicht so leicht unglücklich ; wer aber nicht
mit aller Aufmerksamkeit den Bewegungen der eigenen
Seele folgt, muß notwendig unglücklich werden. (8)
Daran mußt du immer denken, was die Natur des
Ganzen und was die deinige ist und in wel-
chen Beziehungen diese zu jener steht, und von wel-
chem Ganzen sie einen Teil bedeutet und daß es
dir niemand wehren kann, im Reden und Handeln
dich immer in Übereinstimmung mit der Natur, von
der du ein Teil bist, zu befinden. (9)
Theophrast sagt bei einer Vergleichung der Ver-
gehen, insofern man nach den gewöhnlichen Be-
griffen eine solche aufstellen kann, in echt philosophi-
schem Geiste, die Übertretungen aus Begierden seien
schwerwiegender als die aus Zorn; entfernt sich doch
offenbar der Zornige mit einem gewissen Schmerz
und einer geheimen Beklommenheit von der Vernunft;
wer aber aus Begierden fehlt, wen die Lust tibermannt,
erscheint zügelloser und unmännlicher in seinen
Fehlem; mit Recht und eines Philosophen würdig
sagte er daher, der mit Lust begangene Fehler sei
strafwürdiger, als der mit Mißstimmung verbundene;
im ganzen gleicht ja auch der Zürnende mehr einem
Menschen, der vorher gekränkt war und durch Schmerz
zum Zorn fortgerissen wurde, der andere dagegen ent-
schließt sich freiwillig zum Unrecht, durch seine Be-
gierden zu einer Tat hingerissen. (10)
TTTTie wenn du diesen Augenblick aus dem Leben
Vy gehen solltest, so sei dein Tun, Reden und Denken
beschaffen. Von den Menschen zu scheiden ist nichts
Digitized by
15
Google
Schreckliches, wenn es Götter gibt, denn diese werden
dich ja wohl nicht dem Unheil preisgeben; wenn es
aber keine Götter gibt oder sie sich nicht um die
Menschen kümmern, was soll ich dann noch leben
in einer Welt ohne Götter oder ohne Vorsehung?
Aber es gibt Götter, und sie sorgen für den Menschen,
und sie haben es ganz in seine Hand gelegt, daß er
nicht in die wahren Übel gerate; wenn es aber noch
andere Übel gäbe, hätten sie auch dafür gesorgt,
daß er die Macht habe, nicht von ihnen betroffen zu
werden. Was aber den Menschen selbst nicht schlim-
mer macht, wie sollte dies sein Leben schlimmer
machen können? Die Allnatur hätte weder in Un-
bewußtheit noch mit Bewußtsein, aber aus Unfähig-
keit, so etwas zu verhüten oder wieder gutzumachen,
eine derartige Nachlässigkeit sich zu schulden kommen
lassen; ebensowenig hätte sie aus Unvermögen oder
Ungeschicklichkeit ein solches Verfahren begangen,
Güter und Übel in gleichem Maße ohne Unterschied
den guten und bösen Menschen zukommen zu lassen.
Tod und Leben, Ruhm und Ruhmlosigkeit, Unlust
und Lust, Reichtum und Armut, all dies wird den
Guten und Bösen in gleicher Weise zuteil, ist an
sich aber weder etwas Schönes noch etwas Häß-
liches, also auch weder ein Gut noch ein Übel. (11)
TTTTie schnell doch alles entschwindet! In der Welt
YY die Menschen selbst, im Lauf der Zeit ihr Ge-
dächtnis! Was sind alle Dinge der Sinnenwelt, be-
sonders die, die uns durch Lust anlocken oder durch
Unlust zurückschrecken, oder endlich durch ihre
Scheingröße laut gepriesen werden? Wie unbedeutend,
verächtlich, wie befleckt, hinfällig und tot! Darüber
16
Digitized by VjOOQIC
nachzudenken, ist Pflicht für einen ernsten Menschen.
Wer sind denn die, deren Meinungen und Urteile
Ruhm verleihen? Was bedeutet das Sterben? Wenn
man es für sich allein betrachtet und in Gedanken
davon trennt, was die Einbildung ihm angeheftet
hat, so wird von ihm nichts anderes mehr übrig
bleiben, als eine Wirkung der Natur. Wer sich aber
vor einer Naturwirkung fürchtet, ist ein Kind. Doch
weiter! Der Tod ist nicht nur eine Naturwirkung,
sondern eine ihr heilsame Wirkung. Wie erfaßt end-
lich der Mensch das Göttliche und durch welchen
Teil seines Wesens, und wenn dies Körperteilchen
zerstäubt ist, in welchem Zustand befindet sich dann
der Mensch? (12)
Nichts ist elender, als ein Mensch, der alles wie
im Kreis durcheilt, der die Tiefe der Erde, wie
Pindar sagt, durchforscht, und was in der Seele seines
Nebenmenschen vorgeht, zu erraten sucht, ohne einzu-
sehen, daß es ihm genügen müßte, mit dem Genius
seines Inneren zu verkehren und dem aufrichtig
zu dienen. Dieser Dienst aber besteht darin, ihn von
Leidenschaften, Eitelkeiten und Unzufriedenheit mit
dem Tun der Götter und Menschen rein zu erhalten.
Denn was von den Göttern kommt, ist wegen ihrer
Vollkommenheit ehrwürdig, was aber von den Men-
schen kommt, wegen der Verwandtschaft mit ihnen
teuer, manchmal vielleicht auch bemitleidenswert wegen
ihrer Unkenntnis des Guten und Bösen; sie leiden an
einem Gebrechen ähnlich demjenigen, weiß und schwarz
nicht voneinander unterscheiden zu können. (13)
Wenn du auch dreitausend Jahre lebtest oder
dreißigtausend, so vergiß doch nie, daß keiner
2 17
Digitized by
Google
ein anderes Leben verliert, als das, welches er wirk-
lich lebt, und kein anderes lebt, als das, welches er
verliert. Das längste Leben läuft also mit dem kürzesten
auf eines hinaus. Der gegenwärtige Augenblick ist
für alle gleich und der entschwindende sollte es
nicht sein? Auch der verlorene erscheint in Wirk-
lichkeit nur wie ein Augenblick, denn weder kann
man die Vergangenheit, noch die Zukunft verlieren,
denn was man nicht hat, kann man auch nicht ver-
lieren. Folgende beiden Wahrheiten muß man sich
also merken: Die eine, daß alles von Ewigkeit her
gleich ist und sich im Kreislauf befindet und daß es
einerlei ist, ob man dieselben Dinge hundert oder
zweihundert Jahre lang oder eine ewige Zeit hindurch
beobachtet, die andere, daß der im höchsten Alter
Sterbende und der sehr jung Dahingeraffte das gleiche
verlieren. Denn nur den gegenwärtigen Augenblick
verlieren sie, da sie nur diesen allein besitzen; was
man aber nicht besitzt, kann man auch nicht ver-
lieren. (14)
Alles beruht auf der Meinung. Die Aussprüche des
Cynikers Monimos*) beweisen dies; sie sind auch
nützlich, wenn man sie auf das daran Wahre ein-
schränkt. (15)
Des Menschen Seele entehrt sich selbst am meisten
dann, wenn sie durch eigene Schuld ein Aus-
wuchs und ein Geschwür der Welt wird. Denn die
Unzufriedenheit über irgend ein Geschehnis ist schon
ein Abfall von der Natur, die in ihren Teilen das
Wesen der Einzeldinge in sich faßt Femer entehrt
sie sich, wenn sie einen Menschen verabscheut oder
aus Feindseligkeit ihm zu schaden trachtet, wie es
18
Digitized by VjOOQIC
die Zürnenden tun. Sie würdigt sich auch herab,
wenn sie der Lust oder Unlust erliegt; ferner, wenn
sie heuchelt oder im Reden und Tun Verstellung und
Unwahrheit an den Tag legt. Schließlich, wenn sie
nicht bei jeder ihrer Handlungen ein Ziel erstrebt,
sondern unbesonnen sich vom Zufall treiben läßt,
während doch die unbedeutendsten Tätigkeiten immer
mit Rücksicht auf einen bestimmten Zweck geschehen
sollen. Zweck vernünftiger Wesen aber ist, dem ver-
nünftigen Gesetz des ältesten Staates*) und der ehr-
würdigsten Verfassung zu folgen. (16)
Des menschlichen Lebens Zeit ist ein Augenblick,
sein Wesen dem fließenden Wasser ähnlich; die
Empfindung ist dunkel, des ganzen Körpers Gewebe
zum Verwesen geneigt, die Seele ein Kreisel, ihr
Schicksal ein Rätsel, des Menschen Nachrede ver-
worren; kurzum, was zum Leib gehört, ein Strom,
was zur Seele gehört, Traum und Rauch; das Leben
ein Kampf und eine Reise im fremden Land, der
Nachruhm Vergessenheit. Was gibt es nun, das uns
da leiten kann? Einzig und allein die Philosophie.
Diese aber besteht darin, den Genius in seinem
Inneren vor übermütiger Schädigung zu bewahren,
der Lust und dem Schmerz überlegen zu sein, nichts
dem Zufall zu überlassen, nie zur Lüge und Heuchelei
zu greifen, unabhängig zu bleiben vom Tun und
Lassen der andern, alle Begegnisse und Schicksale
als von daher kommend hinzunehmen, woher wir
selbst kommen, bei allem aber den Tod mit heiterem
Sinn zu erwarten als nichts anderes denn die Trennung
der Elemente, aus denen jedes lebende Wesen zu-
sammengesetzt ist. Wenn aber für die Elemente selbst
2* 19
Digitized by VjOOQIC
nichts Schreckliches darin liegt, daß jedes von ihnen
fortwährend in ein anderes umgewandelt wird, warum
sollte man die Umwandlung und Auflösung aller zu-
sammen mit betrübtem Auge betrachten? Auch sie
geschieht ja der Natur gemäß, und was der Natur ge-
mäß geschieht, ist kein Übel (17)
Geschrieben in Camuntum,
öi^sP
Digitized by
Google
DRITTES BUCH
Man muß nicht nur das bedenken, daß unser Leben
sich tagtäglich aufzehrt, und mit jedem Tag der
Rest kleiner wird, sondern auch jenes, daß selbst,
wenn jemand länger leben sollte, es doch ungewiß
ist, ob auch unsere Denkkraft dieselbe Fähigkeit be-
halten wird für jene Betrachtung, die die Einsicht in
göttliche und menschliche Dinge bezweckt. Denn
wenn man einmal beginnt, kindisch zu werden, so
hört zwar das Vermögen zu atmen, zu verdauen, Vor-
stellungen und Triebe zu haben und alles andere derart
nicht auf; die Fähigkeit aber, seine Kräfte selbsttätig
zu brauchen, seine jeweilige Pflicht zu berechnen, die
Eindrücke zu zergliedern, sich darüber klar zu werden,
ob es Zeit ist, bereits jetzt aus dem Leben zu scheiden
und über andere derartige eine geübte Denkkraft er-
fordernde Dinge, diese Fähigkeit ist in uns erloschen.
Darum müssen wir eilen, denn wir nähern uns nicht
nur mft jedem Augenblick dem Tode, sondern die
Fassungskraft und die Fähigkeit zu denken hören oft
schon früher auf. (1)
Es verdient unsere Beachtung, daß auch Erschei-
nungen, die sich zufällig in den Naturerzeugnissen
21
Digitized by
Google
vorfinden, etwas Reizendes und Anziehendes besitzen:
So hat z. B. manchmal das gebackne Brot Risse und
Spalten, die zwar der Absicht des Bäckers nicht ent-
springen, aber doch eine gewisse Annehmlichkeit be-
sitzen und in eigentümlicher Weise unsere Eßlust er-
regen. So brechen auch die Feigen, wenn sie über-
reif sind, auf; und den überzeitigen Oliven verleiht
gerade die Annäherung der Fäulnis der Frucht etwas
besonders Liebliches. Die niederhängenden Ähren,
die faltige Stimhaut des Löwen, der aus des Ebers
Rachen triefende Schaum und vieles andere derart
ist, an und für sich betrachtet, fem von aller Wohl-
gestalt, und doch trägt es, weil es zur Natur eines
Dinges gehört, mit zu seinem Schmuck bei und macht
uns Vergnügen. Wenn daher jemand nur Empfäng-
lichkeit und tieferes Verständnis für alles, was im
All geschieht, besitzt, so gibt es kaum, etwas, das
nicht auch unter solchen Nebenumständen ihn die
Harmonie auch des Kleinsten mit dem Weltall lehren
könnte. Wer das begriffen hat, wird den natürlichen
Rachen wilder Tiere mit nicht geringerem Vergnügen
betrachten, als den von Malern und Bildhauern näch-
gebildeten, und seinem von der Weisheit geöffneten
Auge wird sich ebenso die eigenartige Schönheit be-
tagter Frauen und alter Männer enthüllen wie die
liebliche Jugendblüte von Knaben. Derart gibt es
noch vieles, was nicht jedermann, sondern nur den
anspricht, der für die Natur und ihre Werke einen
erschlossenen Sinn besitzt. (2)
Hippokrates, der doch so viele Krankheiten geheilt
hatte, wurde selbst krank und starb. Die Chal-
däer, die vielen den Tod prophezeit hatten, eriagen
22
Digitized by VjOOQIC
schließlich doch demselben Geschick. Alexander,
Pompeius und Gaius Cäsar hatten so oft ganze Städte
von Grund aus zerstört und viel tausend Mann zu
Pferd und zu Fuß in den Schlachten vernichtet, aber
endlich wurden auch sie hinweggerafft. Heraklit, der
so viele naturphilosophische Betrachtungen über den
Weltuntergang durch Feuer angestellt hatte,, mußte
an der Wassersucht sterben, in Rindsdünger gehüllt.
Den Demokrit brachte Ungeziefer um; Sokrates erlag
dem Ungeziefer in Menschengestalt. Wozu diese
Erwägungen? Auch du hast das Lebensschiff be-
stiegen, bist abgefahren und im Hafen angelangt:
steige nun aus; isfs zu einem andern Dasein, so ist
ja nichts götterlos, auch dort nicht; ist's aber in einen
Zustand der Fühllosigkeit, so enden deine Leiden
und Freuden, du bist nicht mehr in ein Gefäß ein-
geschlossen, dessen Wertlosigkeit durch den Wert
des darin Dienenden erst recht deutlich wird. Denn
dies ist der vernünftige Geist, der Genius in dir,
jenes dagegen Erde und Verwesung. (3)
Verschwende nicht den Rest deines Lebens mit
Gedanken an andere, wofern sie keine Beziehung
zum allgemein Nützlichen haben. Denn du versäumst
dadurch ein anderes Geschäft, wenn du darüber nach-
denkst, was der oder jener tut und warum und was er
redet, denkt oder beabsichtigt und dergleichen Erwä-
gungen, die dich von der Beobachtung der leitenden
Vernunft abziehen. Darum muß man das Zufällige und
Vergebliche aus der Reihe unserer Vorstellungen ver-
bannen, vor allem aber die Neugier und Arglist; da-
gegen muß man sich daran gewöhnen, nur solche
Vorstellungen zu haben, über die man, wenn uns
Digitized by
23
Google
jemand plötzlich fragt: „Was denkst du im Augen-
blick?* freimütig antworten könnte: „An dies oder
das," so daß man ohne weiteres erkennt, hier ist
alles einfach und voller Güte, wie es einem geselligen
Wesen geziemt, welches alle Vorstellungen der Wollust
oder eines sonstigen Genusses und ebenso der Streit-
sucht, des Neides, des Argwohns und dergleichen,
was uns erröten machen könnte, gar nicht in sich
aufkommen läßt. Wahrlich, ein solcher Mann, der
nichts unterläßt, sich den Besten anzureihen, ist wie
ein Priester und Diener der Götter, in innigem Ver-
kehr mit dem Genius, der in ihm seinen Tempel hat.
Der madit ihn zu einem Menschen, den Lüste nicht
beflecken, Schmerzen nicht verletzen, Kränkung nicht
beugt, Bosheit nicht trifft, zu einem Helden im
schwersten aller Kämpfe, in dem mit den Leiden-
schaften, tief durchdrungen vom Geist der Gerechtig-
keit, aus vollem Herzen alles gerne hinnehmend, was
ihm zustößt und beschert wird. Selten und nur,
wenn es das Gemeinwohl unbedingt fordert, denkt
er daran, was wohl ein anderer sagt, tut oder meint
Nur was in den Kreis seiner Pflichten gehört, ist
Ziel seiner Tätigkeit, und was im Gewebe des Ganzen
das Geschick ihm gesponnen hat, beständig Gegen-
stand seines Nachdenkens. Jenes verrichtet er so
gut er kann, dieses nimmt er mit fester Überzeugung
für gut hin. Ist ja doch das einem jeden zugeteilte
Los auch für jeden zuträglich. Auch daran denkt
er, daß alle vernünftigen Wesen miteinander verwandt
sind und daß es in der menschlichen Natur liegt,
alle Menschen zu lieben, daß man nicht nach der
Anerkennung aller, sondern nur derer, die natur-
24
Digitized by VjOOQIC
gemäS leben, streben mufi; stets hält er sich vor
Äugen, wie die, welche nicht so leben, daheim und
auSer dem Haus, bei Tag und bei Nacht, sich be-
nehmen, und mit was für Leuten sie sich gemein
machen. Auf das Lob solcher Menschen, die nicht
einmal sich selbst genfigen können, legt er keinen
Wert. (4)
Tue nichts widerwillig, nichts ohne Rücksicht aufs
allgemeine Beste, nichts übereilt, nichts im Ge-
triebe der Leidenschaft. Kleide deine Gedanken
nicht in das Gewand zierlicher Redensarten, sei nicht
weitschweifig, noch vielgeschäftig; immer sei der
Gott in dir Führer eines gesetzten, gereiften, staats-
klugen Mannes, eines echten Römers, eines Herrschers,
der sich selbst einen Posten angewiesen hat, auf dem
er, ohne eines Eides oder der Zeugenschaft anderer zu
bedürfen, bereitwillig das Signal erwartet, das ihn aus
dem Leben ruft. In dir sei heitre Klarheit, du brauchst
nicht die Hilfe, die von außen her kommt, und kannst
den Frieden entbehren, den andere gewähren. Stehe
selbst aufrecht, ohne von andern aufrecht gehalten
zu werden 1 (5)
Wenn du im Menschenleben etwas Besseres findest
als Gerechtigkeit, Wahrheit, Selbstbeherrschung,
Mannhaftigkeit, mit einem Wort als eine Seele, die
hinsichtlich ihrer vernunftgemäßen Handlungsweise
mit sich selbst, hinsichtlich dessen, was nicht in ihrer
Gewalt steht, mit dem Schicksal zufrieden ist, wenn
du, sage ich, etwas Besseres als das findest, so wende
dich dem mit ganzem Herzen zu und freue dich des
höchsten Gutes. Wenn dir aber nichts besser er-
scheint als der in dir wohnende Genius, der die
Digitized by
25
Google
eigenen Begierden sich unterworfen hat, seine Vor-
stellungen genau prüft, sich, wie Sokrates zu sagen
pflegte, von der Herrschaft der Sinne befreit und der
Leitung der Götter unterwirft und für Menschenwohl
sorgt — wenn alles andere dir demgegenüber gering
und wertlos erscheint, so gib auch keinem andern
Dinge Raum. Denn hast du dich einmal hinreißen
lassen, so steht es nicht mehr in deiner Macht, jenem
einzigen Gute, das in Wahrheit dein eigen ist, den
Vorrang einzuräumen. Denn jenem Gut der Ver-
nunft und des Handelns, irgend etwas Fremdartiges,
wie den Beifall der Menge, Herrschermacht, Reichtum
oder Sinnengenüsse an die Seite zu stellen, wäre ein
Unrecht. All dies würde, wenn es dir anfangs auch nur
wenig zu taugen schiene, bald die Oberhand gewinnen
und dich ablenken. Du aber, sage ich, wähle mit
geradem und freiem Sinn das Bessere und halte
daran fest. Das Bessere ist aber auch das Zuträgliche;
das, was dir als vernünftigem Wesen nützt, bewahre,
wenn es aber nur dem Tierischen in dir förderiich
ist, so laß es fahren, und erhalte dein Urteil frei von
Vorurteilen, damit deine Entscheidung auch richtig
ausfällt. (6)
Halte nie etwas für dich zuträglich, was dich nötigen
könnte, je dein Wort zu brechen, deine Ehre
zu verlieren, einen Menschen zu hassen, ihn zu ver-
dächtigen oder zu verwünschen und dich vor ihm zu
verstellen; wünsche nie etwas, das der Wände und
Vorhänge bedürfte. Denn wer die Vernunft und den
inneren Genius und den seiner Herrlichkeit geweihten
Dienst allem vorzieht, vor dessen Schwelle wird das
Tragische Halt machen, er wird nicht stöhnen, wird
26
Digitized by VjOOQIC
sich weder nach Einsamkeit noch nach dem Umgang
mit einer großen Gesellschaft sehnen, er wird Meister
sein der höchsten Lebenskunst: leben, ohne das Leben
ängstlich zu suchen oder zu fliehen, gleichgültig, ob
seine Seele einen längeren oder kürzeren Zeitraum
hindurch im Körper eingeschlossen sein soll. Und
wenn er sich eben jetzt vom Leben trennen sollte,
wird er ebenso gerne aus demselben scheiden, als
wenn er eine andere mit Ehre und Anstand überein-
stimmende Handlung erfüllen müßte. Nur davor
hütet er sich sein Leben lang, seine Seele einer Rich-
tung zu überlassen, die eines denkenden und ge-
selligen Wesens unwürdig ist (7)
In der Seele eines erzogenen und ^läuterten Men-
schen findet sich nichts Eiterndes, Unreines oder
innerlich Faules. Auch entreißt ihm das Geschick
sein Leben nicht unvollendet, wie man von einem
Schauspieler sagen könnte, daß er von der Bühne
abgetreten sei, ohne seine Rolle ausgespielt zu haben.
An ihm findet sich nichts Knechtisches, nichts Ge-
ziertes, keine Aufdringlichkeit, keine Zerrissenheit,
nichts Tadelnswertes noch Lichtscheues. (8)
|-^flege deine Urteilskraft I Sie allein kann dich davor
Jl bewahren, daß in dir Ansichten entstehen, die
mit der Natur und der Beschaffenheit eines vernünf-
tigen Wesens im Widerspruch stehen. Sie aber ver-
langt von uns Enthaltung von vorschnellen Urteilen,
Wohlwollen im Verkehr mit den Menschen, Gehorsam
gegenüber den Göttern. (9)
Lege alles andere beiseite, halte nur an jenem einen
fest, und bedenke überdies, daß wir nur diesen
kurzen gegenwärtigen Augenblick leben; die übrige
Digitized by
27
Google
Zeit ist entweder schon durchlebt oder liegt noch im
Dunkel. Unbedeutend ist also das Leben eines jeden,
unbedeutend das Fleckchen Erde, auf dem er sich
herumtreibt, unbedeutend auch der dauerndste Nach-
ruhm; denn er pflanzt sich fort durch eine Reihe
schnell dahinsterbender Menschen, die nicht einmal
sich selbst kennen, geschweige denn einen längst
vor ihnen Gestorbenen 1 (10)
Den hier ausgesprochenen Lebensregeln muß noch
eine beigefügt werden: von jedem Gegenstande,
der in den Kreis deiner Vorstellungen fällt, bilde dir
einen genauen bestimmten Begriff, so daß du ihn
nach seinem wirklichen Wesen unverhüllt, ganz und
nach allen seinen Bestandteilen anschaulich erkennen
und ihn selbst wie auch die einzelnen Merkmale,
aus denen er zusammengesetzt ist und in die er sich
wieder zerlegen läßt, mit ihrem richtigen Namen be-
nennen kannst. Nichts nämlich kann uns hoch-
herziger machen als die Fähigkeit, jedes uns im Leben
begegnende Ding nach richtiger Methode zu unter-
suchen und es immer von der Seite ins Auge zu
fassen, die uns seinen Zusammenhang mit dem
Ganzen beleuchtet, die uns erkennen läßt, welchen
Nutzen es bietet, welchen Wert für das Ganze, welchen
für den Einzelmenschen als Bürger jenes höchsten
Staates, zu dem sich die übrigen Staaten nur wie
einzelne Häuser zur ganzen Ortschaft verhalten. Sage
zu dir selbst: Was ist denn das, das jetzt in mir
diese Vorstellung auslöst, woraus ist es zusammen-
gesetzt, wie lange kann es seiner Natur nach be-
stehen? Welche Seite meines Wesens muß ich ihm
gegenüber entfalten? Ehre, Sanftmut, Mannhaftigkeit,
28
Digitized by VjOOQIC
Wahrheitsliebe, Vertrauen, Einfalt, Selbstgenügsam-
keit oder sonst eine Tugend? Darum muß man bei
jedem Ereignis sagen: dies kommt von Gott, dies
von der durchs Geschick gewobenen Verkettung der
Dinge und von einem zufälligen Zusammenfluß der
Umstände, oder endlich, dies lührt von einem
Stammesgenossen, Verwandten oder Freund her, der
aber nicht weiß, was für ihn natürlich ist. Ich aber
weiß es. Darum behandle ich ihn nach dem natür-
lichen Gesetz der Gemeinschaft, wohlwollend und
gerecht Ebenso bemühe ich mich, gleichgültige Dinge
nach ihrem wahren Werte zu schätzen. (11)
Wenn du, immer folgsam der gesunden Vernunft,
das, was der Augenblick von dir verlangt, mit
Eifer, Kraft, Freundlichkeit betreibst und, ohne den
Blick nach rechts oder links zu wenden, den Genius
in dir rein zu erhalten suchst, als ob du ihn sogleich
zurückgeben müßtest, wenn du so ohne Furcht und
ohne Hoffnung dir an der jeweils natürlichen Tätig-
keit und heldenmütigen Wahrheitsliebe in deinen
Reden und Äußerungen genügen läßt, wirst du ein
glückliches Leben führen, und niemand kann dich
daran hindern. (12)
Wie die Ärzte immer für unerwartete Operationen
ihre Instrumente und Eisen bei der Hand haben,
so sollst auch du deine Grundsätze stets bereit haben,
um göttliche und menschliche Dinge zu erkennen
und, im Hinblick auf den gegenseitigen Zusammen-
hang beider, alles, auch das Kleinste darnach zu
verrichten. Denn du wirst ebensowenig etwas Men-
schenwürdiges ohne Aufblick zum Göttlichen als
umgekehrt glücklich zuwege bringen. (13)
Digitized by
29
Google
Schweife nicht mehr abl Denn du kommst ja doch
nimmer dazu, deine eigenen Denkwürdigkeiten
oder die Geschichten der alten Römer und Griechen
oder die Auszüge aus anderen Schriftstellern zu lesen,
die du für dein Alter zurückgelegt hast. Eile also
zum Ziel, laS leere Hoffnungen fahren, und hilf dir
selber, solange du es noch kannst, wenn du dich
selbst ein wenig lieb hast. (14)
Die Menschen wissen nicht, was alles Wörter wie
„stehlen, säen, kaufen, ruhen, sehen was man
tun muß", bedeuten; freilich, mit unsem leiblichen
Augen kann man solches nicht erkennen, dazu be-
darf es einer andern Sehkraftl (15)
Leib, Seele, Vernunft; zum Leib gehören die Empfin-
dungen, zur Seele die Triebe, zur Vernunft die
Grundsätze. Durch äußere Eindrücke Vorstellungen
zu empfangen, ist auch den Tieren eigen; durch
Triebe mechanisch erregt zu werden, ist den wilden
Tieren und den Halbmenschen wie Phalaris und
Nero gemein. Und sich durch die Vernunft nur zu
Handlungen des äußeren Anstandes leiten zu lassen,
das verstehen auch die Gottesleugner, Vaterlands-
verräter und geheimen Sünder. Wenn nun so dies
allen gemeinschaftlich ist, so bleibt als eigentümlich
für den Guten nur, daß er alles, was ihm das Schicksal
bietet, mit Liebe aufnehme, den in seiner Brust
thronenden Genius nicht beflecke, noch durch ein
Gewirr von Vorstellungen beunruhige, sondern ihn
heiter erhalte, unbeirrt der Gottheit folge und niemals
die Wahrheft mft seiner Zunge noch die Gerechtigkeft
mft seiner Tat verletze. Und wenn auch alle Men-
schen ihm nicht glauben, daß er ein einfaches, sitt-
30
Digitized by VjOOQIC
sames und wohlgemutes Leben führt, so wird er
darüber weder jemandem böse sein, noch sich von
dem Weg abbringen lassen, der uns dem Ziel ent-
gegenführt, bei dem wir rein, ruhig, bereit und voll
williger Ergebung in das Geschick ankommen
müssen. (16)
Digitized by
Google
Wenn das in uns Herrschende seiner Natur folgt,
stellt es sich den Ereignissen gegenüber so, da6
es sich immer leitht in das Mögliche und Gegebene
zu finden weiß. Denn es liebt nicht einen bestimmt
auserlesenen Stoff der Tätigkeit, sondern die wünschens-
werten Dinge sind nur mit Ausnahme Ziel seines
Strebens. Was ihm aber an deren Stelle begegnet,
macht es sich selbst zum Stoff seines Handelns, der
Flamme gleich, die sich des in sie hineinfallenden
Stoffes bemächtigt, durch den ein schwaches Licht
erlöschen würde; ein helles Feuer aber pflegt das,
was ihm zugeführt wird, sich gar schnell anzueignen
und zu verzehren, und seine Flammen schlagen da-
durch nur um so höher empor. (1)
Keine deiner Handlungen sei unüberlegt, keine ge-
schehe anders als nach den Regeln vollendeter
Lebenskunst. (2)
Einsamkeit suchen die Menschen auf ländlichen
Fluren, am Meeresufer, in den Bergen; und auch
deine Seele sehnt sich immer lebhaft darnach. Doch
einer wie beschränkten Ansicht entspringt dieser
Wunschi Kannst du doch, so oft du nur willst,
32
Digitized by
Google
dich in dich selbst zurückziehen. Gibt es doch nirgends
eine stillere und ungestörtere Zufluchtsstätte, als die
Menschenseele, zumal wenn sie in sich Eigenschaften
birgt, deren Betrachtung eine harmonische Seelen-
stimmung hervorruft; diese aber kann nur aus edler
Sittlichkeit entstehen. Recht oft drum gönne dir diese
Seeleneinsamkeft, und verjünge dich so selbst. Ein-
fach aber und kurz seien die Grundsätze, die ge-
nügen werden, deine Seele heiter zu stimmen und
dich, fem von allem Unwillen, wieder in die Welt
zurückzubegleiten, die du ertragen mußt. Worüber
solltest du auch unwillig sein? Ober der Menschen
Schlechtigkeit? Aber denke doch an den Grundsatz,
daß die vernünftigen Wesen füreinander geboren
sind, daß Verträglichkeft ein Teil der Gerechtigkeit
ist und daß die Menschen unfreiwillig fehlen und
dann, wie viele händelsüchtige und argwöhnische,
feindselige und haßerfüllte Menschen schon im Tode
erstarrt und zu Asche geworden sindl Also, weg mit
deinen Sorgen I Aber vielleicht bist du unzufrieden
mit dem Los, das dir des Weltalls Ordnung be-
stimmte? Denke da an die beiden Möglichkeiten:
Entweder gibt es eine Vorsehung, oder alles ist nur
ein Wirbel von Atomen; oder erinnere dich auch der
Beweise, daß die Welt einer Stadt ähnlich ist. Aber
dich belästigen vielleicht deines Leibes Beschwerden?
Da mußt du eben beherzigen, daß der denkende Geist,
wenn er sich gesammelt hat und seiner Kraft sich
bewußt geworden ist, von keinem sanften oder rauhen
Windhauch der Sinnenweft mehr berührt wird, und
denke auch an alle andern Sätze, die du über Lust
und Leid gehört und dir angeeignet hast. Aber am
Digitized by
33
Google
Ende treibt dich die Ruhmsucht in der Welt umher?
Da sieh hin, wie schnell alles ins Grab der Ver-
gessenheit sinkt, sieh hin auf den unermeßlichen Ab-
grund der Zeit vor dir und nach dir, mache dir klar
die Nichtigkeit des Lobgetöns, die Wandelbarkeit und
Urteilslosigkeit derer, die dir Beifall klatschen, und
die Enge des Raumes, der deinen Ruhm umfa^l bt
doch die ganze Erde nur ein Punkt im All» und welch
kleiner Winkel auf ihr ist deine Wohnung! Und hier,
wie viele sind es, die dich preisen, und wer ist's?
Darum denke daran, dich in das Gebiet, das kleine,
das du selbst bist, zurückzuziehen und vor allem:
zerstreue und übeneize dich nicht, bleibe frei und
sieh die Dinge an wie ein Mann, wie ein Mensch,
wie ein Bürger, — wie ein sterbliches Wesen. Unter
den Wahrheiten aber, die du immer zur Hand haben
sollst, merke dir vor allem zwei: Erstens, daß die
Außenwelt deine Seele nicht berühren kann, sondern
immer unbeweglich draußen steht, also Störungen
deines inneren Friedens nur aus deiner Einbildung
entstehen, und zweitens, daß alles, was du siehst,
sich gar schnell verändert und nicht mehr sein wird.
Und wie vieler Veränderungen Augenzeuge bist du
nicht selbst schon gewesen? Die Welt ein ewiger
Wechsel, das Leben ein Wahnl (3)
Wenn wir das Denkvermögen miteinander ge-
meinsam haben, so ist auch die Vernunft ge-
meinsam, durch die wir vernünftig sind ; ist dies der
Fall, so haben wir auch die innere Stimme gemein,
die uns vorschreibt, was wir tun sollen und was
nicht; wenn aber dies, dann auch ein gemeinsames Ge-
setz, wenn dies, dann sind wir alle Bürger eines uns
34
Digitized by VjOOQIC
allen gemeinschaftlichen Staates, dann ist aber die
Welt gleichsam ein Staat; welchen andern gemein-
samen Staat könnte auch jemand nennen, der das
ganze Menschengeschlecht umfaßte? Eben daher, von
diesem gemeinsamen Staat, haben wir auch das Denk-
vermögen, die Vernunft und die Gesetzmäßigkeit,
oder woher sonst? Denn wie das Erdartige an mir
sich von gewissen Erdteilen abgesondert hat und das
Feuchte von einem andern Grundstoff, und mein Atem
und das Warme und Feurige je aus einer eigentüm-
lichen Quelle herrührt, — denn nichts entsteht aus
dem Nichts, so wenig als ein Etwas je in das Nichts
übergeht — so ist natüriich auch das Denkvermögen
irgend woher gekommen. (4)
Der Tod ist ebenso wie die Geburt ein Geheimnis
der Natur, diese eine Zusammensetzung, jener
eine Auflösung derselben Grundstoffe. Also nichts,
dessen man sich schämen müßte; widerstreitet es doch ^
nicht dem Begriff eines vernünftigen Wesens und eben-
sowenig der Art und Weise seiner Einrichtung. (5)
Daß Leute, die so und so beschaffen sind, so und
nicht anders handeln müssen, ist ganz natüriich;
wollen, daß dies anders sei, heißt wollen, daß der
Feigenbaum keinen Saft hal)e. Oberhaupt denke nur
immer daran, daß in kürzester Zeit ihr beide, du und
er, sterben müßt; bald darauf aber wird nicht einmal
euer Name mehr übrig sein! (6)
Laß den Wahn schwinden, dann ist auch das „Wehe
mir!" geschwunden. Mit dem „Wehe mir!** aber
auch das Wehe. (7)
Was den Menschen selbst nicht schlechter macht/»
als er von Natur ist, das kann auch sein Leben
3« 35
Digitized by VjOOQIC
nicht verschlimmem und schadet ihm weder änßer^ .
lieh noch innerlich. (8)
Weil es nützlich ist, handelt die Natur notwendiger*
weise so, wie sie handelt (ß}
Alles, was geschieht, geschieht mit Recht Bei
sorgfältiger Beobachtung wirst du das finden.
Ich meine damit nicht nur: „nach der natürlichen
Ordnung," sondern: „nach dem Prinzip der Gerechtig-
keit," und wie von einem Wesen herrührend, das
alles nach Würdigkeit verteilt. Fahre nun in deiner
Beobachtung fort, wie du begonnen hast, und was
du auch tust, tue mit dem Bestreben gut zu sein»
gut in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Das
sei dir Regel bei allem deinem Tun. (10)
Fasse die Dinge nicht so auf, wie sie dein Beleidiger
beurteilt; noch, wie er will, daß du sie beurteilst;
sondern 'betrachte sie so, wie sie in Wahrheit sind. (11)
Zu zweierlei mußt du stets bereit sein; einmal nur
so zu handeln, wie es dir die königliche Gesetz-
geberin Vernunft um des Menschenwohls willen ein-
gibt, und dann, deine Meinung zu ändern, wenn je-
mand dich dazu veranlaßt dadurch, daß er dich von
einer unrichtigen Meinung abbringen will. Diese
Meinungsänderung muß aber immer nur von der
Überzeugung, daß sie gerecht oder gemeinnützig oder
dergleichen sei, ausgehen, aber nie davon, daß sie
Annehmlichkeiten oder Ruhm mit sich bringe. (12)
Hast du Vernunft? Ja. Warum gebrauchst du sie
denn aber nicht? Tut sie nur das ihrige, was
willst du dann noch weiter? (13)
Als ein Teil des Ganzen hast du bisher existiert,
und du wirst verschwinden in dem, was dich
36
Digitized by VjOOQIC
erzeugt hat. Vielmehr du wirst nach dem Gesetz der
Umwandlung zurückgenommen werden in den Lebens-
keim der Welt. (14)
Viele Weihrauchkömer fallen auf denselben Altar,
die einen früher, die andern später, aber das
bleibt sich ganz gleich 0- (15)
In zehn Tagen wirst du denen ein Gott scheinen,
die dich heute für ein wildes Tier und einen Affen
halten, wenn du zu den Grundsätzen und zur Ver-
ehrung der Vernunft zurückkehrst (16)
Lebe nicht, wie wenn du Tausende von Jahren zu
leben hättest. Der Tod schwebt über dirl So-
lange du noch lebst, solange es noch Tag, sei
gut! (17)
viTTieviel Muße gewinnt der, der nicht auf seines
Vv Nächsten Reden, Tun oder Denken sieht, sondern
sich nur darum kümmert, ob seine eigenen Hand-
lungen gerecht, fromm und gut sind; sieh also nicht
die schwarzen Laster der Umgebung, sondern wandle
auf eigener Bahn deinen Lauf unbeirrt. (18)
Wer um Nachruhm buhlt, überlegt nicht, daS alle,
die seiner gedenken, gar schnell selbst sterben
werden und so wiederum jedes weitere Geschlecht,
bis endlich dieser ganze Ruhm mit den Ruhmsüchtigen
selbst, die ihn fortgepflanzt haben, gleichfalls gänzr
lieh erlöschen wird. Aber selbst angenommen, dafi,
wer deiner gedenkt, unsterblich wäre, und unsterblich
deines Namens Gedächtnis, was soll dir das nützen?
Ich meine nicht nach deinem Tode, sondern wenn
du noch lebst? Was frommt das Lob selbst dem
Lebenden, außer eben in Verbindung mit gewissen
zeitlichen Vorteilen? Laß darum beizeiten jenes nichtige
Digitized by
37
Google
Geschenk fahren, das doch nur von fremdem Gerede
abhängt (19)
Alles Schöne, welcher Art es auch sein mag, ist an
und für sich schön und in sich selbst vollendet
Das Lob bildet keinen Bestandteil seines Wesens.
Durch das Lob wird also ein Gegenstand weder
schlechter noch besser. Das gilt von allem, was man
so gewöhnlich schön nennt, z. B. von dem Natur-
schönen und dem Kunstschönen. Fehlt dem wahr-
haft Schönen noch irgend etwas? Gewiß so wenig,
wie dem Gesefcs, so wenig wie der Wahrheit, so
wenig wie dem Wohlwollen und der Sittsamkeit!
Wird eines dieser Dinge durch Lob erst schön? Oder
durch Tadel schlecht? Wird der Smaragd wertlos,
wenn er nicht gelobt wird? Oder das Gold, das
Elfenbein, der Purpur, oder eine Leier, ein Schwert,
ein Bltimlein und ein Bäumchen? (20)
Wenn die Seelen fortdauern, wie kann der Luft-
raum sie von Ewigkeit her fassen? Aber wie
faßt denn die Erde die Leichname all derer, die seit
so langer Zeit in ihr begraben wurden? Ebenso wie
diese hier nach einiger Zeit des Aufenthalts sich ver-
wandeln und auflösen und so andern Toten Platz
machen, so dauern auch die in den Luftraum ver-
setzten Seelen noch eine Weile fort, verwandeln sich
dann, zerfließen, verbrennen, werden in den Lebens-
keim der Welt aufgenommen und machen so den
Nachkommen Platz* Das darf man vielleicht auf die
Frage nach der Fortdauer der Seelen antworten. Man muß
dabei aber auch außer der Menge der so begrabenen
Menschenleiber auch noch die der Tiere hinzurechnen,
die täglich von uns und anderen Lebewesen verzehrt
38
Digitized by VjOOQIC
werden. Denn wie groß ist nicht die Anzahl der
täglich verzehrten und so gleichsam in den Leibern
derer, die sich von ihnen nähren, begrabenen? Und
doch faßt sie alle derselbe Raum, weil sie hier teils
in Blut tibergehen, teils sich in Luft und Wärmestoff
verwandeln. Wie erklärt sich nun in Wahrheit diese
Erscheinung? Durch die Auflösung in die Materie
und den Urgrund der Erscheinungen. (21)
Doch laß dich von Zweifeln nicht hin- und her-
reißen, sondern bei allem Streben denke an das,
was recht ist, und bei allem Denken halte dich ans
Begreifliche. (22)
Deine Harmonie, ö Welt, ist auch die meinige.
Nichts kommt mir zu früh, nichts zu spät, was
für dich zur rechten Zeit kommt. Alles, was deine
Stunden, o Natur, reifen, ist mir liebliche Frucht. Von
dir geht alles aus, in dir ruht alles, in dich kehrt
alles zurück. Jener Aristophanes sagt: „O liebe
Kekropsstadt," und du solltest nicht sagen können:
.0 liebe Gottesstadt?" (23)
Tue weniges, sagt Demokrit, wenn du zu innerem
Frieden gelangen willst. Wäre es nicht vielleicht
besser, zu sagen: Tue was notwendig ist, nämlich
das, was die Vernunft eines von Natur zur Staats-
gemeinschaft bestimmten Wesens gebietet und so,
wie sie es gebietet? Dann erlangen wir nicht nur
den Frieden, der aus einer schönen Handlung, sondern
auch den, der aus dem Wenigtun entspringt. Und
gewiß, wenn wir nur das meiste in unserem Reden und
Tun, was nicht notwendig ist, wegließen, hätten wir
mehr Muße und weniger Unruhe. Frage dich drum
bei allem: Gehört dies zu den unnötigen Dingen?
Digitized by
Google
Aber man muß nicht nur unnütze Handlungen, sondern
auch unnütze Gedanken vermeiden; so allein werden
diesen keine unnützen Taten folgen. (24)
Versuches doch einmal, wie sich's als tüchtigerMann
lebt, der mit dem ihm vom All bestimmten Ge-
schick zufrieden ist und in seiner eigenen recht-
schaffenen Handlungsweise und seiner wohlwollenden
Gesinnung sein Genüge findet. (25)
Hast du dir das ins Herz geschrieben? So denke
auch noch an folgendes: Beunruhige dich selbst
nicht! Sei schlicht! Vergeht sich jemand an dir?
Er vergeht sich an sich selbst! Ist dir etwas zu-
gestoßen? Gut, das ist dir seit Urbeginn der Welt
so bestimmt, und jedes Ereignis ist durch Schicksals-
schluß beschieden. Überhaupt: kurz ist das Leben;
den Augenblick muß man nützen mit feinem Sinn
und rechter Tat und die Nüchternheit wahren auch
bei der Erholung. (26)
Ist die Welt ein wohlgeordnetes Ganzes oder ein zu-
fälliges Gemenge, das man dennoch Weltordnung
nennt? Doch wie? In dir selbst kann Ordnung
herrschen, im Weltganzen aber Unordnung? Und
das bei der so harmonischen Verknüpfung aller ein-
ander widerstreitenden und zerteilten Kräfte? (27)
Es gibt schwarze Charaktere, weibische, starrköpfige,
tierische, kindische, träge, zweideutige, gecken-
hafte, betrügerische, tyrannische Charaktere. (28)
Wenn der ein trüber Gast in der Welt ist, der
nicht weiß, was in ihr vorhanden ist, so ist
nicht weniger ein trüber Gast, wer nicht weiß, was
in ihr geschieht Ein Flüchtling ist, wer sich dem
Staatsgedanken entzieht, ein Blinder, wer das Geistes-
40
Digitized by VjOOQIC
äuge verschließt, ein BetÜer, wer anderer bedarf und
nicht alles, was zum Leben nötig ist, in sich selber
trägt, eine Geschwulst am Körper der Welt, wer von
der allgemeinen Weltvemunft sich dadurch trennt und
lossagt, daß er mit den Ereignissen unzufrieden ist,
bringt doch sie dies hervor, sie, die auch dich hervor-
gebracht hat; ein Staatsverräter ist, wer seine eigne
Seele von der allem Vernünftigen gemeinsamen einen
Allseele losreißt. (29)
Hier ist einer Philosoph, der nicht einmal einen
Rock besitzt, dort einer ohne Buch, ein dritter
halbnackt! Brot habe ich nicht, sagt er, aber meiner
Idee bleibe ich getreu! Auch mir fehlt die Geistes-
nahrung der Wissenschaften, und doch bleibe ich
ihnen getreu! (30)
Die Kunst, die du gelernt hast, behalte lieb, und
bei ihr suche deine Ruhe. Den Rest deines
Lebens durchwandere wie einer, der alles von ganzem
Herzen den Göttern überlassen hat, keines Menschen
Herr, keines Menschen Sklave. (31)
Betrachte einmal, zum Beispiel, die Zeiten Vespasians,
und du wirst dieselbe Welt finden wie jetzt: Men-
schen, die freien, Kinder erziehen, krank sind, sterben,
in den Krieg ziehen, Feste feiern, Handel treiben,
ihre Felder bebauen, Schmeichler, Anmaßende, Arg-
wöhnische, Schurken, Menschen, die den Tod andrer
vom Himmel herunterbeten, über die Gegenwart
murren, in Liebe glühen. Schätze sammeln, die Hand
nach Konsulaten und Königskronen ausstrecken. Und
jetzt? Ist ihr Leben nicht gänzlich verschwunden?
Gehe dann weiter zu den Zeiten Traians. Wiederum
dasselbe Schauspiel! Doch auch jene. Zeit ist ge-
Digitized by
41
Google
storben. In gleicher Weise betrachte die anderen
Zeitabschnitte und Geschichtsperioden und siehe, wie
viele, die Großes leisteten, in kurzer Zeit dahinsankeh
und in die Grundstoffe aufgelöst wurden. Besonders
aber rufe dir die ins Gedächtnis zurück, die du per-
sönlich gekannt hast, halte dir vor Augen, wie sie
in dem Haschen nach üblen Dingen es unterließen,
das, was ihrem allereigensten Wesen entsprechend
gewesen wäre, zu tun und daran unablässig festzu-
halten und darin ihren Lebenszweck zu finden. Du
mußt auch daran denken, daß die auf jedes Geschäft
verwandte Sorgfalt in richtigem Verhältnis zu dessen
Wichtigkeit stehen muß. Denn so wird aller Unmut
in dir schwinden, wenn du dich mit Kleinigkeiten nie
mehr, als nötig, abgibst. (32)
Vordem gebräuchliche Worte sind jetzt veraltet; so
sind auch die Namen einst weltberühmter Männer
wie Camillus, Cäso, Volesus, Leonnatus jetzt sozu-
sagen veraltet, und bald wird es aber auch mit Scipiö
und Cato, nachher mit Augustus, und dann mit
Hadrian und Antonin nicht anders sein. Denn alles
vergeht, wird rasch zum Märchen und sinkt schnell
in den Strom der Vergessenheit. Und das ist das
Geschick derer, die einst so wunderbar glänzten I
Denn die übrigen vollends schwinden mit ihrem
letzten Atemzug „unrühmlich" dahin, „weder gehört
noch gesehen". Was bedeutet denn aber auch ein
unsterblicher Nachruhm? Ein reines Nichts. Was
bleibt also nur noch, worauf wir unsern Eifer lenken
sollen? Nur das eine: gerechte Sinnesart, gemein-
nütziges Handeln, beständige Wahrhaftigkeit und ein
Cemüt, das alles» was uns trifft, als etwas Notwendiges
42
Digitized by VjOOQIC
und Bekanntes gern hinnimmt , da es doch aus der
allen gemeinsamen Urquelle entspringt (33)
Freiwillig gib dich der Parze hin, damit sie dich
verflechte, in welche Verhältnisse sie will. (34)
Alles dauert einen Tag, die da rühmen und die
da gerühmt werden. (35)
Versenke dich ganz in den Gedanken, wie alles
Werdende durch Umwandlung entsteht, und ge-
wöhne dich an die Einsicht, daß die Allnatur nichts
so sehr liebt, als das, was da ist, zu verwandeln und
Neues von ähnlicher Art zu schaffen; denn alles, was
da ist, ist gewissermaßen der Keim dessen, was aus
ihm werden soll. Du aber meinst, nur das seien Keime,
was in die Erde oder den Mutterschoß fällt. Das
ist aber eine sehr oberflächliche Ansicht! (36)
Bald wirst du tot sein, und bist doch immer noch
nicht lauter, nicht leidenschaftslos, nicht frei vom
Wahn, daß dich Außendinge unglücklich machen
könnten, nicht mild gegen alle, nicht gewohnt, die
Weisheit allein im Rechthandeln zu verwirklichen. (37)
Die herrschenden Gesinnungen der Menschen suche
zu ergründen, sieh, was die Weisen fliehen und
wonach sie trachten. (38)
In der herrschenden Denkungsart eines andern hat
dein Übel seinen Grund nicht; und gewiß auch
nicht in der Veränderung und Umstimmung deiner
körperlichen Hülle. Wo nun? Nirgends anders, als wo
dein Vermögen, über Übel Meinungen zu haben, seinen
Sitz hat. Wenn dort kein Wahn herrscht, ist alles
gut Und wenn selbst das mit ihm so eng ver-
bundene Körperchen geschnitten, gebrannt wird, ver-
eitert, verfault, so soll doch der Teil deines Wesens,
Digitized by
43
Google
der über dies alles seine Meinungen hegt, ruhig
bleiben, das heißt, er urteile, dafi das, was in gleicher
Weise den Schlechten und Guten treffen kann, weder
ein Übel noch ein Gut ist. Denn was den natur-
widrig und natürlich lebenden Menschen ohne Unter-
schied trifft, ist selbst weder natariich noch natur-
widrig. (39)
Als ein lebendes Wesen mit einer Substanz und
mit einer Seele mußt du dir die Welt bestandig
vorstellen; betrachte, wie alles zur einen Empfindung
dieses Wesens gelangt, wie es aus einer inneren
Kraft alles wirkt, wie alles bei allem Geschehenden
mitwirkende Ursache ist und von welcher Art die
Verwebung und Verknüpfung ist (40)
Ein Seelchen bist du, das einen Toten trägt, sagt
Epiktet. (41)
Kein Übel ist es, in einer Umwandlung begriffen
zu sein, kein Gut kraft einer Umwandlung zu
existieren. (42)
Ein Fluß des Geschehens, ein reißender Strom ist
die Zeit; alles wird, kaum in die Erscheinung
getreten, auch wieder mit fortgerissen und ein anderes
wird herbeigetragen, um bald wieder weggeschwemmt
zu werden. (43)
Alles, was uns auch trifft, ist so gewöhnlich und
bekannt wie die Rose im Lenz und die Frucht
zur Erntezeit; solcher Art sind auch Krankheit, Tod,
Verieumdung, Gezänk und was sonst einen Toren
erfreuen oder betrüben mag. (44)
Das Folgende schließt sich dem Vorhergegangenen
immer verwandtschaftlich an. Es ist da nicht
wie bei einer Zahlenreihe ungleichartiger Größen,
44
Digitized by VjOOQIC
die man zufällig nebeneinander stellt, sondern hier
herrscht eine logische Verbindung; und wie bereits
in allem, was existiert, ein vollkommener Zusammen-
hang herrscht, so offenbart auch das eben erst Werdende
keine rein äußerliche Aufeinanderfolge der Dinge,
sondern ihre wunderbare innere Zusammengehörig-
keit. (45)
Immer sollst du an Heraklits Ausspruch denken:
daß es der Erde Tod sei, zu Wasser zu werden, des
Wassers Tod, zu Luft zu werden, der Luft, zu Feuer
zu werden und umgekehrt Denke femer an den
Menschen, der es vergaß, wohin ihn sein Weg führte,
und daran, wie wir uns mit der alles durchwaltenden
Vernunft, mit der wir doch täglich verkehren, im
Zwiespalt befinden, weil uns oft Dinge, auf die wir
täglich stoßen, fremd scheinen; weiter, daß wir nicht
wie Schlafende handeln und reden sollen — nur ein
Schein ist in diesem Zustand unser Reden und
Handeln — und endlich, daß wir es nicht wie die
verzogenen Kinder machen sollen, die da sagen:
so hat's meine Mutter gemacht und dabei will ich
bleiben. (46)
Wenn ein Gott dir sagte: du mußt morgen oder
spätestens übermorgen sterben, so würdest du
wohl nicht darauf bestehen, lieber übermorgen als
morgen zu sterben, außer wenn du ein Feigling bist,
denn wie kurz ist der Zwischenraum! Ebenso halte
es für gleichgültig, ob du erst nach langen Jahren
oder morgen schon sterben mußt. (47)
Halte dir stets vor Augen, wie viele Ärzte schon
gestorben sind, die oft am Lager ihrer Kranken
die Stime in ernste Falten gelegt, wie viele Astro-
Digitized by
45
Google
logen, die andrer Menschen Tod wie ein Wunder vor-
ausgesagt haben 1 Wie viele Philosophen, die über Tod
und Unsterblichkeit tausenderlei ausgesponnen; wie
viele Kriegshelden, die viel Volks getötet; wie viele
Gewaltherrscher, die ihre Macht über fremdes Leben
in gewaltigem Obermut gemißbraucht haben, wie
wenn ihnen selber der Tod nicht nahen könne 1 Wie
viele Städte sind sozusagen mit Mann und Maus ge-
storben, wie Heiice, und Pompei und Herkulanum
und noch manch andre! Und dann betrachte dir
deine Bekannten, einen nach dem andern: der eine
hat diesen, der andre jenen begraben und mußte bald
selber von hinnen, und das alles in kurzer Zeit. Im
ganzen also: alles Menschliche, wie flüchtig und
jämmerlich ist es jederzeit! Gestern noch Keim,
morgen schon einbalsamiert oder ein Häuflein Asche.
Darum durchlebe deinen Augenblick nach der Natur,
und scheide heiteren Sinnes, wie die reife Olive,
welche noch im Fallen den Baum segnet, der sie
hervorgebracht hat und dem Aste dankt, der sie ge-
tragen! (48)
Gleiche dem Fels, an dem sich beständig die
Wogen brechen — er bleibt unerschüttert, und
zu seinen Füßen schlafen die wilden Wasser ein.
„Wie bin ich unglücklich, daß ich das erleben mußte!"
Nicht doch, sondern: „Wie bin ich glücklich, daß ich
trotz dieses Schlages kummerlos bleibe, nicht von
der Gegenwart gebeugt, nicht von der Zukunft ge-
ängstigt!" Konnte doch derselbe Schlag jeden andern
ebenso treffen; aber nicht jeder andere wäre dabei
kummerlos geblieben. Warum soll nun jenes eher
ein Unglück als dies ein Glück sein? Ist denn über-
46
Digitized by VjOOQIC
haupt das f&c den Menschen ein Unglück, was mit
der Menschennatur nicht im Widerspruch steht? Oder
scheint dir etwas der Menschennatur zu widersprechen,
was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was
ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich nun
aber dein Geschick gerecht, hochherzig, besonnen, ver-
ständig, vorurteilslos, ohne Falsch, bescheiden, frei-
mütig zu sein und alle andern der Menschennatur
wirklich eigenen Tugenden zu entfalten? Bei allem
also, was dich traurig machen könnte, suche bei dieser
Wahrheit Zuflucht: dies ist kein Unglück, es edel zu
tragen aber ein Glück! (49)
Zvar ein gewöhnliches, aber wirksames Hilfsmittel
zur Todesverachtung ist es, sich die zu vergegen-
wärtigen, die mit Zähigkeit am Leben hingen. Was
haben sie jetzt vor denen voraus, die früher ge-
storben sind? Sind sie ja doch alle unterlegen,
Cadicianus, Fabius, Julianus, Lepidus und alle, die
viele bestattet haben, um dann selbst bestattet zu
werden. Kurz ist da die Zwischenzeit, und unter
wie viel Mühseligkeiten, in welcher Umgebung und
in welchem Leib muß man diese Zeit hinbringen!
Mach dir also nicht viel daraus! Schau auf die un-
ermeßliche Zeit hinter dir und die andere Endlosig-
keit vor dir: welch ein Unterschied ist denn da noch
zwischen einem, der drei Tage, und einem andern,
der drei Menschenalter gelebt hat? (50)
Immer wandle den kürzesten Weg. Er ist der natür-
liche; man folgt da im Reden und Tun nur der
gesunden Vernunft. Ein solcher Entschluß nämlich
erspart dir Kümmemisse, Kämpfe, Rücksichten jeder
Art und Eitelkeiten. (51)
Digitized by
47
Google
m
\j\j
FÜNFTES BUCH
=^~3nCV
\^\J
Des Morgens, wenn du unwillig aufstehst, denke,
ich erwache, um als Mensch zu wirken! Soll ich
verdrießlich sein, wenn ich hingehe, das zu tun, wes-
halb ich geworden bin und wozu ich in die Welt
gesandt bin? oder bin ich etwa dazu geboren, um
auf meinem Lager liegend mich zu pflegen? „Aber
das ist so sOB!" Also bist du zum Genuß geboren
und gar nicht zur Tätigkeit? Siehst du denn nicht
die Pflanzen, die Sperlinge, die Ameisen, die Spinnen
und die Bienen? Alle verrichten sie ihr Geschäft und
dienen jedes in seiner Art der Weltharmonie I Und
du willst nicht tun, was dir als Mensch obliegt und
eilst nicht hin, deine Bestimmung zu erfüllen? „Aber
man muß doch auch ausruhen!" Gewiß! Aber auch
dafür hat die Natur eine bestimmte Grenze gesetzt,
wie auch im Essen und Trinken, Du aber über-
schreitest diese Grenze und willst über das Bedürfnis
hinausgehen! In den Äußerungen deiner Tätigkeit
allerdings nicht; hier bleibst du im Gegenteil hinter
dem Möglichen zurück. Liebe dich selbst tiefer,
dann wirst du auch deine Natur und was sie verfangt,
tiefer lieben! Mühen sich doch ab schon alle, die
48
Digitized by
Google
nur ein annliches Handwerk liebenj sie vergessen
das Bad und fragen nicht nach der Mahlzeit I Und
du solltest deine Natur weniger achten als der Erz-
gießer seine Formen, der Tänzer seine Sprünge, der
Geizhals sein Geld, der Ruhmsüchtige sein bißchen
Ruhm? Auch diese lassen, ihrer Leidenschaft zuliebe,
eher vom Schlaf und von der Nahrung als von der
Vermehrung dessen, was ihnen so lockend scheint:
und du solltest Handlungen für die Allgemeinheit ge-
ringer achten und weniger der Anstrengung wert? (1)
Wie leicht ist es, jede verwirrende oder unpassende
Vorstellung von sich abzuwehren und fortzu-
weisen und sofort wieder das seelische Gleichgewicht
zu erreichen. (2)
Alles natürliche Reden und Tun ist deiner würdig.
Laß dich darum nie durch darauffolgende Vor-
würfe oder einfältiges Gerede deiner Umgebung aus
der Bahn bringen, sondern ist etwas schön zu tun
oder zu sagen, so halte es deiner nicht für unwürdig.
Denn jene andern haben eben ihr eigenes Ich und
folgen ihren Neigungen; darum kümmere du dich
nicht, sondern gehe ruhig geradeaus und folge deiner
und der gemeinsamen Natur; beide haben ja ein
und denselben Weg. (3)
Ich gehe meinen natürlichen Weg, bis ich hinsinke
und ausruhe, ausgehaucht in dasselbe Element,
das mir täglich Lebensluft gibt, hingesunken zur Erde,
von der mein Vater den Zeugungsstoff, meine Mutter
das Blut und meine Amme die Milch erhielt; zur
Erde, von der ich jeden Tag so viel Jahre lang Speise
'und Trank empfange, die mich trägt, der sie mit
Füßen tritt und so oft mißbraucht! (4)
4 49
Digitized by
Google
Wenn auch niemand Grund hat, dich wegen deiner
Geistesschärfe zu bewundem, was tufs? Aber
viel anderes gibt es, wovon du nicht sagen kannst:
dazu fehlt mir die Anlage. Entwickle also aus dir
heraus, was in deiner Macht steht: sei lauter, ehrbar,
geduldig, lafi das Vergnügen, sei zufrieden mit deinem
Geschick, genügsam, freundlich, freimütig, einfach,
ernst und großherzig. Fühlst du nicht, welche Fähig-
keiten du schon aus dir hättest entwickeln können,
ohne den Mangel an Anlagen und Geschick dafür
als Entschuldigung vorschützen zu können? Und
doch bleibst du freiwillig hinter dieser Vollkommen-
heit zurück? Oder zwingt dich etwa deine fehlerhafte
Naturanlage zu murren, träge zu sein, zu schmeicheln,
dein Körperchen anzuklagen, seinen Launen nachzu-
geben, groß zu tun, und darum der Seele so oft die
Ruhe zu rauben? Nein, bei den Göttern, so ist es
nicht! Vielmehr hättest du von diesen Mängeln schon
längst frei sein können! Wenigstens hättest du, wenn
du wirklich Grund hast, dich etwas schwer von Be-
griff und langsam im Denken zu nennen, diesem
Mangel durch Übung abhelfen sollen, anstatt dich
nicht darum zu kümmern oder gar deine Untätigkeit
zu lieben! (5)
Mancher, der einem andern Dienste erwiesen hat,
ist sogleich bei der Hand, sie ihm in Rech-
nung zu stellen; ein anderer ist zwar dazu nicht ohne
weiteres bereit, sieht aber sonst in jenem seinen
Schuldner und merkt sich genau, was er geleistet
hat. Ein dritter aber weiß sozusagen nicht einmal,
was er geleistet hat; er gleicht dem Weinstock, der
Trauben trägt und weiter nichts will, wenn er einmal
50
Digitized by VjOOQIC
seine Frucht getragen hat. Wie ein rennendes Pferd,
ein Hund auf der Jagd und eine Biene, die Honig
bereitet: so sei der Mensch, der Gutes erwiesen: er
posaunt nicht aus, was er getan, soridern schreitet
weiter zu anderem Wohltun, dem Weinstock gleich,
der neu sich berankt, um zu seiner Zeit wieder
Trauben zu tragen. Man muß also zu denen ge-
hören, die dergleichen ohne Überlegung tun? Gewiß.
Aber, man muß doch wissen, was man tut? denn
einem geselligen Wesen ist es doch, wie es heißt,
eigentümlich, zu wissen, daß es fflr das Ganze wirke
und, bei Gott, auch zu wollen, daß sein Mitmensch
das merke I Zugegeben! Doch verstehst du mich nicht
recht und wirst darum zu denen gehören, derer ich
vorhin gedacht habe; denn sie lassen sich durch eine
Scheinwahrheit irreleiten; wenn du aber den wahren
Sinn des Gesagten erfassen willst, so fürchte nicht,
darüber eine gemeinnützige Tat zu unterlassen. (6)
Die Athener beten: „Laß regnen, lieber Zeus, laß
regnen über die Fluren und Gefilde der Athener!"
Entweder gar nicht oder so mußt du beten, so ein-
fach und freimütig nämlich! (7)
Wie man sagt: der Arzt hat dem oder jenem das
Reiten, ein kaltes Bad oder das Barfußgehen
verordnet, so kann man sagen: die Allnatur hat dem
oder jenem eine Krankheit, eine Verstümmelung, einen
Verlust oder etwas anderes der Art verordnet. Denn
dort bedeutet das „er hat es verordnet" so viel wie:
„er hat es ihm als seiner Gesundheit dienlich verr
ordnet", hier aber so viel wie: „was jedem Menschen
begegnet, ist für ihn als nach Schicksalsschluß dien-
lich verordnet". Denn gerade wie der Baumeister
4^ 51
Digitized by VjOOQIC
von den Quadersteinen in den Mauern und Pyramiden
sagt: „sie passen", wenn sie sich irgendwie zusammen-
fügen lassen, — ebenso sagen wir: „das oder das paßt
für uns". Denn das All durchwaltet eine Harmonie;
und wie aus dem Zusammenwirken aller Körper der
eine vollendete Weltkörper wird, so wird auch aus
dem Zusammenwirken aller Ursachen jene vollendete
Ursache, das Schicksal. Es verstehen aber dies Wort
auch die unwissendsten Menschen, denn sie sagen:
„Das fügte ihm das Geschick". Also wurde es uns
bestimmt, wir wollen es darum annehmen, wie die
Mittel, die der Arzt verordnet. Ist auch manches
bittere Tränklein dabei, so bringt es doch Gesundheit
Denke dir also unter dem zweckmäßigen Geschehen
im Weltall etwas deiner Gesundheit Ähnliches, und
heiße alles, was geschieht, mag es dir auch noch so
iiart erscheinen, willkommen, weil es zum Ziel hin-
führt, welches da heißt: Gesundheit der Welt und
freies Schaffen und Seligkeit des höchsten Gottes.
Denn nichts sendet er einem Menschen, was nicht
dem Ganzen zuträglich ist Sendet ja nicht einmal
die zufällige Natur einem von ihr abhängigen Wesen
etwas, das ihm nicht zuträglich ist. Aus zwei Gründen
also mußt du mit deinem Geschick zufrieden sein:
einmal, weil es dir bestimmt und verordnet wurde
und in der Verkettung mit einer langen Reihe voraus-
gegangener Ursachen irgendwie auf dich Bezug hatte;
dann aber, weil es für den das All durchwaltenden
Geist Bedingung seines freien Schaffens, seiner Voll-
kommenheit und, bei Gott, seiner Fortdauer ist
Denn verstümmelt würde das Weltganze, wenn du
auch nur das Geringste vom Zusammenhang und
52
Digitized by VjOOQIC
Zusammenhalt der Bestandteile wie der wirkenden
Ursachen lostrennen wolltest. Du trennst es aber
los, so weit du es vermagst, wenn du damit un-
zufrieden bist und es gewissermaßen wegschieben
willst. (8)
Halte dir den Unmut fem, laß deinen Eifer und
deinen Mut nicht sinken, wenn es dir nicht
gleich vollständig gelingt, jede einzelne Handlung
mit deinen Prinzipien in Einklang zu bringen! Ist
dir etwas mißlungen, fange frisch von neuem an, zu-
frieden, wenn wenigstens die Mehrzahl deiner Hand-
lungen der Menschennatur entspricht, und behalte
lieb das, worauf du zurückkommst. Auch zur Philo-
sophie kehre nicht zurück, wie ein ängstlicher Schul-
knabe zum schlägereichen Lehrer hinschleicht, sondern
wie die Augenkranken zum Augenarzt oder andere
zum Pflaster und zur Wasserkur. Denn so wird es
für dich keine Qual sein, der Vernunft zu gehorchen,
sondern eine Befriedigung dich ihr anzuvertrauen.
Denke immer: die Philosophie verlangt nur, was
deiner Natur entspricht; und du solltest etwas anderes,
also etwas Naturwidriges wollen? Was von beiden ist
denn anziehender? Täuscht uns denn nicht die Lust
durch leeren Schein? Sieh doch einmal zu, ob nicht
eine hochgemutete Seele, ein freier Geist, ein ein-
fältiges Gemüt und ein gerechter und unsträflicher
Sinn doch anziehender sind! Oder was ist anziehender
als die Einsicht, wenn du darunter ein fertiges Ver-
mögen der Einsicht und des Wissens verstehst, wie
man in allem ohne Anstoß seine Zwecke erreicht? (9)
Die Dinge der Welt sind gewissermaßen in solches
Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenige Philosophen
Digitized by
53
Google
und zwar nicht die ersten besten, für durchaus un-
begreiflich halten. Auch die Stoiker halten sie für
schwer ergründlich. Und in der Tat sind auch alle
unsere Begriffe wandelbar; denn wo ist der Mensch^
der noch nie seine Urteile geändert hätte? Und nun
erst die erkannten Gegenstände selbst! Wie kurz ihre
Dauer, wie nichtig ihr Wert, und sie können sogar
das Eigentum eines Schandbuben, einer Dirne, eines
Räubers werden! Und nun sieh dir den Geist deiner
Zeit an: kaum der angenehmste deiner Mitmenschen
ist noch erträglich, davon zu schweigen, daß mancher
kaum sich selbst noch ertragen kann! Was bei solchem
Dunkel, solch widrigen Zuständen und dem so raschen
Vergehen der Dinge, der Zeit, der Bewegung und
des Bewegten noch der Hochschätzung oder des
Strebens überhaupt wert sein kann, kann ich nicht
einsehen. Im Gegenteil, getrost muß man seine
natürliche Auflösung erwarten, und über ihren Ver-
zug nicht in Unwillen ausbrechen, sondern mit fol-
genden Gedanken allein sich beruhigen: erstens, es
kann mir nichts geschehen, was nicht dem Gesetze
des Ganzen entspräche, und dann, in meiner Hand
liegt es, gegen den Gott und Genius in meinem Innern
mich nicht aufzulehnen; denn niemand kann mich
dazu zwingen. (10)
Wozu nütze ich denn nun meine Seele? So mußt
du dich immer selbst fragen und dann weiter-
forschen: was geht jetzt in dem Teilchen meines
Wesens vor, das man das lenkende nennt? Und
wessen ist meine Sede heute? Etwa die eines Kindes,
oder eines Jünglings, oder eines Weibleins? Oder eines
Tyrannen, einesLasttiers, oder eines wilden Tieres? (11)
54
Digitized by VjOOQIC
Welcher Art die Dinge sind^ die den Allzuvielen
Güter scheinen, kannst du auch aus folgendem
entnehmen: Wenn nämlich jemand an Güter denkt,
die es in Wahrheit sind, wie Einsicht, Selbstzucht,
Gerechtigkeit, Tüchtigkeit, so wird es ihm angesichts
solcher Gedanken unmöglich sein, noch über jene
„Güter"* etwas anzuhören; denn das paßt nicht zu*
sammen; denkt er dagegen zunächst an die Schein*
guter der Allzuvielen, so wird er aufhorchen und
jenes Wort des Aristophanes: „der Besitzer derartiger
Güter habe vor lauter Reichtum kein Plätzchen, wo
er seine Notdurft verrichten könne" als eine treffende
Äußerung sich gefallen lassen. So kann man den
Unterschied auch den Allzuvielen klar machen. Denn
sonst würde uns ja jenes witzige Wort nicht als an-
stößig und unwürdig erscheinen, sondern wir würden
es als einen passenden und geistreichen Einfall auf*
nehmen, wenn es auf den Reichtum und die Förde*
rungsmittel der Wollust und der Ehrsucht angewendet
wird. Geh nun hin und frage, ob Dinge schätzbar
und als Güter zu betrachten sind, deren Vorstellung
einem das eben genannte Wort des Aristophanes
ins Gedächtnis ruftl (12)
Ich bestehe aus einem bildenden und einem stoff-
lichen Teil, keines von beiden wird in nichts
vergehen, wie es auch nicht aus dem Nichts ent*
standen ist Es wird also jeder Teil meines Wesens
durch Umwandlung in irgend einen andern Teil der
Welt gewandelt und jener wieder in einen andern
Teil derselben Welt und sofort ins Unermeßliche.
Einer solchen Umwandlung verdanke auch ich meici
Dasein und ebenso meine Eltern das ihre und so
Digitized by
55
Google
rückwärts ins Unermeßliche. Denn nichts hindert
uns so zu reden, wenn auch die Welt nach fest-
begrenzten Umläufen gelenkt wird. (13)
Die Vernunft und die von ihr geleitete Lebens-
kunst sind Kräfte, die mit sich selbst und ihren
Wirkungen im Einklang stehen. Sie gehen von ihrem
eigenen Prinzip aus und streben geradeswegs dem
ihnen vorliegenden Ziel zu; darum nennt man auch
die aus diesem Prinzip entspringenden Handlungen
„rechte", weil sie den „rechten" Weg weisen. (14)
Dinge, die den Menschen in seiner Eigenschaft
als Mensch nicht angehen, dürfen unter keinen
Umständen als menschliche Eigentümlichkeit be-
trachtet werden. Sie sind keine Erfordernisse des
Menschen, die menschliche Natur verheißt sie nicht,
noch bringen sie der Menschennatur eine Vervoll-
kommnung. Also liegt in ihnen weder das Ziel der
Menschheit noch das, was das Ziel verwirklicht, näm-
lich dsis Gute. Zudem, wenn eines von ihnen den
Menschen anginge, so stünde ihm deren Verachtung
oder Bekämpfung schlecht an; und wer sich so stellt,
als brauche er sie nicht, wäre nicht zu loben; und
selbst, wer sich eines derselben versagte, wäre kein
guter Mensch, wenn sie wirklich Güter wären. Nun
aber ist man um so besser, je mehr man sich viele
dieser und ähnlicher Dinge versagt oder sich ihre
Versagung gefallen läßtl (15)
Von der Beschaffenheit der Dinge, die du dir am
häufigsten vorstellst, wird deine Gesinnung ab-
hängen. Denn die Seele wird von den Vorstellungen
gleichsam gefärbt. Netze sie darum mit einer Reihe
von Vorstellungen wie: wo man leben muß, kann
56
Digitized by VjOOQIC
man auch giacklich leben; du mufit aber am Hofe
leben, also kannst du auch am Hofe glücklich leben.
Femer: der Grund, warum jedes Ding entstand, ist
auch der Zweck seiner Entstehung, und diesem strebt
es zu; in dem aber, dem es zustrebt, liegt auch sein
Ziel; wo aber das Ziel, da ist auch das Wohl und
Gut eines Dinges; das Wohl eines vernünftigen
Wesens liegt aber in der Gesellschaft; denn daß wir
zur Geselligkeit geboren sind, ist längst erwiesen.
Oder ist das nicht klar, daß die niederen Wesen um
der höheren willen, die höheren umeinander willen
da sind? Höher aber als die leblosen sind die be-
lebten Wesen, die vernünftigen aber höher als die
nur belebten. (16)
Unmöglichem nachjagen ist Wahnsinn. Unmöglich
aber ist es, daß die schlechten Menschen andere
als schlechte Handlungen hervorbringen. (17)
Keinem widerfährt etwas, das er nicht seiner Natur
nach auch ertragen könnte. Dasselbe widerfährt
einem andern und er — entweder aus Unkenntnis
dessen, was ihm widerfährt oder weil er Geistes-
größe zeigen will — bleibt ruhig und unverletzt: Un-
kenntnis und Eitelkeit sollen also stärker sein als
Einsicht? Ist das nicht schrecklich? (18)
Die Außenwelt selbst hat gar keinen Einfluß auf
die Seele; sie hat keinen Zugang zur Seele und
kann sie weder umstimmen noch irgend bewegen; die
Seele stimmt und bewegt sich vielmehr selber allein;
und entsprechend den Urteilen, die sie übersieh selber
fällt, schätzt sie auch die ihr vorliegenden Dinge. (19)
In einer Hinsicht ist der Mensch das uns am nächsten
stehende Wesen, insofern wir ihm wohltun und
Digitized by
57
Google
ihn ertragen sollen; insofern aber ein Mensch mich
an der Erfüllung meiner Pflichten hindert, wird er für
mich zu einem gleichgültigen Ding, nicht anders wie
die Sonne, der Wind, die Tierwelt Von diesen
kann zwar meine äußere Wirksamkeit gehemmt
werden, für mein Wollen aber und meine Gesinnung
gibt es keine Hemmnisse, sondern nur bedingende
Ausnahmen und andere Richtungen. Denn es wendet
und" lenkt der Verstand jedes Hindernis seiner Wirk-
samkeit zum Besseren um, und so wird förderlich für
eine Handlung, was sie zuvor hemmen wollte, und
einen Weg zeigt mir, was mir zuvor den Weg ver-
Spenen wollte. (20)
Unter allen Dingen der Welt ehre das Vollkom-
menste; es ist dies aber das Wesen, das alles
in seinem Dienste hat und alles beherrscht. Ebenso
ehre aber auch, was in dir das Vollkommenste ist,
und es ist das jenem verwandt. Denn es ist das in dir,
was alles andere in seinem Dienste hat, und dein
Leben wird von ihm geleitet. (21)
Was dem Staat nicht schädlich ist, kann auch dem
Bürger nicht schaden; bei jeder Vorstellung
eines Schadens wende folgenden Satz an: Wird der
Staat dadurch nicht beschädigt, so kann auch ich
dadurch keinen Schaden erleiden; wird aber der
Staat beschädigt, so soll ich doch dem Schadenstifter
nicht zürnen. (22)
Oft stelle dir vor die Seele, wie schnell alles
Seiende und Werdende fortgerissen und hin-
weggerafft wird; denn das Wesen der Dinge ist wie
ein Strom in ewiger Bewegung; und ihre Wirkungen
sind einem unaufhörlichen Wechsel und ihre Ursachen
58
Digitized by VjOOQIC
unzähligen Veränderungen unterworfen. Fast nichts
besteht, und nahe bei uns liegt jener gähnende Ab-
grund der Vergangenheit und Zukunft, in dem alles
verschwindet. Ist darum nicht ein Tor, wer auf diese
Dinge stolz ist, ihretwegen sich quält oder darüber
jammert als über etwas Lästiges, das von langer
Dauer und nicht nur flüchtig ist? (23)
Denke an die Gesamtheit des Seins, von dem du
nur ein winziges Teilchen bist und an die un-
endliche Zeit, von der nur ein kurzer und kleiner
Abschnitt dir zugemessen ist und an das Geschick,
wovon deines nur einen Bruchteil bildet! (24)
Es vergeht sich ein Mensch an mir: gut, möge er
selber zusehen! Er hat seine eigene Gesinnung,
seine eigene Art zu handeln. Ich aber habe jetzt,
was ich nach dem Willen der Allnatur jetzt haben
soll und tue, was ich nach dem Willen meiner eigenen
Natur jetzt tun soll. (25)
Der herrschende und gebietende Teil deiner Seele
bleibe bei tiefen und heftigen Regungen im Be-
reich deiner rein körperlichen Sphäre unerschüttert.
Er mische sich nicht mit ihr, sondern beschränke
sich auf sein Gebiet und umgrenze jene Stimmen
der Körperlichkeit in seinen Gliedern; wenn sie aber
entsprechend ihrer anderen Mitteilbarkeit in das Denk-
vermögen, das ja vom Körperlichen nicht ganz ge-
trennt ist, eindringen, dann versuche nicht gegen eine
natüriiche Empfindung zu kämpfen. Nur den Wahn, als
ob es sich um ein Gut oder Übel handle, den füge das
in dir leitende Prinzip nicht von sich aus hinzu! (26)
Mit den Göttern in Gemeinschaft leben! Das tut
aber nur, wer ihnen stets eine Seele zeigt, die
Digitized by
59
Google
mit ihrem Lose zufrieden ist, und in allem so handelt,
wie es der Genius will, den einem jeden die Gottheit
als einen Bruchteil ihres eigenen Wesens gab, daS
er ihm Führer und Leiter sei. Das aber ist eines
jeden Vernunft und Verstand. (27)
Zürnst du etwa einem Menschen, der mit üblen
Ausdünstungen behaftet ist? Was kann er daftir?
Er hat nun einmal solche Glieder, die derlei Dünste
aushauchen. Aber der Mensch hat Vernunft, sagt mir
jemand, und kann bei einiger Aufmerksamkeit wohl
einsehen, worin er sich vergeht. Gewiß! Also hast
auch du Vernunft! Erwecke also mft deiner Vernunft
auch die Vernunft des andern. Zeige, wie man es
machen muß, ermahne! Denn wenn er auf dich hört,
wirst du ihn heilen und brauchst nicht zu zürnen;
es gibt dann kein Gejammer und keine entwürdigende
Hingebung. (28)
\C[p^ du am Ende deines Lebens wünschest gelebt
Vv 2U haben, so kannst du jetzt schon leben.
Wenn dir aber das deine Umgebung nicht gestattet,
dann gehe ruhig aus dem Leben, so, wie wenn dir
kein Übel widerfahren wäre. Es raucht irgendwo,
gut, so gehe ich eben weg. Was scheint dir das
Großes zu sein? Solange mich aber nichts derart
hinaustreibt, bleibe ich freiwillig, und niemand soll
mein Tun hemmen. Mein Wille aber ist der eines
vernünftigen und geselligen Wesens. (29)
Die Weltvemunft will, daß Geselligkeft sei. Darum
hat sie unvollkommene Wesen um der voll-
kommenen willen hervorgebracht und die vollkom-
menen miteinander harmonisch vereint Du siehst
doch, wie sie alles einander unter- und beigeordnet»
60
Digitized by VjOOQIC
jedem entsprechend seinem Werte das Seine zugeteilt
und die edelsten Wesen zu gegenseitiger Eintracht
miteinander verbunden hat. (30)
Wie hast du dich bisher gegen die Götter, deine
Eltern, Geschwister, Gattin, Kinder, Lehrer, Er-
zieher, Verwandte und Hausgenossen betragen? Darfst
du allen diesen gegenüber sagen: „Weder durch Worte
noch Taten hat je er einen beleidigt!" Rufe dir aber
auch ins Gedächtnis zurück, was du schon alles
durchgemacht und was .zu tragen du Kraft gehabt
hast; denke daran, dafi zu Ende die Geschichte deines
Lebens und dein Dienst bereits vollbracht ist. Wie-
viel Schönes hast du schon gesehen, wieviel Freuden
der Sinne und wieviel Leiden verachtet, wieviel Eitel-
keiten übersehen, gegen wieviel lieblose Menschen
dich liebevoll erwiesen! (31)
Warum sollten rohe und ungebildete Gesellen ein
gebildetes und einsichtsvolles Gemüt aus der
Fassung bringen können? Was ist aber eine gebildete
und einsichtsvolle Seele? Keine andere als die,
welche den Ursprung und das Ziel der Dinge kennt
und den die Körperwelt durchdringenden Geist, der von
Ewigkeit zu Ewigkeit nach bestimmten Zeitläufen
das All verwaltet. (32)
Wie bald, und du bist Asche und ein Knochen-
gerippe und nur noch ein Name, oder nicht
einmal ein Name mehr! Der Name aber ist Hall und
Widerhall. Und die vielgerühmten Güter des Lebens?
Eitel, modernd, nichtig, wie Hündlein, die sich herum-
beißen, und Kinder, die sich balgen, jetzt lachen,
dann wieder weinen! Treue aber und Ehrfurcht, ge-
rechter und wahrhaftiger Sinn, die sind „zum Olymp
Digitized by
61
Google
der weitstraßigen Erde entflohen". Was hält dich
also noch hier auf Erden? Ist doch alles Sinnliche
so wandelbar, so unbeständig, die Sinne selbst aber,
wie sind sie trübe und leicht zu täuschen 1 Und dein
Seelchen, was ists anderes als ein Aufdampfen des
Blutes? Unter solchen Menschen berühmt sein, wie
nichtigl Warum also siehst du nicht mit heiterer
Miene deinem Erlöschen, deiner Umwandlung ent-
gegen? Bis aber jener Augenblick kommt, was bleibt
übrig? Was anderes, als die Götter zu ehren und zu
preisen, den Menschen wohlzutun, sie zu ertragen
oder zu meiden und zu bedenken, daß alles, was
außerhalb der engen Grenzen deiner körperlichen
und geistigen Sphäre liegt, weder dein ist noch von
dir abhängt. (33)
Es liegt in deiner Hand, daß dein Leben immer
ruhig dahinfließe, wenn du nur dem rechten Weg
folgen und auf ihm urteilen und handeln willst Denn
der Seele Gottes und des Menschen und überhaupt
jedes vernünftigen Lebewesens sind folgende zwei
Eigenschaften gemein: sie läßt sich von nichts anderra
hindern, und ihr Wohl beruht auf einer gerechten Ge-
sinnung und Handlungsweise, und darnach allein geht
all ihr Streben. (34)
Wenn etwas weder durch meine Schlechtigkeit
noch durch eine Wirkung derselben geschieht,
und auch die Allgemeinheit dadurch keinen Schaden
erleidet, warum bin ich darüber unruhig? Und was
könnte denn das Universum dabei erleiden? (35)
Laß dich nicht von deinen Einbildungen hinreißen,
sondern sei hilfreich nach deinen Kräften und wie
es die Menschen verdienen; wenn sie aber in gleich-
62
Digitized by VjOOQIC
gültigen Dingen Verluste leiden, so denke nicht
gleich, sie hätten einen wirklichen Schaden erlitten.
Denn das ist eine schlimme Gewohnheit, sondern mache
es, wie jener Greis, der seinem Zögling einen Kreisel
abforderte und dann weiter ging, wusste er doch, daß
es nur ein Kreisel sei. Wenn du aber vor dem Volk
auf der Rednerbtihne sprichst, Mensch, vergißt du,
was daran ist? „Ja, aber darauf muß man doch allen
Eifer verwenden!* Aber warum mußt du denn auch
so ein Tor werden? Nein, sondern sage dir immer:
ich kann, wenn auch noch so einsam, an allen Orten
glücklich sein; denn glücklich ist, wer sich selbst
ein glückliches Los bereitet hat; glückliche Lose aber
sind: gute Gemütsstimmung, gute Neigungen, gute
Handlungen. (36)
Digitized by
Google
D
U
SECHSTES BUCH
-I
Der Weltstoff ist fügsam und leicht verwandlungs-
fähig; die alles durchwaltende Weltvemunft aber
hat in sich keinen Grund zum Bösen; denn Bos^
heit hat sie keine, tut auch nichts Böses, noch wird
.von ihr etwas beschädigt. Alles aber wird durch sie
und vollendet sich durch sie. (1)
Wenn du deine Pflicht tust, darf es dir nicht darauf
ankommen, ob du vor Kälte erstarrst oder vor
Hitze glühst, ob du schläfrig bist, oder genügend
geschlafen hast, ob man dich tadelt oder lobt, ob du
dem Tode dich nahst oder etwas anderes derart zu
erleiden hast. Denn auch das Sterben ist ja eine von
unsern Lebensaufgaben. Begnüge dich drum damit, auch
sie glücklich zu lösen, wenn sie dir gestellt wird. (2)
Nach innen richte den Blick I Keines Dinges Be-
schaffenheit, noch sein Wert entgehe dir. (3)
Alle Dinge der Welt verwandeln sich sehr schnell und
lösen sich entweder in Dampf auf, wenn die Kör-
perwelt ein Ganzes bleibt, oder sie werden zerstreut. (4)
Die alles durchwaltende Weltvemunft weiß wohl,
wie ihr Verhältnis zur Welt ist, wie sie wirkt und
auf welchen Stoff. (5)
64
Digitized by
Google
Die beste Art, sich zu wehren, ist: nicht Gleiches
mit Gleichem vergelten. (6)
In dem allein suche deine Freude und Befriedigung:
der Gottheit dir bewußt von einer gemeinnützigen
Tat zur andern fortzuschreiten. (7)
Das leitende Prinzip im Menschen ist es, das sich
selber weckt und lenkt und zu dem macht, was
es ist und sein will und jedes Erlebnis zu dem macht,
was es in seinen Augen sein soll. (8)
Nach der Natur des Ganzen geschieht alles, nicht
nach irgend einer andern Natur, die etwa die
Dinge von auSen umschließt, oder in ihrem
Innern verschlossen, oder völlig von ihnen getrennt
ist (9)
Entweder ist alles nur ein Gemisch von Dingen,
die sich bald miteinander verflechten, bald von-
einander lösen oder ein Ganzes voll Einheit, Ordnung
und Vorsehung; wenn jenes, warum sollte ich dann
noch darnach Verlangen tragen in einem chaotischen
Gewirre, in solch einem Gemengsei zu verweilen?
Was könnte mir denn erwünschter sein, als einst
wieder Erde zu werden? Was bin ich auch so un-
ruhig? Kommen wird auch über mich die Auflösung,
was ich auch tuel Im andern Fall aber verehre ich
den Allerhalter, bin ruhigen Gemütes und vertraue
auf ihn. (10)
Wenn dich je die Gewalt der Umstände in eine
Art von Gemütsunruhe versetzen sollte, so kehre
bald in dich selbst zurück und laß dich nicht über
Gebühr aus dem Takt bringen, denn wenn du stets
wieder zu einer harmonischen Stimmung der Seele zu-
rückkehrst^ wirst du ihrer immer mächtiger werden. (11)
5 65
Digitized by
Google
Wenn du zugleich eine Stiefmutter und eine leib-
liche Mutter hättest, wOrdest du zwar jene ehren,
aber doch beständig bei deiner leiblichen Mutter
deine Zuflucht suchen. Ebenso steht es bei dir mit
dem Hof und mit der Philosophie. Bei dieser weile
immer wieder und ruhe dich aus bei ihr; durch sie
wird dir auch das dortige Leben erträglich und du
selbst am Hofe erträglich werden. (12)
Wie man bei Fleischgerichten und anderen Eß-
waren derart denken soll: das ist nur der
Leichnam eines Fisches oder der eines Vogels oder
eines Schweins und eben so beim Falemerwein: das
ist nur der ausgedrfickte Saft einer Traube, oder beim
Purpur: er ist nichts als Schafwolle, in das Blut einer
Schnecke getaucht, und beim Geschlechtsakt: er ist
nur die Reibung eines Gliedes und Ausscheidung von
Schleim mit Zuckungen verbunden, weil solche Vor-
stellungen den Gegenständen wirklich ganz entsprechen
und ihr Wesen durchdringen, so daß man recht eigent-
lich sieht, was an ihnen ist, ebenso nun muß man's
im ganzen Leben machen, und wenn einem Dinge in
noch so beifallswürdiger Gestalt vorgespiegett werden,
sie entiarven, ihren Unwert sich anschaulich machen,
und das schimmernde Gewand, womit sie sich brüsten,
ihnen abreißen, denn ein gar gewaltiger Betrüger ist
der Schein, und gerade, wenn man glaubt, sich mit
den wichtigsten Dingen der Welt zu beschäftigen,
bezaubert er am meisten. Denke daran, was Krates
selbst von einem Xenokrates gesagt hat! (13)
Das meiste von dem, was die große Menge be-
wundert, gehört zu den allergewöhnlichsten
Dingen der Welt; teils sind es Gegenstände von
66
Digitized by VjOOQIC
festem und natürlichem Zusammenhalt, wie Steine
und Holzarten, wie Feigenbäume, Weinstöcke und
Ölbäume, teils sind es beseelte Gegenstände, wie
Herden von Klein- und Großvieh; diese finden ihre
Bewunderer mehr unter den mittleren Ständen. Leute
von noch höbererBildung interessieren sich fOr Wesen,
die eine gebildete Seele haben, nicht sowohl eine
weltbürgerliche als vielmehr eine auf die Künste ge-
richtete oder sonstwie geartete Seele. Diese Men-
schen legen oft einen hohen Wert auf den Besitz
einer Menge von Sklaven. Wer aber eine vernünftige
weit- und staatsbürgerliche Seele hochschätzt, hat für
andere Dinge kein Interesse mehr; vor allem aber
sucht er seine eigene Seele in vernünftiger und ge-
meinnütziger Verfassung und Tätigkeit zu erhalten
und hierzu auch seinen Brüdern behilflich zu sein. (14)
Hier strebt etwas ins Dasein, dort strebt etwas aus
dem Dasein, und von dem Werdenden ist man-
dies wieder verschwunden. Fluten und Veränderungen
erneuern unaufhörlich die Welt, wie der ununter-
brochene Lauf der Zeit uns immer wieder eine neue,
unbegrenzte Dauer aufglänzen läfit. In diesem Strom,
wo man keinen festen Fuß fassen kann, kann man
doch keines von den vorübereilenden Dingen be-
sonders wertschätzen? Das wäre doch gerade, wie
wenn jemand sich in einen vorüberfliegenden Vogel
verlieben wollte, der ihm kaum, daß er ihn gesehen,
wieder aus den Augen entschwunden ist. So ist aber
auch jedes Menschenleben, es ist nichts anderes, als
das Aufdampfen von Blut und das Einatmen der
Luft. Denn es ist ganz dasselbe, die Luft einmal
einzuatmen und sie dann wieder von sich zu geben.
Digitized by
67
Google
wie wir es jeden Augenblick tun, oder das ganze
Atmungsverraögen, das du gestern oder früher mit
deiner Geburt bekamst, wieder dahin zurückzugeben,
von woher du es zuerst bekommen hast (15)
Nicht, daß wir ausdünsten wie die Pflanzen, oder
Atem holen wie die Tiere, macht unsem Wert
aus, ebensowenig, daß wir durch unser Vorstellungs-
vermögen Eindrücke von der Außenwelt erhalten oder
durch unsere Triebe in Bewegung gesetzt werden,
oder uns zusammengesellen und uns nähren, denn
dies ist nicht mehr wert, als das Wiederausscheiden
der verdauten Nahrung; was aber macht uns denn
eigentlich achtungswert? Etwa, daß wir beklatscht
werden? Gewiß nicht. Also auch nicht die Beifalls-
bezeugungen mit der Zunge; denn die Lobes-
erhebungen von Seiten der großen Menge sind doch
nichts anderes als Klatsch. Laß also das bißchen
Ruhm fahren! Was bleibt aber wirklich Achtungs-
wertes übrig? Ich glaube dieses: dich nach den dir
innewohnenden Fähigkeiten zu rühren und Zweck-
entsprechendes zu schaffen; darauf leiten auch die Ge-
werbe und Künste hin. Hat doch jede Kunst das
Ziel, ihr Erzeugnis dem Zwecke anzupassen, zu dem
es hervorgebracht wurde. Das ist des Gärtners Ab-
sicht, wenn er den Weinstock pflegt, das die Absicht
der Rossebändiger und Hundewärter. Erziehung aber
und Unterricht der Jugend, was bezwecken diese?
Hier liegt also das Achtungswerte. Bist du davon
überzeugt, so wirst du dir um andere Dinge keine
Sorge machen. Und doch willst du nicht aufhören,
so viel andere Dinge hochzuschätzen? Dann bist
du eben kein freier, selbstgenügsamer, leidenschafts-
68
Digitized by VjOOQIC
loser Mensch. Denn du mußt ja neidisch, eifer-
süchtig, argwöhnisch werden gegen die, welche dir
jene Dinge nehmen können, und du mufit denen
nachstellen, die das von dir Hochgeschätzte besitzen.
Überhaupt muß ja der, welchem etwas davon fehlt,
von Unruhe verzehrt werden und dazu noch gegen
die Götter murren; aber die ehrerbietige Scheu vor
deiner eigenen denkenden Seele wird dich mit dir
selbst zufrieden, deinen Mitmenschen gefällig und mit
den Göttern einträchtig machen, das heißt, du wirst
alles, was sie dir schicken und verleihen, dankbar
annehmen. (16)
Hinauf, hinab, im Kreislauf bewegen sich die
Elemente; die Bewegung der Tugend abergeht
auf keiner von diesen Bahnen; sie ist etwas Gött-
licheres und schreitet auf gutem, wenn auch schwer
zu begreifendem Weg ihrem Ziel entgegen. (17)
Wie lächerlich ist doch das Tun der Menschen!
Ihren Zeitgenossen, mit denen sie zusammen-
leben, verweigern sie das Lob, sie selbst aber schlagen
das Lob von selten der Nachkommen, welche sie
niemals gesehen haben, noch sehen werden, sehr
hoch an: das ist doch beinahe ebenso, wie wenn
man sich darüber betrüben wollte, daß auch die Vor-
fahren uns nicht mit Lobreden überschüttet haben* (18)
Glaube nicht, wenn dir etwas schwer fällt, dass
es nicht menschenmöglich sei, sondern, wenn
etwas menschenmöglich und durchführbar ist, so halte
das auch für erreichbar. (19)
Wenn uns auf dem Turnplatz zufällig jemand mit
einem Nagel ritzt oder durch einen Stoß am
Kopf eine Beule beibringt, so werden wir deshalb
69
Digitized by
Google
nicht zornig oder ärgerlich noch für die Zukunft
argwöhnisch gegen ihn, als trachte er uns nach dem
Leben; aber wir hüten uns vor ihm, nicht als ob es
ein Feind oder ein verdächtiger Mensch wäre, sondern
wir gehen ihm nur gelassen aus dem Weg. Gerade
so muß man es auch in den übrigen Verhältnissen
des Lebens machen und über vieles bei denen hin-
wegsehen, die auf dem Spielplatz des Lebens unsere
Genossen sind. Denn wie gesagt, es ist ganz gut
möglich, ohne Argwohn und Groll gewissen Leuten
aus dem Wege zu gehen. (20)
Wenn mich jemand überzeugen kann, daß ich
nicht richtig urteile oder handle, so will ich's
mit Freuden anders machen, denn ich bin ein Wahr-
heitssucher, und von der Wahrheit hat noch nie je-
mand Schaden gelitten. Schaden leidet aber, wer
auf seinem Irrtum und auf seiner Unwissenheit be-
harrt. (21)
Ich tue meine Pflicht; das übrige kümmert mich
nicht, denn es ist entweder seelenlos oder ver-
nunftlos oder verirrt und des Weges nicht kun-
dig. (22)
Die vemunftlosen Wesen und überhaupt die ganze
Sinnenweft behandle als vernünftiger Mensch,
weil ihr die Vernunft fehlt, hochherzig und edel; die
Menschen aber, weil sie Vernunft besitzen, behandle
mit Liebe. Bei allem rufe die Götter an, und kümmre
dich nicht darum, wie lange du noch so handeln
darfst, denn schon drei solcher Stunden reichen
hin. (23)
Alexander von Mazedonien und sein Maultierfreiber
haben nach ihrem Tod ganz das gleiche Schick-
70
Digitized by VjOOQIC
sal erfahren, denn entweder wurden sie in dieselben
Weltkeime aufgenommen, oder der eine wie der
andere in die Atome zerstreut (24)
Mache dir klar, wie viel bei einem jeden von uns
in einem und demselben Augenblick vorgeht,
Leibliches und Geistiges; so wird es dich nicht mehr
wundem, daß noch viel mehr, ja daß alles Werdende
in der einen Gesamtheit, die wir Welt nennen, zu-
gleich existiert. (25)
Wenn man dir die Frage vorlegte, wie der Name
Antoninus geschrieben wird, würdest du etwa
jeden einzelnen Buchstaben mit angestrengter Stimme
hervorstoßen? Und wenn man dir darüber zürnte,
würdest du etwa wieder zürnen? Oder nicht vielmehr
die einzelnen Buchstaben ohne weiteres ruhig auf-
zählen? Das sei dir ein Beispiel dafür, daß jede
Pflicht aus einzelnen Bestandteilen zusammengesetzt
ist, die du einhalten und fem von Beunmhigung
und Erbittemng gegen erbitterte Tadler auf die rechte
Weise vollenden mußt. (26)
Welche Grausamkeit, den Menschen nicht zu ge-
statten, nach dem zu streben, was ihnen an-
gemessen und zuträglich scheint! Und doch, was tust
du anderes als dies, wenn du über ihre Fehler un-
gehalten bist? Denn sie lassen sich ja überall durch
den Schein des Angemessenen und Zuträglichen dazu
fortreißen. Du sagst: Sie betrügen sich selbst. So
belehre sie denn und zeige ihnen das Rechte, ohne
über sie ungehalten zu sein. (27)
Der Tod: das Ende für die Widersprüche der
sinnlichen Wahmehmung, das Ausmhen von den
Erregungen der Triebe und der fortwährenden Arbeit
71
Digitized by
Google
des Denkens, die Freiheit von der Knechtschaft des
Fleisches. (28)
Wie schändlich, wenn im Leben die Seele schon
ermüdet, ohne daß noch der Leib müde ist (29)
Hüte dich, ein Tyrann zu werden, nimm einen
solchen Schein gar nicht an; denn es geschieht
so leicht Erhalte dich also einfach, gut, lauter, ernst-
haft, prunklos, als Freund der Gerechtigkeit, voll
Ehrfurcht gegen das Göttliche, wohlwollend, liebreich,
standhaft in der Pflichterfüllung. Ringe darnach, der
Mann zu bleiben, zu dem dich die Philosophie
machen wollte. Ehre die Götter, fördere das Heil
der Menschen! Das Leben, wie kurz; eine Frucht
des irdischen Daseins nur: Edle Gesinnung und ge-
meinnütziges Tun. Sei in allem ein Schüler Antonius:
Wie er beharrlich im Gehorsam gegen die Gebote
der Vernunft, wie er gleichmütig in allen Stücken,
wie er unsträflich und heiter in deiner Miene, wie er
freundlich und ohne Ruhmbegierde, wie er eifrig be-
müht um die Erkenntnis der Dinge. Nichts ließ er
je an sich vorübergehen, ohne es zuvor ganz genau
betrachtet und reiflich durchdacht zu haben; geduldig
ertrug er seine ungerechten Tadler, ohne sie wieder
zu tadeln; nichts übereilte er, keiner Verleumdung
schenkte er Gehör; sorgfältig beobachtete er seinen
Charakter und seine Handlungen; fem war ihm die
Schmähsucht, die Ängstlichkeit, das argwöhnische
und klügelnde Wesen. Mit wenigem war er zufrieden,
in Wohnung, Nachtlager, Kleidung, Nahrung und
Dienerschaft. Arbeitsamkeit und Langmut waren sein
Wesen. Auch bei seiner einfachen Lebensweise war
er imstande, bis zum Abend auszuhalten, ohne das
72
Digitized by VjOOQIC
Bedürfnis der Entleerung anders als um die ge^
wohnliche Stunde zu verspüren; treu und sich immer
gleichbleibend in seiner Freundschaft, voll Duldsam-
keit gegen diejenigen, die seinen Ansichten freimütig
entgegentraten, und sogar erfreut, wenn man ihn eines
Besseren belehrte, voll Gottesfurcht ohne Aberglauben;
so war er. Möchte doch auch deine letzte Stunde
wie die seine bei so gutem Gewissen dir einst
schlagen! (30)
Erwache und finde dich selbst wieder! Und wie
du beim Wiedererwachen erkennst, daß dich nur
Träume beunruhigt haben, so sieh auch wachend
die Unannehmlichkeiten des Lebens nur als Träume
an. (31)
Aus Körperlichem und Seelischem bestehe ich.
Für den Körper ist alles gleichgültig, denn er
kann keine Unterschiede wahrnehmen. Für die Denk-
kraft jedoch ist nur das gleichgültig, was nicht von ihr
bewirkt ist. Ihre eigenen Wirkungen aber hängen
alle nur von ihr selbst ab. Das gilt aber nur von
denen, die sich auf den gegenwärtigen Augenblick
beziehen, denn ihre zukünftigen und vergangenen
Wirkungen sind für sie auch schon gleichgültig. (32)
Keine Verrichtung der Hand oder des Fußes ist
unnatürlich, solange der Fuß das Seinige, die
Hand das Ihrige tut. So ist auch für den Menschen
als solchen keine Verrichtung unnatüriich, solange
der Mensch das Seinige tut. Widerstreitet sie aber
nicht seiner Natur, so ist sie für ihn auch kein
Übel. (33)
Wieviel sinnliche Lüste haben nicht Räuber, Vater-
mörder, Schandbuben, Tyrannen genossen. (34)
Digitized by
73
Google
Siehst du nicht, wie die gewöhnlichen Künstler sich
bis zu einem gewissen Grad nach dem Geschmack
der großen ungebildeten Menge richten, und dennoch
die Vorschriften ihrer Kunst zu beobachten und von
diesen sich nicht abbringen zu lassen suchen? Ist
es nicht schrecklich, daß der Arzt und der Bau-
künstler vor den Gesetzen seiner Kunst mehr Achtung
hat, als der Mensch vor den Gesetzen seiner Vernunft,
die er doch mit den Göttern gemein hatl (35)
Asien, Europa: Winkel der Welt; der ganze Ozean:
ein Tropfen im All; der Athos: eine Erdscholle
im Weltall; die ganze Gegenwart: ein Augenblick
der Ewigkeit I Alles klein, veränderlich, verschwindend ;
alles kommt von einer Quelle, von jenem gemein-
samen Allbeherrscher unmittelbar oder infolge seiner
Wirksamkeit. Also sind auch der Rachen des Löwen,
das Gift, alles Schlechte, wie Domen und Sümpfe
notwendige Stücke jener prachtvollen und herrlichen
Welt. Fort also mit dem Wahn, als seien sie dem
Wesen, das du verehrst, fremd, betrachte vielmehr
die Quelle aller Dinge. (36)
Wer gesehen hat, was jetzt vorhanden ist, hat alles
gesehen, was von jeher war und in alle Ewigkeit
sein wird. Denn alles ist von derselben Natur und
Form. (37)
Bedenke oft den Zusammenhang aller Dinge in der
Welt und ihr gegenseitiges Verhältnis, denn ge-
wissermaßen sind sie alle ineinander verflochten, und
insofern ist keines dem andern feind; eines folgt
ja aus dem andern und zwar kraft ihres örtlichen
Zusammenwirkens, ihrer Obereinstimmung und der
Einheit alles Seienden. (38)
74
Digitized by VjOOQIC
Der Lebenslage, in die dich dein Los versetzt hat,
passe dich an, und den Menschen, mit denen
dich das Schicksal zusammenführt, erweise Liebe,
aber aufrichtig. (39)
Jede Maschine, jedes Werkzeug, jedes Gefäß ist
in gutem Zustand, wenn es leistet, wozu es ge-
bildet worden ist; und doch ist hier, der es bildete,
vielleicht ferne; bei den Dingen aber, welche die
Natur umfaßt, ist und bleibt die bildende Kraft im
Innern. Sie sollst du demnach umsomehr verehren
und dabei glauben, daß, wenn du nur nach ihrem
Willen beständig lebst, alles bei dir nach der Ver-
nunft sich richten wird; denn so richtet sich auch
im Weltall alles nach der Weltvemunft. (40)
Wenn du irgend eines von den Dingen, die außer
deiner Willkür stehen, als ein Gut oder als ein
Übel betrachtest, so mußt du notwendig, wenn ein
solches Übel dich trifft oder ein solches Gut aus-
bleibt, über die Götter munren und die Menschen
hassen, die daran schuld sind, oder nach deinem
Argwohn das zukünftige Ausbleiben oder Eintreffen
derartiger Dinge verursachen sollen. Und so begehen
wir viel Unrecht, weil uns derartige Dinge nicht
gleichgültig sind. Wenn wir aber nur die von uns
abhängigen Dinge für Güter oder Übel erklären, so
bleibt kein Grund übrig, die Gottheit anzuklagen oder
gegen einen Menschen eine feindliche Stellung ein-
zunehmen. (41)
Wir alle wirken zusammen auf ein Ziel; die einen
bewußt und mit Einsicht, die andern unbewußt
Ja sogar die Schlafenden sind, wie, glaub ich, Heraklit
sagt, Arbeiter und Mitwirker am Weltgeschehen.
Digitized by
75
Google
Jeder arbeitet auf eine andere Weise mit; im Ober-
maß sogar der Tadler, der dem Geschehen entgegen-
zutreten und es wegzuräumen sucht. Denn auch eines
solchen Menschen bedurfte die Welt Dir bleibt
übrig zu aberlegen, wem du dich anschließen willst
Der Beherrscher des Alls wird dich zwar auf alle
Fälle richtig zu verwenden wissen und dich als ein
Glied unter die Zahl der Mitwirker und Gehilfen
aufnehmen. Du aber hüte dich, ein solches Glied zu
werden, wie jener schlechte und lächerliche Vers im
Drama, den Chrysipp*) erwähnt (42)
Verlangt etwa die Sonne» die Dienste des Regens
zu leisten? Oder Äskulap die der Fruchtspenderin?
Und die Gestirne, wirken sie nicht, trotz ihrer Ver-
schiedenheit, alle auf ein Ziel hin? (43)
Wenn die Götter über mich und über mein Ge-
schick etwas beschlossen haben, so haben sie
Gutes beschlossen; denn ein ratloser Gott ist nicht
leicht denkbar; aus welchem Grund aber sollten sie
mir weh tun wollen? Denn was könnte für sie oder
für das Ganze, für das sie doch vorzüglich sorgen,
dabei herauäLommen? Wenn sie aber über mich
im einzelnen nichts beschlossen haben, so haben sie
zum mindesten über das Ganze im allgemeinen etwas
beschlossen, und ich muß darum auch mein daraus-
folgendes Geschick willkommen heißen und lieb-
gewinnen. Fassen sie aber über gar nichts Beschlüsse
— das zu glauben ist gottlos — wozu dann unsere
Opfer, unsere Gebete, unsere Eide, wozu die übrigen
Handlungen, die wir im Glauben an die Gegenwart
und lebendige Gemeinschaft mit den Göttern ver-
richten? Wenn also die Götter selbst in gar nichts^
76
Digitized by VjOOQIC
was uns angeht, eingreifen, nun so stehts in meiner
Macht, aber mich selbst etwas zu beschließen, und
ich kann, was mir zuträglich ist, erwägen. Zuträglich
aber ist jedem Wesen, was seinen Anlagen und
seiner Natur entspricht Meine Natur aber ist ver-
nünftig und fürs Zusammenleben bestimmt; meine
Stadt und mein Vaterland, insofern ich Antonin heiße,
ist Rom, sofern ich Mensch heiße, die Welt. Was
diesen Staaten frommt, das allein ist für mich ein
Gut. (44)
Was immer jedem begegnet, ist dem Ganzen zu-
träglich. Schon dies genügte eigentlich. Aber
bei genauer Betrachtung wirst du auch überall noch
das finden: was dem Einzelmenschen zuträglich, ist
es auch den übrigen Menschen. Es ist nämlich hier
der Ausdruck „zuträglich" auch von den gleichgültigen
Dingen zu verstehen, (45)
Wie die Vorstellungen im Theater und an ähn-
lichen Plätzen, ein ewiges Einerlei für den
Zuschauer, dir widerstehen und das Gleichförmige
derselben dir ihren Anblick zum Ekel macht, so er-
lebst du das gleiche im ganzen Leben; denn alles
über und unter dir ist immer das gleiche und hat
denselben Ursprung. Bis wie lange denn noch? (46)
Denke beständig an die Gestorbenen aus allen
Ständen, allen Berufsarten und allen Völkern,
und steige in dieser Reihe bis zu einem Philistion,
Phöbus, Origanion. Dann gehe zu den andern
Klassen über. Dorthin müssen ja auch wir wan-
dern, wo so viele gewaltige Redner, so viel ehr-
würdige Philosophen, wie Heraklit, Pythagoras, So-
krates, so viel Helden der Vorzeit, so viel Heerführer
Digitized by
77
Google
und Gewaltherrscher späterer Tage, und außer diesen
Eudoxos, Hipparch, Ä-chimedes und andere scharf-
sinnige, hochherzige, arbeitsliebende, allgewandte,
selbstgefällige Geister, ja selbst des nichtigen, einen
Tag dauernden Menschenlebens, Verächter wie ein
Menippus und so viel andere seiner Art verweilen.
Von all diesen stelle dir vor, daß sie längst im Grabe
liegen. Warum soll dies für sie so furchtbar sein?
Warum fQr die, deren Namen niemand mehr nennt?
Eins nur besitzt hohen Wert: im Bunde mit Wahrheit
und Gerechtigkeit das ganze Leben hindurch auch
gegen Lügner und Ungerechte voll Wohlwollen
zu sein. (47)
Willst du dich erfreuen, beherzige die Vorzüge
deiner Zeitgenossen: so des einen Tatkraft, des
andern Bescheidenheit, eines dritten Freigebigkeit
und an einem vierten sonst eine gute Eigenschaft
Denn nichts erfreut so sehr, als die Bilder der Tüchtig-
keiten, die aus dem Tun und Treiben unserer Zeit-
genossen in reicher Fülle uns in die Augen fallen.
Darum muß man sie sich auch immer gegenwärtig
halten. (48)
Du wirst dich doch nicht darüber grämen, daß du
nur so und so viel Pfund und keine 300 wiegst? So
gräme dich denn auch nicht darüber, daß du nur so
und so viel Jahre und nicht noch mehr zu leben
hast! Denn wie du mit dem dir bestimmten Körper-
gewicht zufrieden bist, so sei es auch^ mit der dir
bestimmten Lebensdauer. (49)
Versuch es, die andern zu überzeugen! Handle
aber auch gegen ihren Willen, wenn es Ge-
rechtigkeit und Vernunft also verlangen. Widersetzt
78
Digitized by VjOOQIC
sich aber dir einer mit Gewalt, so wende dich der
Zufriedenheit und Gemütsruhe zu und nütze jenen
Widerstand zu einer andern Tüchtigkeit; und denke
daran, daß du nur bedingungsweise etwas erstrebst
und nicht nach Unmöglichem trachtest. Wonach also?
Nach solch einer Willensrichtung. Sie erringst du,
mag auch das ersehnte Ziel unerreicht bleiben. (50)
Wer den Ruhm liebt, sucht sein eigen Gut im
Benehmen eines andern gegen ihn; wer die
Lüste liebt, in seiner eigenen Leidenschaft, wer aber
Vernunft hat, in seiner eigenen Tätigkeit (51)
Du brauchst über dies oder das keine Meinung
zu haben und kannst so deiner Seele alle Unruhe
ersparen; denn die Dinge selbst sind nicht derart,
daß sie uns Urteile abnötigen. (52)
Gewöhne dich auf die Rede eines andern genau
zu achten, und versetze dich so viel wie möglich
in des Redenden Seele. (53)
Was dem Bienenschwarm nicht zuträglich ist, ist
auch der Biene nicht zuträglich. (54)
Wollten die Schiffsleute den Steuermann, die
Kranken den Arzt schmähen, würden sie da
noch sonst auf einen achten? Oder wie sollte da
jener den Eingeschifften die glückliche Landung oder
dieser den Kranken die Gesundheit verschaffen? (55)
Wie viele derer, mft denen ich auf die Welt
gekommen, sind bereits wieder daraus ge-
schieden! (56)
Gelbsüchtigen kommt der Honig bitter vor; von
der Hundswut Befallenen das Wasser furchtbar,
und Kindern ein Ball schön. Warum also sich er-
eifern? Oder meinst du, falsche Ansichten hätten
Digitized by
79
Google
weniger Einfluß als die Galle beim Gelbsfichtigen
oder das Gift beim Wasserscheuen? (57)
Dem Gesetz deiner Natur zu leben, kann dich
niemand hindern; dem Gesetz der gemeinsamen
Natur zuwider kann dir nichts zustoßen. (58)
Wer sind denn die, denen man gefallen möchte,
und um welcher Vorteile willen und durch
welcherlei Mittel? Wie schnell wird die Zeit alles
verschlingen, und wie vieles hat sie schon ver-
schlungen I (59)
Digitized by
Google
Was ist Schlechtigkeit? Nur das, was du so oft
schon gesehen hast Und so vergegenwärtige
dir denn bei jedem Erlebnis: es ist nur etwas, was
du schon oft gesehen hast. Du wirst dann finden,
daß alles, wovon die Jahrbücher der alten, mittleren
und neueren Geschichte und alles, wovon auch jetzt
noch die Staaten und Familien voll sind, in jeder
Hinsicht ganz dasselbe ist. Nichts Neues 1 Alles ge-
wöhnlich und kurz dauernd. (1)
Wie kann man anders Vorurteile ertöten, wenn
die Vorstellungen, die sie hervorbringen, nicht
ausgelöscht werden, deren beständige Wiederan-
fachung von dir abhängt? Ich kann über eine Sache
so urteilen, wie ich soll; kann ich 's aber, was bin ich
so unruhig? Was außerhalb meiner Denkkraft liegt, hat
überhaupt keine Bedeutung für meine denkende Seele.
Fühle das, und du stehst fest da; ein neues Leben
zu beginnen, hängt nur von dir selber ab. Betrachte
nur die Dinge von einer andern Seite, als du es bisher
tatest; denn darin besteht das neue Leben. (2)
Nichtige Mühe um festliches Gepränge, Bühnen-
spiele, Herden von Klein- und Großvieh, Fechter-
6 81
Digitized by
Google
spiele, ein Knochen unter junge Hunde, ein Brocken
in einen Fischbehälter geworfen, die mühsame Last-
trägerei der Ameisen, das Hin- und Herlaufen er-
schrockener Mäuse, bewegliche Gliederpuppen hal)en
im Grunde denselben Wert. Mitten in diesem Ge-
triebe muß man freundlich und ohne Leidenschaft
dastehen; man muß erkennen, daß der eine denselben
Wert hat wie der andere und wie die Gegenstände,
um die er sich so abmüht! (3)
Beim Reden muß man auf die Ausdrücke, beim
Handeln auf die Erfolge achten. Bei diesem
muß man sogleich zusehen, auf welchen Zweck es
hinzielt, bei jenem prüfen, welchen Sinn die Worte
haben. (4)
Reicht mein Verstand zu diesem Geschäft aus oder
nicht? Reicht er aus, so verwende ich ihn dazu
als ein mir von der Allnatur verliehenes Werkzeug.
Reicht er nicht aus, so überlasse ich die Ausführung
des Geschäftes dem, der es besser fertig bringt, wenn
es anders nicht zu meinen Pflichten gehört; oder ich
vollbringe es nach besten Kräften und bediene mich
dabei der Hilfe eines andern, der, von meiner Geistes-
kraft unterstützt, vollbringen kann, was dem all-
gemeinen Besten gerade jetzt dienlich und nützlich
ist. Denn was ich auch durch eigene Kraft oder mit
Hilfe eines andern vollende, es soll immer nur
das allgemeine Beste und Ersprießliche zum Ziel
haben. (5)
Wie viele Weitbesungene sind nicht schon der
Vergessenheit überiieferti Und wie viele, die
jene besungen haben, sind schon längst hinweg-
geräumt! (6)
82
Digitized by VjOOQIC
Schäme dich nicht, dir helfen zu lassen; denn dir
ist, wie dem Krieger beim Sturmlaufen, nur vor-
geschrieben, deine Pflicht zu tun. Wie nun, wenn
du deines lahmen Fußes wegen allein die Schanie
nicht ersteigen kannst, wohl aber mit Hilfe eines
andern! (7)
Was in Zukunft sein wird, laß dich nicht anfechten.
Wirst du es ja doch, wenn es bestimmt ist, einst
erleben, begabt mit derselben Vernunft, die dir jetzt
in der Gegenwart Dienste leistet. (8)
Alles ist ineinander verflochten wie durch ein
heiliges Band, und beinahe nichts ist dem andern
fremd. Eines ist dem andern beigeordnet und dient
zur Harmonie derselben Welt. Denn eine Welt ist
vorhanden, aus allem zusammengesetzt, eine Gottheit,
alles durchwaltend, ein Urstoff, ein Gesetz, eine
Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemeinsam und
eine Wahrheit, alles unter der Voraussetzung, daß
es auch eine Vollkommenheit für all diese ver-
wandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen
gibt. (9)
Alles Stoffliche verschwindet schnell wieder im Ur-
stoff des Ganzen, und jede wirkende Kraft wird
schnell wieder in die Vernunft des Ganzen aufge-
nommen. Und ebenso schnell fließt die Erinnerung
an alles dahin ins Grab des ewigen Zeitlaufes. (10)
Für ein vernünftiges Wesen ist eine natüriiche Hand-
lung auch eine vernünftige Handlung. (11)
Entweder stehst du von selbst aufrecht oder mußt
dich aufrecht halten lassen. (12)
Wie bei einem vereinten Körperganzen die Organe,
so verhalten sich trotz ihrer Trennung die
6* 83
Digitized by VjOOQIC
einzelnen vernünftigen Wesen zueinander: sie sind
zum Zusammenwirken eingerichtet. Diese Einsicht
wird um so größeren Eindruck auf dich machen, wenn
du oft zu dir sagst: ich bin ein Organ der Gesamt-
heit von Vemunftwesen; erklärst du dich aber nur
für einen Teil des Ganzen, so liebst du die Men-
schen noch nicht von Herzen, so erfreut dich das
Wohltun noch nicht aus reiner Oberzeugung. Du
übst es bloß, weil es die Sitte so will, aber noch
nicht, weil es dir selbst ein Bedürfnis ist. (13)
Mag^ was will, die Teile, die äußeren Einflüssen
zugänglich sind, treffen, diese Teile mögen,
wenn sie wollen, darüber murren; ich aber habe, so
lange ich das Begegnis nicht für ein Obel halte, noch
nicht darunter gelitten; und ich muß es ja nicht dafür
halten 1 (14)
Was auch einer tun oder sagen mag, ich muß
jedenfalls rechtschaffen sein. So könnte auch
das Gold oder der Smaragd stets sagen: was auch
einer tun oder sagen mag, ich muß ein Smaragd
sein und meine Farben behalten. (15)
Die gebietende Vernunft beunruhigt sich selbst
nicht, sie stürzt sich z. B. nicht in Furcht noch
in Schmerz; wenn aber ein anderer ihr Furcht oder
Traurigkeit einflößen kann, so mag er es tun; sie
selbst wird sich durch ihr Urteil in keine solche Ge-
mütsbewegung versetzen. Daß aber der Körper nichts
leide, dafür mag er selbst sorgen, wenn er kann, und
es sagen, wenn er leidet. Die Seele aber, der eigent-
liche Sitz der Furcht, der Traurigkeit und der dahin
gehörenden Vorstellungen wird wohl nicht, wenn sie
sich nicht selbst zu deriei Urteilen verführt, leiden.
84
Digitized by VjOOQIC
Denn die herrschende Vernunft ist an und für sich
bedürfnislos, wenn sie sich nicht selbst Bedürfnisse
schafft. Eben darum kennt sie auch weder Unruhen
noch Hindemisse, wenn sie sich selbst nicht beun-
ruhigt und hindert (16)
Glücklich sein, heißt einen guten Genius haben
oder gut sein. Was machst du also hier, Ein-
bildung? Hebe dich hinweg, bei den Göttern, wie
du gekommen bist; ich brauche dich nicht. Du bist
gekommen nach deiner alten Gewohnheit Ich zürne
dir nicht; nur geh wieder! (17)
Du fürchtest dich vor der Verwandlung? Was kann
denn ohne Verwandlung werden? Was ist also
der Allnatur lieber oder angemessener? Kannst du
selbst auch nur ein Bad nehmen, ohne daß das Holz
sich verändert, kannst du Nahrung genießen, ohne
daß die Speisen sich verwandeln? Oder kann irgend
etwas anderes Nützliches ohne Verwandlung zur Voll-
kommenheit gelangen? Siehst du also nicht ein, daß
es mft deiner eigenen Verwandlung sich gerade so
verhält, und daß sie für die Ällnatur gerade so not-
wendig ist? (18)
Durch den Stoff der Welt, wie durch einen reißen-
den Strom eilen alle Körper dahin und sind wie
die Teile unseres Leibes untereinander mit dem Ganzen
innig verbunden und zusammenwirkend. Wieviel
Männer wie Chrysipp, wie Sokrates, wie Epiktet hat
nicht schon der Zeiten Lauf verschlungen. Diesen
Gedanken vergegenwärtige dir beim Anblick jedes
Menschen und jedes Dinges. (19)
Eins nur ist mein Bestreben, daß ich für meine
Person nichts tue, was die natürliche Einrichtung
Digitized by
85
Google
des Menschen überhaupt nicht will oder nicht so oder
nicht gerade im jetzigen Augenblick. (20)
Bald wirst du alles vergessen haben, und bald
werden auch dich alle vergessen haben. (21)
Es ist dem Menschen eigentümlich, auch die, welche
sich verfehlen, zu lieben. Dieser Zustand tritt
ein, wenn es dir klar wird, daß die Menschen mit
dir eines Geschlechtes sind, dafi sie aus Unwissen-
heit und gegen ihren Willen fehlen und daß ihr beide
nach kurzer Zeit tot sein werdet, vor allem aber,
daß dein Widersacher dich nicht beschädigt hat; denn
er hat die in dir gebietende Vernunft nicht schlimmer
gemacht, als sie vorher war. (22)
Die Allnatur bildet aus dem Gesamtstoff der Welt,
wie der Künstler aus Wachs, bald ein Pferd,
bald schmilzt sie es wieder ein und verwendet
seinen Stoff mit, um einen Baum, dann ein Kind,
dann wieder ein anderes Wesen hervorzubringen*
Jedes derselben besteht nur sehr kurze Zeit. Es ist
aber doch nichts Schreckliches für ein Kistchen, ob
es zusammengenagelt oder wieder auseinandergelegt
ist. (23)
Ein zorniges Gesicht ist etwas sehr Unnatürliches;
Wenn die Sanftmut im Innern erstirbt, erlischt
auch die freundliche Miene ganz, so daß sie gar nicht
wieder aufgeheitert werden kann. Schon durch diese
Erwägung versuche dir klar zu machen, daß der Zorn
vernunftwidrig ist Denn wenn einmal für uns das
Bewußtsein unserer Fehler geschwunden ist, was haben
wir dann noch für einen Grund zum Weiterleben? (24)
Alles, was du siehst, wird die allwaltende Natur
gar bald verwandeln und aus diesem Stoff anderes
86
Digitized by VjOOQIC
schaffen und wiederum anderes aus demselben Stoff,
damit die Welt immer verjüngt sei. (25)
Hat jemand in etwas gegen dich gefehlt, so er-
wäge sogleich, welche Ansicht über Gut und
Böse ihn zu diesem Vergehen bestimmt habe. Denn
sobald dir dies klar ist, wirst du ihn nur bemitleiden,
dich aber weder verwundem noch erzürnen; denn
entweder hast du über Gut und Böse dieselbe An-
sicht wie er, oder doch eine ähnliche, dann mußt du
verzeihen; oder du hast über Gut und Böse nicht
dieselben Ansichten wie er, in diesem Fall wird dir
das Wohlwollen gegen den Irrenden umso leichter
sein. (26)
Denke nicht an das, was dir fehlt, sondern an das,
was jetzt noch für dich da ist, und wähle dir
unter den vorhandenen Gütern die annehmbarsten
aus und erinnere dich daran, mit welcher Anstrengung
du sie suchen würdest, wenn sie nicht vorhanden
wären; aber hüte dich zugleich, daß dieses Wohl-
gefallen daran dich nicht an ihre Oberschätzung ge-
wöhne, sonst müßte ihr einstiger Verlust dich nur
beunruhigen. (27)
In dich selbst ziehe dich zurück! Die in uns ge-
bietende Vernunft ist ja von der Natur, daß sie
im Rechttun Heiterkeit und Selbstzufriedenheit fin-
det. (28)
Mache den Einbildungen ein Ende. Hemme den
Zug der Leidenschaften. Behalte die Gegen-
wart in deiner Gewalt. Durchschaue das, was dir
oder einem andern begegnet. Trenne und zerlege
jeden Gegenstand in seine Urkraft und seinen Stoff.
Denke an deine letzte Stunde. Die Fehler, die
Digitized by
87
Google
andere begehen, lafi da, wo sie begangen worden
sind. (29)
Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf das, was
gesprochen wird; versenke deinen Geist in die
Betrachtung derBegebenheiten und ihrerUrsachen. (30)
Dein Schmuck sei Einfalt, Bescheidenheit und
Gleichgültigkeit gegen alles, was zwischen
Tugend und Bosheit in der Mitte liegt. Liebe das
Menschengeschlecht, folge der Gottheit. Alles ge-
setzlich! sagt jener Dichter, und wenn auch keine
Götter wären, sondern nur Grundstoffe, so muß man
doch bedenken, daß alles mit sehr geringen Aus-
nahmen gesetzlich geschieht. (31)
Vom Tode: entweder Zerstreuung, nämlich Auf-
lösung in die Atome oder Vernichtung, oder ein
Auslöschen oder ein Obergang. (32)
Vom Schmerz: ist er unerträglich, so führt er aus
dem Dasein hinaus, dauert er fort, so läßt er
sich tragen. Und die denkende Seele in uns bewahrt
durch Sammlung in sich selbst dabei ihre Heiterkeit,
und die gebietende Vernunft erleidet so keinen Schaden.
Die vom Schmerz beschädigten Teile aber mögen,
wenn sie können, sich darüber äußern. (33)
Vom Ruhm: betrachte die Gesinnungen der Ruhm-
süchtigen, wie sie sind, und was sie meiden
und was sie suchen. Denke femer daran, daß, wie
die früheren Sandhügel verdeckt werden, wenn neuer
Sand über sie hergetrieben wird, so auch im Leben
das Frühere vom Nachfolgenden gar bald bedeckt
wird. (34)
Aus Piaton: „Wem ausgezeichnete Denkkraft und
Einsicht in jede Zeit und jedes Wesen zu Oe-
88
Digitized by VjOOQIC
böte steht, glaubst du, dafi der das Menschenleben
für etwas Großes hält?« — „Unmöglich!« — „Also
wird ein solcher auch den Tod nicht als etwas
Fürchterliches betrachten?« „Gewiß nicht« (35)
Ein Wort des Antisthenes: „Königlich ist es, wohl
zu tun, und Schmähungen ruhig über sich ergehen
zu lassen." (36)
Schmachvoll ist es, wenn unser Angesicht, dem
Verstand gehorsam, nach seinen Befehlen sich
formen und zieren läßt, der Verstand selbst aber nicht
durch seinen eigenen Willen geformt und geordnet
wird. (37)
Der Außenwelt soll man durchaus nicht zürnen;
sie kümmert sich um nichts. (38)
Den unsterblichen Göttern und uns verleihe Ent-
zücken! (39)
Das Leben ernte, wie fruchtreiche Ähren, die eine
reift, die andere welkt schon hin. (40)
Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern.
Auch das hat seinen Grund. (41)
.as Gute und das Rechte ist mit mir, (42)
D'
Nicht jammern mit den anderen, nicht mit ihnen
aufjubeln! (43)
Platonische Aussprüche: „Diesem würde ich mit
Recht antworten: du urteilst unrichtig, o Mensch,
wenn du meinst, daß ein Mann, der auch nur
einigen Wert hat, in der Wahl zwischen Leben
und Sterben die Gefahr scheuen und nicht vielmehr
das nur erwägen soll, ob, was er tue, recht oder
unrecht und die Tat eines Guten oder Schlechten
sei.« (44)
Digitized by
89
Google
Ja, ihr Männer von Athen, so verhält es sich in der
Tat Den Posten, aufweichen einer, in der Meinung,
dafi es der beste sei, sich selbst gestellt hat oder
von seinem Feldherm gestellt worden ist, muß er,
dünkt mich, auch in Gefahr behaupten und dabei alles,
selbst den Tod verachten, nur die Schande nicht." (45)
Sieh doch genau zu, mein Freund, ob das Edle
und Gute nicht in etwas anderem bestehe, als in
Erhaltung eines fremden oder des eigenen Lebens.
Denn wer in Wahrheit ein Mann ist, der soll nicht
wünschen, so oder so lange zu leben, noch mit feiger
Liebe am Leben hängen, sondern die Bestimmung
hierüber Gott überlassen und glauben, was selbst die
Weiber wissen, daß auch nicht einer seinem Schick-
sal entrinnen kann. Nur der eine Gedanke beschäftigt
ihn, wie er die ihm noch beschiedene Lebenszeit so
gut als möglich durchlebe." (46)
Betrachte den Umlauf der Gestirne, als wenn dein
Leben mit ihnen umliefe, und erwäge beständig
die wechselnden Übergänge der Grundstoffe inein-
ander. Denn solche Vorstellungen reinigen dich vom
Schmutz des Erdenlebens. (47)
Schön ist der Ausspruch Piatons: „Wer über Men-
schen reden will, der muß, wie von einem höheren
Standpunkt aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins
Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feld-
arbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todes-
fälle, lärmenden Gerichtsverhandlungen, verödete
Landesteile, die buntgemischten fremden Völker-
schaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, dieses
Gemenge und diese Zusammensetzung aus den
fremdartigsten Bestandteilen." (48)
90
Digitized by VjOOQIC
Lafi die Vergangenheit an dir vorüberziehen, den
häufigen Wechsel so vieler Reiche; daraus kannst
du auch die Zukunft vorhersehen! Denn sie wird
dem Gewesenen ganz ähnlich sein und kann unmög*
lieh von der Regel der Gegenwart abweichen. Darum
ist es auch einerlei, ob du das Menschenleben vierzig
oder zehntausend Jahre lang erforschst. Denn was
würdest du mehr sehen? (49)
Was aus der Erde stammt, muß wieder Erde werden,
Doch was des Äthers Saat entkeimte, kehrt zurück
Zum Himmel wieder . . ."
mit andern Worten: es ist eine Auflösung der in-
einander verflochtenen Atome oder eine Art Zer-
streuung der empfindungslosen Grundstoffe. (50)
Durch Essen, Trinken und durch Zaubermittel
Sind wir bemüht, das Todesschicksal abzu-
wenden . . •
Doch müssen wir den Hauch, der von der Gottheit
weht,
Sei's auch mit vielem Leid, hinnehmen ohne Klage." (51)
Mag jemand immerhin kämpf geübter sein als du!
Nur sei er nicht menschenliebender, nicht an-
spruchsloser, nicht mehr gefafit allen Ereignissen
gegenüber, nicht nachsichtiger gegen die Verirrungen
seiner Nebenmenschen! (52)
Wo etwas im Einklang mit der den Göttern und
Menschen gemeinsamen Vernunft getan werden
kann, da kann keine Gefahr sein; denn wo die Mög-
lichkeit besteht, etwas Nützliches zu schaffen in glück-
lich fortschreitender, unseren Anlagen nicht wider-
sprechender Tätigkeit, da braucht man keinen Schaden
zu befürchten. (53)
Digitized by
91
Google
U** berall und jederzeit ist es in deiner Macht, in
deiner gegenwärtigen Lage gottergebene Zu-
friedenheit zu beweisen, gegen deine Mitmenschen
Gerechtigkeit walten zu lassen, und deinen augen-
blicklichen Vorstellungskreis sorgfältig zu prüfen, da-
mit sich nichts Unbegreifliches einschleiche. (54)
Sieh dich nicht nach den leitenden Grundsätzen
anderer um, sondern schaue vielmehr unverwandten
Blickes auf das Ziel, worauf die Natur dich hinführt,
sowohl die Allnatur durch das, was dir zustößt, als
deine eigene durch das, was sie von dir verlangt.
Jeder aber hat zu leisten, was eine Folge seiner An-
lagen ist. Nun sind at)er die übrigen Wesen der
vernünftigen halber hervorgebracht, sowie überhaupt
das Niedere um des Höheren willen, die Vemunft-
wesen aber sind füreinander da. Von den Anlagen
des Menschen ist die erste sein Trieb zur Gesellig-
keit, die zweite aber seine Überiegenheit über die
Verlockungen der Sinne. Denn der vernünftigen und
verständigen Tätigkeitskraft ist es eigen, sich selbst
zu beschränken und weder den Anforderungen der
Sinne noch der Triebe je zu unteriiegen. Beide sind
ja tierisch. Die Vemunftkraft aber will den Vorrang
haben und sich nicht von jenen meistern lassen, und
das mit Recht; denn dazu ist sie von Natur da, jene
überall ihren Zwecken dienstbar zu machen. Der
dritte Vorzug in den Anlagen eines vernünftigen
Wesens besteht darin, nicht blindlings beizupflichten,
noch sich täuschen zu lassen. Mit diesen Eigen-
schaften ausgestattet, wandle die gebietende Ver-
nunft ihren geraden Weg, und sie hat, was ihr ge-
bührt (55)
92
Digitized by
Google
Wie wenn du schon gestorben wärest und nicht
länger leben solltest, mußt du die Zeit, die dir
wie aus dem Überfluß geschenkt ist, im Einklang
mit der Natur durchleben. (56)
Liebe, was dir widerfährt und zugemessen ist; denn
was steht mehr im Einklang mit deiner Natur? (57)
Bei allen deinen Erlebnissen habe die vor Augen,
die gleiches erlebten und sich sofort darüber
beschwerten, es mit Befremden aufnahmen, darüber
klagten; und jetzt, wo sind sie? Nirgends. Und du
willst es gerade so machen? und nicht vielmehr der-
gleichen fremdartige Gemütsbewegungen denen über-
lassen, die auf diese Weise sich und andere aufregen,
dich selbst aber nur damit beschäftigen, wie du diese
Erlebnisse benützen kannst? Denn du kannst sie sehr
gut benutzen, und sie werden dir einen trefflichen
Stoff bieten: du mußt nur aufmerksam sein und bei
all deinem Tun den Willen haben, vor dir selber
rechtschaffen zu erscheinen. Denke immer an diese
beiden Sätze, sonst ist dein Tun zwecklos. (58)
Blicke in dein Inneres! Da ist die Quelle des
Guten; sie wird immer sprudeln, wenn du nur
immer nachgräbst! (59)
Es muß auch der Körper eine feste Haltung haben
und darf weder in der Bewegung noch in der
Ruhe sich gehen lassen. Denn wie deine Seele
sich in deinen Mienen verrät und Nachdenken und
Ehrbarkeit darin sich zeigen, so läßt sich Ähnliches
vom ganzen Körper fordern. Nur muß das alles auf
ungekünstelte Weise beobachtet werden. (60)
Die Lebenskunst hat mit der Fechtkunst mehr Ähn-
lichkeit als mit der Tanzkunst ^ weil man auch
Digitized by
93
Google
auf unvorhergesehene Streiche gerüstet sein und un-
erschütterlich fest stehen muß. (61)
Mache dir beständig klar, wer die sind, nach deren
Anerkennung dich verlangt, und welche Grund-
sätze sie haben. Denn dann wirst du weder über
ihre unvorsätzlichen Fehler zürnen, noch ihre An-
erkennung verlangen, wenn du einen Blick in die
Quellen ihrer Meinungen und Triebe getan hast. (62)
Jede Seele*, sagt Piaton, „wird nur gegen ihren
Willen der Wahrheit beraubt. Ebenso auch der Ge-
rechtigkeit, der Selbstbeherrschung, des Wohlwollens
und jeder anderen Tugend. Es ist aber sehr nötig,
daran immer zu denken, denn man wird so milder
gegen jedermann." (63)
Bei jedem Schmerz sei dir der Gedanke gegen-
wärtig, daß er nichts Entehrendes sei, noch auch
die leitende Denkkraft in dir schlechter mache; denn
diese kann weder an und für sich, ihrem Wesen nach,
noch in ihrem Verhältnis zur Gesellschaft betrachtet,
zerrüttet werden. Doch möge dich bei den meisten
schmerzlichen Empfindungen der Ausspruch Epikurs
stärken, daß sie ebensowenig unerträglich, als von
ewiger Dauer sind,, wofern du sie nicht durch Einbildung
vergrößerst und bedenkst, daß alles seine Grenzen
hat. Erinnere dich aber auch dessen, daß manches,
was mit dem Schmerz einerlei ist, in uns, ohne daß
wir's bemerken, Unlust erregt, wie Schläfrigkeit, Er-
hitzung und Appetitlosigkeit. So oft dich nun etwas
der Art in schlechte Stimmung bringen will, sage zu
dir selbst: du erliegst ja dem Schmerz. (64)
Hüte dich, selbst gegen Unmenschen ebenso zu
handeln, wie sie gegen andere Menschen tun. (65)
94
Digitized by VjOOQIC
Woher wissen wir, ob nicht Telauges ^ einen edleren
Charakter besafi als Sokrates? Denn hier ist
es nicht damit getan, daß Sokrates auf ruhmvollere
Art starb, daß er in seinen Unterredungen mit den
Sophisten mehr Geist entwickelte, daß er mit mehr
Geduld die Nacht unter eiskaltem Himmel verbrachte,
daß er dem Befehl,den Salaminier^) zu holen, sich mit
noch größerer Seelenstärke widersetzte, daß er, was
man, selbst wenn es wahr wäre, kaum glauben kann,
auf den Straßen stolz einherschritt. Man muß da-
gegen folgende Fragen stellen: wie war Sokrates'
Seele beschaffen? Gentigte ihm die Gerechtigkeit
gegen die Menschen und die Frömmigkeit gegen
die Götter? Hat er sich nie grundlos über die
Schlechtigkeit anderer geärgert, nie ihrer Unwissenheit
nachgegeben? Hat er die Schicksale, die ihm vom
Weltganzen bestimmt waren, nie mit Befremden auf-
genommen oder sich unter sie nur wie unter ein un-
erträgliches Joch gebeugt? War nie seine Vernunft
Genossin der Leiden des armseligen Fleisches? (66)
Die Natur hat dich nicht in dem Grade mit der
Körpermasse zusammengeschweißt, daß du dich
nicht auf dich selbst beschränken und deine Pflicht
mit ungehinderter Freiheit tun könntest. Denn man
kann recht wohl ein göttlicher Mensch sein, ohne
von jemandem dafür erkannt zu werden. Daran denke
immer und vergiß auch nie, daß zur Glückseligkeit
nur sehr wenig nötig ist; und wenn du auch die*
Hoffnung aufgeben mußtest, es in Dialektik und Natur-
philosophie weit zu bringen, so darfst du doch nicht
darauf verzichten, ein freigesinnter, bescheidener, gesel-
liger und derGottheit ergebener Mensch zu werden. (67)
Digitized by
95
Google
Ohne Anfechtung kannst du in höchster Seelen-
ruhe leben, wenn auch alle Menschen nach
Herzenslust ein Geschrei wider dich erheben und
wenn auch wilde Tiere die schwachen Glieder deiner
Körperhülle zerfleischen sollten. Denn was hindert
dich trotz alledem, deiner Seele die Heiterkeit, ein
richtiges Urteil über die Welt und eine erfolgreiche
Benützung der ihr gebotenen Gelegenheiten zu be-
wahren? Dann sagt das Urteil zum Ereignis: das ist
dein Wesen, wenn du auch äußerlich anders scheinst;
und die Benützung sagt zur Gelegenheit: gerade dich
hab ich gesucht, denn immer bietet mir die Gegen-
wart Stoff zur Betätigung einer vernünftigen und
bürgerlichen Tüchtigkeit, überhaupt einer Kunst, die
eines Menschen, die eines Gottes würdig ist. Denn
alles, was dich trifft, steht mit der Gottheit oder dem
Menschen in einem gewissen Verwandtschaftsverhält-
nis und ist mithin nichts Unerhörtes oder schwer zu Be-
handelndes, sondern etwas Bekanntes und Leichtes. (68)
Es zeugt von sittlicher Vollkommenheit, wenn man
jeden Tag, als wäre er der letzte, verlebt, ohne
Aufwallung, ohne Ermattung, ohne Falsch. (69)
Die Götter sind nicht unwillig darüber, daß sie,
die Unsterblichen, eine Ewigkeit lang eine so
große Menge schlechter Menschen ertragen müssen,
im Gegenteil, sie sorgen für sie auf alle mögliche
Weise! Und du, dessen Ende nicht mehr weit ist,
und der selber zu den Bösen gehört, wolltest er-
müden? (70)
Lächerlich ist es, die eigene Schlechtigkeit nicht
meiden zu wollen, was doch möglich, dagegen
die Schlechtigkeit anderer, was unmöglich ist! (71)
96
Digitized by VjOOQIC
Was die vernünftige und zu bürgerlicher Tüchtig-
keit berufene Tatkraft nicht vernünftig oder ge-
meinnützig findet, hält sie mit Recht unter ihrer
Würde. (72)
Hast du eine Wohltat erwiesen und hat ein anderer
deine Wohltat empfangen, was suchst du, wie
die Dummen, noch ein drittes, nämlich den Ruhm
des Wohltäters oder eine Gegenleistung? (73)
Niemand ermüdet, wenn er seinen Nutzen sucht;
Nutzen aber gewährt eine Tätigkeit im Einklang
mit der Natur. Werde drum nie müde, deinen Nutzen
zu suchen, indem du andern nützest! (74)
Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung;
darum ist alles Geschehen eine notwendige
Folge des Weltplanes, oder es ist auch das Größte,
dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft
anstrebt, grundlos vorhanden. Oft wird dir dieser
Gedanke Seelenruhe geben können. (75)
Digitized by
Google
Auch das kann dich vor eitler Ruhmbegierde be-
wahren, daß du nicht dein ganzes Leben, zumal
nicht von Jugend auf, als Philosoph hast verbringen
können, sondern vielen andern und nicht zuletzt dir
selbst als ein Mensch erschienen bist, der mit Philo-
sophie wenig zu tun hati Es entstand mithin eine
Unordnung in deinem Denken; und es ist jetzt recht
schwierig für dich, den Ruhm eines Philosophen zu
erwerben. Auch deine Lebensstellung tritt dir dabei
entgegen. Wenn du nun wirklich eingesehen hast,
worin das Wesentliche besteht, so laß ab von allem
Dünkel, begnüge dich, deinen Lebensabend im Ein-
klang mit der Natur zu verbringen. Erwäge ihre
Anforderungen und laß dich durch nichts davon ab-
bringen. Du hast ja allerlei versucht, bist unter vielen
Gegenständen umhergeirrt und hast nirgends das
Glück des Lebens gefunden. Nicht in Vemunft-
schlüssen, nicht im Reichtum, nicht im Ruhm, nicht
im Sinnesgenuß, nirgends. Wo ist es denn nun
eigentlich? Da, wo man tut, was die Menschennatur
verlangt. Aber wie läßt sich das tun? Wenn man
Grundsätze besitzt, denen alle unsere Bestrebungen
98
Digitized by
Google
und Handlungen entspringen. Was für Grundsätze?
Grundsätze über Güter und Übel, nach denen nichts
für den Menschen ein Gut ist, was ihn nicht gerecht,
weise, mannhaft, freigesinnt macht, und nichts ein
Übel, was nicht das Gegenteil von dem Gesagten
bewirkt. (1)
Bei all deinem Tun frage dich selbst: in welchem
Verhältnis zu mir steht diese Handlung? Werde
ich sie bereuen müssen? Über ein kleines und ich
bin tot, und alles ist aus. Was verlange ich denn
mehr, wenn meine gegenwärtige Handlungsweise
der eines vernünftigen und geselligen Wesens ent-
spricht, das mit der Gottheit unter gleichen Gesetzen
steht? (2)
Alexander, Caius und Pompeius, was sind sie,
verglichen mit einem Diogenes, Heraklit und
Sokrates? Diese erkannten die Dinge, ihre Ursachen
und Bestandteile und bewahrten sich ihre Seelen-
ruhe; bei jenen aber, welche Besorgnis vor so
vielem und welch knechtische Abhängigkeit von so
vielem! (3)
Und wenn du darüber bersten solltest, sie werden
immer gleich handeln. (4)
Vor allem lafi dich nicht beunruhigen! Alles steht
ja im Einklang mit der Allnatur; eine kurze
Spanne Zeit — und du bist nirgends mehr, so wenig
wie Hadrian und Augustus. Sodann fasse deine
Lebensaufgabe unverwandten Blicks ins Auge und
bedenke, daß du ein guter Mensch sein sollst, und
tue unentwegt, was die Natur des Menschen von dir
fordert, und rede nur, was dir durchaus gerecht scheint;
sei bescheiden, ruhig und ohne Heuchelei! (5)
Digitized by
99
Google
Die Allnatur arbeitet immer daran, die vorhandenen
Dinge von einer Stelle an die andere zu ver-
setzen, sie umzuwandeln, sie von hier wegzuräumen
und dorthin zu verpflanzen. Oberall Wechsel und
doch nirgends etwas Neues; alles gewöhnlich, aber
auch überall die gleichen Gesetze. (6)
Jedes Wesen ist zufrieden, wenn es ihm wohl geht
Einem Vemunftwesen aber geht es wohl, wenn
es unter seine Vorstellungen nichts Unwahres, Un-
klares aufnimmt, seinen Willen nur auf gemeinnützige
Handlungen richtet, seine Neigungen und Abnei-
gungen nur auf das lenkt, was in unserer Macht
steht, und was uns die Allnatur zuteilt, mit Freuden
annimmt. Denn ein Vemunftwesen ist doch ein Teil
von ihr, wie das Blatt ein Teil der Pflanze ist, nur
mit dem Unterschied, daß das Blatt ein Teil einer
empfindungslosen, vemunftleeren, Hindernissen unter-
worfenen Natur ist, dagegen die Menschennatur ein
Teil einer über alle Hindemisse erhabenen, ver-
nünftigen und gerechten Natur, insofern sie jedem
Wesen, seinem Werte entsprechend, gleichen Anteil
an Dauer, Stoff, Ursächlichkeit, Wirksamkeit, Begeg-
nissen verleiht. Um das zu erkennen, vergleiche nicht
die einzelnen Eigenschaften der Wesen miteinander,
sondern die Gesamtheit aller Eigenschaften der einen
mit der Gesamtheit der Eigenschaften eines andem. (7)
Zum Studieren hast du keine Zeit. Aber du hast
Zeit, deinen Hochmut zu bekämpfen, Lust und
Schmerz zu bemeistem, über eitle Ruhmsucht dich
erhaben zu zeigen, gefühllosen und undankbaren
Menschen nicht zu zürnen, ja noch mehr, dich ihrer
anzunehmen! (8)
100
Digitized by VjOOQIC
Niemand soll von dir eine Beschwertle At)er-da6 Hot--
leben oder über dein eigenes Löbeft^-hÖfetit (ö)*
Die Reue ist eine Art Angriff ojiT sich: scliTst;.iy]Bil-
man sich etwas Nützliches haV'eri^jehen Ikäseh;
das Gute aber ist notwendig nützlich, und darum
mufi der gute und edle Mann sich um das Gute
kümmern; dagegen hat es ein guter und edler Mann
wohl noch nie bereut, daß er sich ein Vergnügen
hat entgehen lassen. Es ist also das Vergnügen
weder etwas Nützliches noch ein Gut. (10)
Dieser Gegenstand hier, was ist er seinem Wesen
und seiner Beschaffenheit nach? Was ist er
seinem Stoff nach? Worin besteht seine wirkende
Kraft? Was tut er in der Welt und wie lange be-
steht er? (11)
Wenn du ungern vom Schlaf erwachst, denke
daran, daß die Ausübung gemeinnütziger Hand-
lungen sowohl deinen Anlagen als der Menschennatur
entspricht, daß du das Schlafen aber sogar mit den
vemunftlosen Tieren gemein hast; was aber der Natur
eines jeden Wesens entspricht, ist demselben auch
mehr verwandt, mehr angemessen, ja sogar an-
genehmer. (12)
Ohne Unterlaß und womöglich bei jeder Vor-
stellung wende die Lehren der Physik, Ethik
und Dialektik an. (13)
Mit wem du auch verkehrst, frage dich sogleich:
welche Ansichten hat dieser Mensch über Gut
und Böse? Denn, je nach den Ansichten, die er über
Lust und Schmerz und die Ursachen beider, über
Ehre und Unehre, über Tod und Leben hegt, kann
es mich nicht wundem noch befremden, wenn er so
101
Google
Digitized by
.Ojder so/JipiKtelt; und ich will denken, daß er ge-
'"«wungeYi iäf,-s^o-'^zu handeln. (14)
:jt:;yiei€iß*nich\ d^ß es ebenso töricht ist, sein Be-
' • V 'fremderf ^däirüber zu äußern, daß die Welt das
hervorbringt, wozu sie die Keime in sich trägt, als
darüber, daß der Feigenbaum Feigen hervorbringt;
wie töricht wäre doch auch ein Arzt und ein Steuer-
mann, wollte jener über einen Fieberkranken, dieser
über einen ungünstigen Fahrwind sein Befremden
äußern. (15)
Bedenke, daß du deine innere Freiheit bewahrst,
ob du nun selbst deine Meinung änderst oder
dem, der sie berichtigt, nachgibst Denn auch dann
vollzieht sich deine Tätigkeit nach deinem Willen
und Urteil, ja sogar nach deiner Absicht. (16)
Kannst du es anders machen, warum tust du's?
Hängt es aber von einem andern ab, wem machst
du Vorwürfe? Den Atomen oder den Göttern? Beides
wäre verrückt. Hier ist niemand anzuklagen, denn,
kannst du es, so bessere den, der es tat; kannst
du es aber nicht, so bessere wenigstens die Sache
selbst; kannst du aber auch das nicht, wozu
dann die Anklagen? Denn zwecklos muß man nie
handeln. (17)
Was stirbt, kommt darum noch nicht aus der Welt
Wenn es also hier bleibt, so verwandelt es sich
auch hier und löst sich in seine Grundstoffe auf, die
es mit der Welt und mit dir gemein hat Ver-
wandeln sich doch auch die Elemente, ohne zu
murren. (18)
Jedes Wesen, z. B. ein Pferd oder eine Rebe, ist zu
irgend einem Zweck in der Welt. Was wunderst
102
Digitized by VjOOQIC
du dich da? Auch Helios wird dir sagen: „Ich erfülle
einen bestimmten Zweck", und ebenso die übrigen
Götter. Was ist nun dein Zweck? Etwa das Leben
für sinnliche Genüsse? Oberlege dir doch genau, ob
vernünftiges Nachdenken das gestattet. (19)
Die Natur berücksichtigt jedes Wesen, und zwar
ebensosehr sein Ende wie seinen Anfang und
seine Dauer; gerade wie der, der einen Ball in die
Höhe wirft, ihn nicht aus dem Auge läßt. Was soll
nun dem Ball Gutes widerfahren, wenn er empor-
geworfen wird, was Schlechtes, wenn er hinabfährt
oder zu Boden fälK? Was für eine Wohltat der
Wasserblase, solange sie zusammenhält, was für ein
-Leid, wenn sie zerplatzt? Ähnliches ließe sich auch
über das Licht sagen. (20)
Kehre einmal das Innere deines Leibes nach außen
und schau, wie er inwendig beschaffen ist und
was aus ihm werden wird, wenn Alter, Krankheit und
Ausschweifung ihn aufreiben. Kurz lebt, wer lobt
und wer gelobt wird, wer eines andern gedenkt und
der, dessen gedacht wird. Außerdem geschieht es
ja nur in einem kleinen Winkel dieses Erdstrichs, und
selbst hier stimmen nicht alle miteinander, ja nicht
einmal der einzelne stimmt mit sich selbst überein,
und die ganze Erde ist nur ein Punkt. (21)
Richte deine ganze Aufmerksamkeit immer auf das
Gegenwärtige, sei's eine Ansicht, eine Handlung
oder ein Ausdruck; sonst geschieht dir ganz recht.
Du willst lieber erst morgen gut werden, als es heute
schon sein. (22)
All meine Handlungen geschehen mft Rücksicht
auf Menschenwohlfahrt, all meine Erlebnisse
Digitized by
103
Google
nehme ich hin als von den Göttern und dem all-
gemeinen Urquell kommend, von dem alles, was
geschieht, eng verbunden herfließt. (23)
Beim Baden siehst du nichts als öl, Schweiß,
Schmutz, klebriges Wasser, lauter ekelhafte Dinge;
von eben der Art ist alles im Leben und was darin
geschieht. (2^
Luzilla sah den Verus sterben und starb dann selbst,
Sekunda den Maximus und folgte ihm nach,
Epitynchanus den Diotimus und folgte bald, Antoninus
die Faustina und starb bald darauf selbst, Geier den
Hadrian und folgte ihm ins Grab. So ging's mit
allen. Jene scharfsinnigen Menschen, jene Zukunfts-
deuter, jene aufgeblasenen Hohlköpfe — wo sind sie?
Wo z. B. scharfsinnige Männer wie Charax, Demetrius,
der Platoniker, Eudämon und andere der Art? Alles
Eintagsgeschöpfe, längst tot. Von einigen hat sich
nicht einmal auf kurze Zeit ein Andenken erhalten,
andere wurden Fabelhelden, wieder andere sind auch
aus der Fabel bereits verschwunden. Denke also
daran, daß auch dein Körpergewebe sich auflösen
muß, daß dein Geist verlöscht oder auswandert oder
anderswohin versetzt wird. (25)
Des Menschen Freude besteht in wahrhaft mensch-
lichen Handlungen; wahrhaft menschlich aber
ist das Wohlwollen gegen seinesgleichen, Verachtung
der Sinnenreize, Unterscheidung bestechender Vor-
stellungen, Betrachtung der Allnatur und ihrer
Wirkung. (2^
Dreierlei Beziehungen sind für den Menschen von
Bedeutung, erstens zu der ihn umgebenden
Körperhülle, zweitens zum göttlichen Ursprung, woher
104
Digitized by VjOOQIC
alle Ereignisse rühren, drittens zu seinen Zeit-
genossen. (27)
Der Schmerz ist entweder für den Leib ein Übel
— so geht es nur diesen an — oder für die
Seele; diese aber kann ihre Heiterkeit und Ruhe be-
wahren und ihn für kein Übel halten. Denn Urteil,
Trieb, Neigung und Abneigung haben alle ihren
Sitz in unserm Innern, und kein Übel kann hier
eindringen. (28)
Sei Herr deiner Vorstellungen und sage bei jeder
Gelegenheit zu dir selbst: es steht ja ganz in
meiner Macht, in dieser Seele keine Bosheit, keine
Begierde, überhaupt keine Leidenschaft aufkommen
zu lassen; dagegen will ich alles seinem Wesen nach
betrachten und jedes Ding entsprechend seinem Werte
benützen. Vergiß nicht diese dir von der Natur ver-
liehene Gabel (29)
Im Senat, wie im Umgangsleben rede mit Würde, ohne
affektiert zu sein. Rede mit gesunder Vernunft. (30)
Der Hof des Augustus, seine Gemahlin, seine
Tochter, sein Enkel, seine Stiefsöhne, seine
Schwester, Agrippa, seine Verwandten, Hausgenossen
und Freunde, Arius, Mäcenas, seine Ärzte und Priester,
kurz, sein ganzer Hof — eine Beute des Todes! Von
da geh weiter, nicht etwa zum Tod eines Einzel-
menschen, sondern ganzer Familien, wie der Familie
der Pompeier I Auf so manchem Grabmal steht ge-
schrieben: „der Letzte seines Geschlechts". Und nun
stelle dir vor, wie sehr ihre Vorfahren um einen
Stammhalter besorgt waren — und doch mußte einer
notwendig der letzte sein! Überdies denke an den
Tod ganzer Geschlechter! (31)
Digitized by
105
Google
Man muß in sein ganzes Leben wie in jede Einzel-
handlung Ordnung bringen; ist jede Handlung
nach besten Kräften getan, so muß man sich dabei
genügen lassen; daß du aber deine besten Kräfte
einsetzest, daran kann dich niemand hindern. „Aber
wenn mir ein äußerer Widerstand entgegentritt?"
Keiner wird sich erheben gegen ein gerechtes, weises
und überlegtes Handeln. „Wenn sich aber irgend
etwas anderes mir in den Weg legt?" Dann laß dir
jenes Hindernis gefallen und strebe dem dir noch
Freistehenden mit Überlegung zu, so tritt sofort
ein neuer Gegenstand der Tätigkeit an die Stelle,
der sich in die Lebensordnung einfügen läßt, von
der wir reden. (32)
Man muß ohne Anmaßung nehmen, ohne Bedauern
geben. (33)
Gewiß hast du schon einmal eine abgeschnittene
Hand, einen abgehauenen Fuß oder Kopf da-
liegen sehen; gerade so etwas macht der aus sich,
der über sein Geschick unwillig wird, sich einsiedle-
risch zurückzieht oder gemeinschädliche Handlungen
begeht. Du hast dich so gewissermaßen selbst von
der natürlichen Einheit hinweggeschleudert; als ein
Teil warst du so einverleibt und hast dich nun selbst
davon abgesondert. Aber immer steht dir der wunder-
volle Weg offen, dich mit ihr aufs neue wieder zu
vereinen I Keinem andern Teil der Natur hat die
Gottheit diese Möglichkeit veriiehen, nach Trennung
und Verstümmelung wieder mit dem Ganzen sich zu
einen. Mache dir den Vorzug, den die Gottheit dem
Menschen verliehen hat, klar: denn beides hat sie in
des Menschen Hand gelegt — seine Trennung vom
106
Digitized by
Google
Ganzen von Anfang an zu venneiden, aber auch nach
seiner Trennung sich wieder mit ihm zu einen, sich
von neuem ihm einzuverleiben und seine Stellung
als Teil wieder einzunehmen. (34)
Jedes von uns vernünftigen Wesen hat neben seinen
übrigen Kräften von der Allnatur auch noch fol-
gende mitbekommen: wie sie nämlich allem, was ihr
widerstrebt und entgegenwirkt, eine andere Wendung
gibt, es in die Kette ihrer Notwendigkeiten einreiht,
zu einem Bestandteil ihrer selbst macht, so kann
jedes vernunftbegabte Wesen alle Hindemisse zu
einem Gegenstand seiner Wirksamkeit machen und
sie seinen jeweiligen Zwecken dienstbar machen. (35)
Lafi dich nicht durch die Betrachtung des Lebens
in seiner Gesamtheit entmutigen 1 Stelle dir nicht
alle die Leiden, die dich vielleicht noch treffen können,
nach ihrem Wesen und ihren Mengen auf einmal vor;
sondern frage dich bei jedem einzelnen gegenwärtigen
Vorfall: was ist denn daran so eigentlich unerträglich
und unüberwindlich? Du mußt dich ja schämen, es
zuzugestehen I Dann mache dir klar, daß, weder was
vergangen, noch, was kommt, sondern nur, was ist,
dich bedrücken kann; dies aber wird vermindert,
wenn du es für sich betrachtest und es deiner Seele
vorhältst, daß sie nicht einmal diese kleine Bürde
tragen könne. (36)
Sitzen etwa auch jetzt noch Panthea und Pergamus
am Hügel des Verus? oder Chaurias und Diotimus
am Grabe Hadrians? Lächerlicher Gedanke! Und
wenn sie wirklich dasäßen, würden sie es fühlen, und
wenn sie es fühlten, würden sie sich freuen, und
wenn sie sich freuten, wären sie darum unsterblich?
107
Digitized by
Google
War es nicht auch ihnen bestimmt, zuerst alte Frauen
und Männer zu werden und dann zu sterben? Und
können denn die Klagenden dem Tod entrinnen?
Alles Menschliche gleicht einem Schlauche voll Unrat
und Modergeruch. (37)
Ist dir Scharf sieht eigen, nütze sie in weisen Urteilen I
(38)
Unter den Anlagen eines vernünftigen Wesens finde
ich keine, die der Gerechtigkeit widerstrebt, wohl
aber eine, die dem Gelüste widerstrebt, die Enthalt-
samkeit. (39)
Gib nur deine Meinung von dem auf, was dich
zu betrüben scheint, und du hast dich selbst in
vollkommene Sicherheit gebracht Wer ist dies
„Selbst?** Die Vernunft „Aber ich bin doch nicht
die Vernunft!" Du sollst es sein, und darum soll
die Vernunft nicht sich selbst betrüben. Ist aber sonst
noch etwas bei dir in schlimmem Zustand, so möge
es selbst zusehen! (40)
Beschränkung der Sinnlichkeit: ein Übel für die
tierische Natur; Beschränkung des Triebes ebenso.
So gibt es auch manches, was der Entwickelung des
Pflanzenlebens hinderlich ist Gerade so ist aber
Beschränkung der Vernunft ein Übel für die vernünf-
tige Natur. Alles dies wende auf dich selbst an.
Schmerz oder Lust berühren dich? Da mag die
Sinnlichkeit zusehen. Gegen deinen Trieb erhebt
sich ein Widerstand? Willst du nun deinem Trieb
unbedingt nachgeben, so ist das schon ein Übel für
dich als vernünftiges Wesen. Siehst du aber in jenem
Widerstand etwas Gewöhnliches, so wird kein Nach-
teil, kein Hindernis für dich eintreten. In den der
108
Digitized by VjOOQIC
Vernunft angehörigen Kreis pflegt wahrlich nichts
anderes störend einzugreifen; ihn berührt nicht Feuer,
nicht Eisen, kein Gewaltherrscher, keine Lästerung,
überhaupt nichts; solange eine Kugel besteht, bleibt
sie rund nach allen Seiten. (41)
Ich verdiene es nicht, mich selbst zu betrüben,
habe ich doch nie einem andern absichtlich wehe
getan. (42)
Der eine freut sich über das, der andere über jenes,
ich über den Besitz einer gesunden mich be-
herrschenden Vernunft, die von keinem Menschen noch
einem menschlichen Ereignis sich abwendet, sondern
alles mit wohlwollendem Blick betrachtet und annimmt
und alle Dinge je nach ihrem Werte benützt. (43)
Benütze die Gegenwart; wer nämlich mehr auf
Nachruhm baut, bedenkt nicht, daß die kom-
menden Geschlechter nicht anders beschaffen sind,
als die jetzigen, über die er sich beschwert. Auch
jene sind ja sterblich. Oberhaupt, was kümmert es
dich, ob unter ihnen diese und jene Stimmen über
dich ertönen, ob sie diese oder jene Meinung von
dir haben? (44)
Nimm mich und versetze mich, wohin du willst;
denn auch dort werde ich ja einen freundlichen
Genius in mir haben, das heißt, einen, der damit zu-
frieden ist, wenn er seinen eigentümlichen Anlagen
entsprechend leben und wirken kann. Sollte wohl
jene Lebensstellung so erheblich sein, daß um ihret-
willen sich meine Seele schlecht befinde und schlimmer
werde, daß sie, gedrückt, sehnsüchtig, zerrüttet, be-
stürzt unter sich selbst herabsinke? Gibt es etwas,
das eines solchen Opfers wert wäre? (45)
Digitized by
109
Google
Keinem Menschen kann etwas begegnen, was nicht
Menschen-Schicksal wäre, so wenig als dem
Stier etwas begegnet, was nicht seiner Stiematur,
oder der Rebe, was nicht ihrer Natur, oder dem
Stein, was nicht seiner Natur angemessen wäre.
Wenn nun jedem begegnet, was gewöhnlich und
natürlich ist, was willst du darob murren? Denn
nichts Unerträgliches hat ja die Allnatur über dich
verhängt. (46)
T rerursacht dir ein Gegenstand der Außenwelt Leid,
V so ist er es nicht, der dich beunruhigt, sondern
dein Urteil darüber. Dies aber ohne weiteres zu be-
seitigen, steht ja in deiner Macht. Hat aber dein
Leid in deinem Seele^izustand seinen Grund, wer
hindert dich deine Ansichten zu berichtigen? Ebenso
wenn es dir Leid bringt, daß du nicht wirken kannst,
wie es dir vernünftig erscheint; warum nicht lieber
wirken, wie es eben geht, als sich dem Leide hin-
geben? „Aber ein Hindernis, stärker als ich, stellt
sich mir in den Weg!" Laß dich trotzdem nicht an-
fechten, der Grund deiner Untätigkeit liegt ja dann
nicht in dir. „Aber das Leben ist für mich wertlos,
wenn dies nicht getan wird." Nun, so verlaß das
Leben, freundlich, wie wenn du es vollbracht hättest,
in milder Stimmung gegen deine Widersacher. (47)
Denke daran, daß die herrschende Vernunft, wenn
sie sich in sich selbst zurückzieht und sich da-
bei gentigen läßt, nichts zu tun, was sie nicht will,
unüberwindlich wird, auch wenn sie einmal ohne
genügenden Grund Widerstand leisten sollte. Wie-
viel mehr also dann, wenn sie mit Grund und mit
Bedacht über etwas urteilt. Darum ist die leidenschafts-
110
Digitized by VjOOQIC
lose Seele wie eine feste Burg; denn keine stärkere
Schutzwehr besitzt der Mensch, hinter der er ver-
schanzt fortan unbezwinglich sein kann. Wer diese
nun nicht kennt, ist unwissend, wer sie aber kennt,
ohne seine Zuflucht zu ihr zu nehmen, ist un-
glücklich. (48)
Erträume nicht noch mehr zu dem hinzu, was
die sinnlichen Wahrnehmungen dir unmittelbar
verkünden. Du hast erfahren, der oder jener rede
schlecht von dir. Das hast du erfahren; daß du aber
dadurch Schaden leidest, das hast du nicht erfahren.
Ich sehe, daß mein Kind krank ist. Das sehe ich;
daß es aber in Gefahr schwebt, das sehe ich nicht.
So bleibe immer bei den ersten Eindrücken stehen
und träume nicht noch etwas aus deinem Inneren
hinzu, und dir wird nichts geschehen. Oder besser,
denke nur hinzu, was ein Mann, der die Welt kennt,
hinzu denken würde. (49)
Diese Gurke ist bitter: nun, so wirf sie weg. Es
ist Domengestrüpp am Weg, weiche ihm aus;
das genügt. Frage nicht noch: Wozu gibt es denn
nur solche Dinge in der Welt? Sonst würde dich
ein Naturkundiger auslachen, wie der Tischler und
Schuster dich auslachen würden, wolltest du's ihnen
zum Vorwurf machen, daß du in ihren Werkstätten
Hobelspäne und Lederabfälle siehst. Und doch haben
diese Leute noch einen Winkel, wo sie dergleichen
hinwerfen können. Die Allnatur aber hat außer sich
selbst nichts; sondern das Wunderbare ihrer Kunst
besteht eben darin, daß sie in ihrer Selbstbegrenzung
alle$, was in ihr zu verderben, zu altem und un-
brauchbar zu werden droht, in ihr eigenes Wesen
Digitized by
111
Google
umwandelt und eben daraus wieder anderes, Neues
bildet. Und sie bedarf hierzu keines außer ihr be-
findlichen Stoffes, noch braucht sie eine Stätte, um
das Morschgewordene dort zu bergen. Sie läßt sich
vielmehr genügen an ihrem eigenen Raum, ihrem
eigenen Stoff und ihrer eigenen Kunst. j(50)
Dein Tun laß nicht beherrscht sein von der Nach-
lässigkeit, deine Reden nicht von der Unklarheit,
deine Vorstellungen nicht von der Unordnung^ Laß
deine Seele nie ganz einengen noch leidenschaftlich
aufwallen; laß auch dein Leben nie ganz in den Ge-
schäften aufgehen. Mögen sie dich töten, zerfleischen,
mit ihren Verwünschungen verfolgen. Kann deine
denkende Seele nicht trotzdem rein, verständig, weise,
gerecht bleiben? eine klare und köstliche Quelle hört
ja auch nicht auf, ihren Labetrunk hervorzusprudeln,
sollte gleich jemand herzutreten und sie schmähen;
und ob er auch Schmutz hineinwirft, alsbald wird
sie ihn zerteilen oder wegspülen und nicht im ge-
ringsten getrübt werden. Wie kannst du dir nur
eine solche nie versiegende Quelle zu eigen machen?
Wenn du dir selbst ohne Unterlaß Geistesfreiheit, ver-
bunden mit Wohlwollen, Einfalt und Bescheidenheit
zu erringen strebst (51)
Wer nicht weiß, was die Welt ist, weiß auch nicht,
wo er lebt. Wer aber nicht weiß, wozu sie da
ist, weiß auch nicht, wer er ist, noch was die Welt
ist. Wer aber eins dieser Dinge nicht weiß, kann
auch nicht sagen, wozu er selbst da ist. In welchem
Licht erscheint dir nun ein Mensch, der um den
lauten Beifall derer buhlt, die nicht wissen, wo noch
wer sie selber sind? (52)
112
Digitized by VjOOQIC
Lob hören willst du von einem Menschen, der in
einer Stunde dreimal sich selbst verflucht? Ge-
fallen willst du einem Menschen, der sich selbst nicht
gefällt? Oder gefällt sich selbst, wer beinahe alle
seine Handlungen bereut? (53)
Nicht nur dein Odem soll mit der dich umgeben-
den Luft, sondern auch dein Sinn soll mit dem
allumfassenden Vemunftwesen im Einklang sein. Denn
die Vemunftkraft ist nicht minder über alles hin-
gegossen und durchdringt nicht minder jeden, der
sie an sich ziehen will, wie die Luft den, der sie
einatmen kann. (54)
Die Bosheit im allgemeinen schadet der Welt nicht,
die Bosheit im einzelnen nicht dem Neben-
menschen. Nur dem ist sie schädlich, der es ganz
in seiner Macht hat, sich von ihr abzuwenden, wenn
er nur will. (55)
Für meine freien Entschließungen sind die meines
Nebenmenschen ebenso gleichgültig, wie sein
ganzes geistiges und leibliches Wesen; denn sind
wir auch hauptsächlich füreinander geboren, so
haben doch die in uns herrschenden Kräfte je ihr
eigen Gebiet; denn sonst müßte ja auch die Bosheit
meines Nebenmenschen meine eigene Bosheit sein,
was aber nicht in der Absicht der Gottheit lag, auf
daß nicht mein Unglück von der Willkür eines andern
abhänge. (56)
Die Sonne scheint ihre Strahlen herabzugießen,
und obwohl sie sich überallhin ergießt, wird sie
doch nicht ausgegossen. Denn diese Ergießung ist
nur eine Ausdehnung. Denn „Ausdehnungen" (cIkti-
ve?) heißen ja auch ihre leuchtenden Strahlen von
8 113
Digitized by
Google
dem Worte »ausgedehnt werden*' (trreivcaeai). Wa$
aber ein Strahl an sich ist, kann man erkenneti,
wenn man das Sonnenlicht beobachtet, wie es durch
einen engen Spalt in ein dunkles Gemach eindringt.
Es dehnt sich nämlich in gerader Richtung aus und
bricht sich, indem es die Luft durchschneidet, wenn
es auf einen festen Körper stößt; hier bleibt es dann
stehen, ohne herabzugleiten oder zu fallen. So muß
auch unsere Seele ausstrahlen und sich ergießen,
keineswegs aber sich ausgießen, vielmehr nur sich
ausdehnen und gegen die ihr begegnenden Hinder-
nisse nicht gewaltsam und heftig anstürmen, aber auch
nicht herabsinken, sondern stehen bleiben und be-
strahlen, was dem Lichte zugänglich ist Es beraut)t
sich aber selbst des Lichtes, wer seinen glänzenden
Strahl nicht durchläßt. (57)
Wer den Tod fürchtet, fürchtet entweder das Auf-
hören alles Empfindens oder einen Wechsel
der Empfindung. Aber wenn man gar nichts mehr
empfindet, wird man auch kein Übel mehr empfinden.
Wenn man aber eine andere Art des Empfindens
erhält, wird man ein anderes Wesen sein und nicht
aufhören zu leben. (58)
Die Menschen sind füreinander geboren. Also
belehre oder ertrage sie. (59)
Anders der Flug des Geschosses, anders der Geistes-
flug I Und doch bewegt sich der Geist, ob er
einer Sache ausweicht oder beachtend bei ihr weilt,
nicht minder in gerader Richtung und auf sein Ziel
zu. * (60)
Dringe ins Innere eines jeden; gestatte aber auch
jedem andern den Eintritt in deine Seele. (61)
114
Digitized by VjOOQIC
Wer unrecht tut, ist gottlos. Denn die Allnatur
hat die vernünftigen Wesen füreinander ge-
schaffen, auf daß sie einander nach Bedürfnis nützen,
keineswegs aber schaden; wer ihren Willen übertritt,
frevelt also gegen die älteste Gottheit Auch der
Lügner frevelt gegen diese Gottheit Denn die All-
natur ist des Seienden Reich. Das Seiende aber
steht mit allem Vorhandenen in engster Verbindung.
Femer wird die Allnatur auch die Wahrheit genannt
und ist alles Wahren erste Quelle. Der absichtliche
Lügner ist also gottlos, weil er durch Betrug unrecht
tut; der unabsichtliche Lügner aber ebenso, weil er
mit der Allnatur nicht im Einklang steht und durch
seinen Streit mit der Weltnatur ihre Ordnung stört
Doch auch gegen sich selbst streitet, wer sich zum
Wahrheitswidrigen hinreißen läßt; denn er hatte von
der Natur unter seinen Anlagen Abneigung dagegen
erhalten, durch deren Vernachlässigung er nunmehr
unfähig ist, das Falsche von dem Wahren zu unter-
scheiden. Femer ist gottlos, wer dem Vergnügen
wie einem Gute nachjagt, das Leiden aber wie ein
Obel flieht; denn ein solcher muß notwendigerweise
^ 115
Digitized by
Google
sich gar oft über die gemeinsame Natur beschweren,
als teile sie den bösen und den tüchtigen Menschen
ihr Los nicht nach Verdienst zu; denn wie oft leben
die Bösen in Wonne und verschaffen sich die Mittel
hierzu, während die Tüchtigen dem Leide anheim-
fallen und dem, was Leid bringt; außerdem kann,
wer das Leid fürchtet, niemals ohne Furcht in die
Zukunft blicken; das ist aber an sich schon gottlos;
und wer dem Vergnügen nachjagt, wird sich vom
Unrecht nicht ferne halten; das ist aber vollends
offenbare Gottlosigkeit. Gegen das aber, was von
der Allnatur mit Gleichgültigkeit behandelt wird —
sie würde aber nicht beides hervorbringen, wenn sie
sich nicht gegen beides nach einerlei Regel verhielte
— dem gegenüber müssen auch die, welche der
Natur folgen wollen, Gleichmut bewahren. Wer nun
gegen Leid und Freude, Tod und Leben, Ehre und
Schande, deren sich die Allnatur ohne Wahl bedient,
nicht ebenfalls Gleichmut bewahrt, ist offenbar gott-
los. Die gemeinsame Natur aber, sage ich, bedient
sich derselben wahllos, das heißt: diese Veränderung
begegnet nach dem Gesetz der Aufeinanderfolge, den
jetzt wie den künftig Lebenden nach einerlei Regel,
und zwar schon zufolge einer uranfänglichen Be-
stimmung der Vorsehung, nach welcher sie vom An-
fang an zu allen möglichen Veränderungen der Dinge
den Grund legte, indem sie gewisse Grundstoffe der
werdenden Dinge zusammenfaßte und die erzeugen-
den Kräfte der Substanzen selbst, ihrer Verwandlung
und ihrer derartigen Aufeinanderfolge beschloß. (1)
Der vollkommenste Mensch wäre, wer aus dem
Kreis der Menschen schiede, unberührt von ihrem
116
Digitized by VjOOQIC
Lügengerede, ihrer Heuchelei, ihrer Üppigkeit und
Hoffart. Die zweitbeste Fahrt aus dem Leben würde
antreten, wer mit Abscheu gegen diese Dinge lieber
sterben würde. Oder ziehst du es vor, im Bereich
der Bosheit sitzen zu bleiben, und hat dich selbst
die Erfahrung noch nicht gelehrt, vor dieser Pest weg-
zufliehen? Denn eine Pest ist die Verderbnis deiner
Denkkraft, eine viel schlimmere als die Verdorben-
heit der Luft um uns her und der plötzliche Wechsel
des Dunstkreises; denn dieser ist nur eine Pest für
lebende Wesen, insofern sie lebend sind, jener aber
für Menschen, insofern sie Menschen sind. (2)
Verachte den Tod nicht, sondern laß ihn dir Wohl-
gefallen alß eins der Dinge, die im Willen der
Natur begründet sind. Denn jung sein und altem,
heranwachsen und mannbar werden, Zähne, Bart und
graue Haare bekommen, zeugen, schwanger werden
und gebären und die andern Tätigkeiten der Natur,
wie sie die verschiedenen Lebensabschnitte mit sich
bringen, sind ja auch nichts anderes, als Auf*
lösungen. Drum darf ein denkender Mensch dem
Tode weder trotzig noch abstoßend und übermütig
ins Auge blicken, sondern muß ihn erwarten, wie
eine der Naturwirkungen. Wie du nun des Augen-
blickes harrst, wo dein Kindlein aus dem Mutter-
schoß hervorgehen soll, so sollst du auch der Stunde
harren, da deine Seele aus dieser Hülle entweichen
wird. Willst du aber ein allbekanntes herzstärken-
des Mittel anwenden, so wird der Hinblick auf die
Welt, von der du dich trennen sollst und durch deren
Tun und Treiben deine Seele nicht mehr verdorben
werden wird, dich mit dem Tode vollkommen aus-
Digitized by
117
Google
söhnen. Denn Anstoß nehmen sollst du zwar an
ihr möglichst wenig, sondern fflr sie sorgen und sie
mit Geduld ertragen; aber du darfst doch daran
denken, daß es sich nicht um eine Trennung von
gleichgesinnten Menschen handelt Denn dies allein,
wenn irgend etwas, könnte uns anziehen und im
Leben festhalten, wenn es uns vergönnt wäre, mit
Menschen zusammenzuleben, die sich dieselben
Grundsätze zu eigen gemacht haben wie wir. Nun
siehst du aber mit eigenen Augen, wie viel Verdruß
aus dem Zwiespalt mit Zeitgenossen entspringt, so
daß du wohl ausrufen möchtest: Komm doch schneller
heran, lieber Tod, damit ich nicht etwa noch meiner
selbst vergesse! (3)
Wer fehlt, fehlt an sich selbst, wer unrecht tut,
tut sich selbst unrecht, indem er sich ver-
schlechtert. (4)
Oft tut auch der unrecht, der nichts tut, nicht
bloß der, der etwas tut. (5)
Es genüge dir, wenn dein jeweiliges Urteil klar,
dein jeweiliges Tun gemeinnützig, deme jeweilige
Gemütsverfassung zufrieden ist mit allem, was aus
natüriichen Ursachen geschieht. (6)
Unterdrücke die bloße Einbildung; hemme die
Leidenschaft; dämpfe die Begierde, erhalte die
leitende Vernunft bei der Herrschaft über sich
selbst. (7)
Den vemunftlosen Wesen ist eine Seele gegeben,
den vernünftigen aber eine denkende Seele zu-
geteilt, wie es auch fflr alle Erdgebilde nur eine
Erde gibt und wir alle, die wir sehen und leben,
durch ein Licht sehen und eine Luft einatmen. (8)
118
Digitized by VjOOQIC
Alles, was irgend etwas Gemeinschaftliches hat,
strebt zum Gleichartigen hin. Was von Erde
ist, neigt sich zur Erde, alles Feuchte und ebenso
alles Luftige fließt zusammen, so daß man Gewalt
braucht, um es auseinander zu halten. Das Feuer
zwar hat infolge des Elementarfeuers seinen Zug
nach oben; aber doch ist es zugleich geneigt, an
jedem hier befindlichen Feuer sich zu entzünden,
so daß alles Stoffliche, was nur einigermaßen trocken
und also weniger mit dem gemischt ist, was der
Entzündung wehrt, leicht in Brand gerät Ebenso,
ja noch mehr, strebt alles, was an der gemeinschaft-
lichen vernünftigen Natur teil hat, dem ihm Ver-
wandten zu; denn je stärker es ist, allem übrigen
gegenüber, um so mehr ist es auch geneigt, mit dem
Verwandten sich zu vermengen und zusammenzu-
fließen. Schon bei den vemunftlosen Wesen findet
man ja Schwärme, Herden, Fütterungsanstalten für
die Jungen, ja gewissermaßen Liebesverhältnisse.
Denn schon in diesen Wesen wohnen Seelen und
findet sich daher auch jener Gemeinschaftstrieb in
stärkerem Grade, als er bei Pflanzen, Steinen oder
Bäumen vorhanden ist Bei vernünftigen Wesen aber
kommt es zu Staaten, Freundschaften, Familien, Ge-
nossenschaften, und im Kriege zu Bündnissen und
Waffenstillständen. Bei den noch höheren aber, findet
trotz ihrer sonstigen Abstände voneinander doch
eine Art Einigung statt, wie bei den Gestirnen; so
kann der Aufschwung zum Höheren auch bei sonst ge-
trennten Wesen Vereinigungssehnsucht hervorbringen.
Betrachte nun, was jetst geschieht Die denkenden
Wesen allein nämlich vergessen jetzt dieses Zuein-
Digitized by
119
Google
anderstreben und Zusammenhalten, und bei ihnen
allein ist dies Zusammenfließen nicht ersichtlich.
Und doch, wenn sie sich auch immerhin fliehen, sie
umschließen sich dessenungeachtet; denn es siegt
die Herrscherin Natur. Gib nur acht, und du wirst
meine Worte bestätigt finden. Denn eher findest du
ein Erdteilchen, das von keinem andern Erdteilchen
berührt wird, als einen Menschen, der vom Menschen
ganz abgetrennt ist (9)
Der Mensch, die Gottheit und die Welt bringen
Frucht hervor, ein jegliches zu seiner Zeit. Mag
auch der herrschende Sprachgebrauch diesen Aus-
druck nur bei der Rebe und ähnlichen Dingen an-
wenden — gleichviel. Trägt doch auch die Vernunft
Frucht fürs Ganze und für den einzelnen. Auch aus
ihr gehen andere Erzeugnisse derselben Art hervor,
wie die Vernunft selbst ist. (10)
Kannst du's, so belehre den Fehlenden; wo nicht,
erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht
verliehen ist. Sind doch auch die Götter gegen
solche nachsichtig; ja sie verhelfen ihnen sogar zu
Gesundheit, Reichtum und Ehre. So groß ist ihre
Güte* Auch du kannst so sein; oder sag', wer hin-
dert dich daran? (11)
Dulde nicht wie ein Unglücklicher, oder um Mit-
leid und Bewunderung zu erregen; wolle vielmehr
nur das eine: deine Kraft in Beweg^ng setzen oder
zurückhalten, wie es das Gemeinwesen verlangt (12)
Heute bin ich allen Hindernissen entgangen; oder
vielmehr, ich habe alle Hindemisse zurückge-
wiesen; denn sie lagen ja nicht außer mir^ sondern
in mir, in meinen Vorurteilen. (13)
120
Digitized by VjOOQIC
Immer dasselbe 1 Alltäglich für die Erfahrung, kürz^
lebig hinsichtlich der Zeit, verächtlich hinsichtlich
des Stoffes. Alles Heutige war ebenso bei denen,
die wir beerdigt haben. (14)
Die Sinnenwelt ist außer uns, steht sozusagen ein-
sam draußen vor unserer Tür; sie weiß nichts
von sich selbst, wird sich selbst nicht klar. Wer er-
langt denn über sie Klarheit? Unsere Vernunft (15)
Nicht auf dem, was einer leidet, sondern auf dem,
was er tut, beruht Wohl und Wehe des vernünf-
tigen geselligen Wesens, gleichwie sich auch Tüch-
tigkeit und Laster bei ihm nicht auf das, was er leidet,
sondern auf das, was er tut, gründet (16)
Für den emporgeworfenen Stein ist es kein Übel
herabzufallen, kein Gut in die Höhe zu steigen* (17)
Dringe in das Innere der Menschenseelen ein, und
du wirst erkennen, vor was für Richtern du
dich fürchtest, und was für Richter sie über sich selbst
sind. (18)
Alles in Verwandlung begriffen; auch du selbst in'
stetem Wechsel, ja gewissermaßen in Verwesung 1
So auch die ganze Weltl (19)
Was ein andrer begeht, muß man da lassen, wo
es ist (20)
Das Aufhören einer Tätigkeit, der Stillstand der
Triebe und Meinungen gleicht schon dem Tode
und ist kein Übel. Laß einmal deine verschiedenen
I^bensstufen an dir vorüberziehen: du wurdest Knabe,
Jüngling, Mann, Greis, und es war jeder Wechsel
von diesen schon ein Tod. Das ist doch nichts
Schreckliches? Denke jetzt an die Tage zurück, die
du unter deinem Großvater, dann unter deiner Mutter
Digitized by
121
Google
und dann unter deinem Vater verlebt hast; und wenn
du dann noch viele andere Trennungen, Umwand-
lungen und Auflösungen, die du erlebtest, hinzu-
nimmst, so frage dich: War daran etwas Schreck-
liches? Ebensowenig wird es auch das Aufhören,
der Stillstand und die Umwandlung deines ganzen
Lebens sein. (21)
Forschend wende dich deiner eigenen Seele, der
Seele des Weltalls und deines Nächsten zu; deiner
eigenen, um ihr Gerechtigkeitssinn einzuflößen, der
des Weltalls, um dich deiner Zugehörigkeit zu ihr
bewufit zu werden, der deines Nächsten, um zu er-
kennen, ob er unwissentlich oder wissentlich gehandelt
habe, und um zu bedenken, dafi sie der deinen ver-
wandt. (22)
Wie du selbst ein ergänzender Teil der mensch-
lichen Gesellschaft bist, so sei auch jede deiner
Handlungen eine Ergänzung des politischen Lebens.
Hat nun die oder jene deiner Handlungen keine
nähere oder entferntere Beziehung auf das gemein-
nützige Ziel, so zerreißt sie dein Leben, verhindert
seine Einheit und ist aufrührerisch wie ein Mensch,
der in einer Volksversammlung durch seine einzelne
Person die Einstimmigkeit hindert (23)
Knabenzänkereien und Kinderspiele und Lebens-
geister mit Leichen beschwert, das ist unser Wesen,
und da soll die Totenfeier schwer auf uns lasten? (24)
Untersuche die Beschaffenheit der ursächlichen Kraft
jedes Dinges, stelle dir diese Kraft ohne den
Stoff vor und bestimme dann die längste Zeit, die
sie bei ihrer eigentümlichen Beschaffenheit vielleicht
bestehen kann. (25)
122
Digitized by VjOOQIC
Du hast nnendlich gelitten, weil du nicht damit
zufrieden warst, daß deine leitende Vernunft
ihrer Bestimmung entsprechend handelte. Doch ge-
nug hiervon! (26)
Wenn dich jemand haflt oder tadelt, oder man
aus einem solchen Grund allerlei derartiges
über dich verbreitet, so tritt den kleinen Seelen dieser
Menschen näher, suche in ihr Inneres einzudringen
und sieh, wie sie geartet sind, und du wirst finden,
daß du dich nicht zu beunruhigen brauchst, wenn der-
artige Leute so über dich urteilen I Wohlwollen bist du
ihnen aber trotzdem schuldig, — denn von Natur sind
sie deine Freunde. Und die Götter helfen ihnen auf
alleriei Weise, durch Träume, durch Orakelsprtiche
und unterstützen sie in dem, woran ihnen so viel
liegt. (27)
Es befindet sich alles in der Welt in demselben
Kreislauf, hinauf und hinab, von Ewigkeit zu
Ewigkeit I Entweder wirkt nun die Vernunft des Welt-
ganzen bei jeder Veränderung mit, und in diesem
Fall sei dir, was sie hervorbringt, willkommen; oder
sie hat nur einmal gewirkt, das übrige aber geschieht
nach einer notwendigen Aufeinanderfolge eins aus
dem andern ; oder das Ganze ist nur ein Gewirr von
Atomen; gibt es nun eine Gottheit, so steht alles gut,
gibt es aber nur einen Zufall, so sei du doch nicht
dem Zufall dienstbar. — Bald wird Erde uns alle be-
decken; darauf wird auch sie sich verwandeln und
so fort vom Grenzenlosen ins Grenzenlose. Denn wer
diese sich überstürzenden Wogen von Verwandlungen
und Veränderungen mit ihrer reißenden Schnelligkeit
erwägt, wird alles Sterbliche gering achten. (28)
123
Google
Digitized by
Ein reißender Strom ist die Urkraft des Weltalls;
alles führt er mit sich dahin. Wie unbedeutend
sind selbst die Staatsgeschäfte und was die Menschen
nach der Lehre der Philosophie getan zu haben
wähnen! Eitel Schaum! Was willst du, Menschen-
kind ? Tue, was die Natur jetzt im Augenblick von
dir verlangt Ringe, wenn es dir gegeben, ohne
nach rechts oder links zu blicken, ob man's auch
sehe! Hoffe nicht auf einen platonischen Staat!
Sondern gib dich zufrieden, wenn's auch nur ein klein
wenig vorwärts geht; und halte auch einen solchen
kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer
kann die Grundsätze der Menschen ändern? Aber
was ist ohne eine Änderung der Grundsätze zu er-
warten als eine Knechtschaft seufzender Menschen
und ein Gehorsam von Heuchlern ? Komm nun und
nenne mir einen Alexander, einen Philipp, einen
Demetrius von Phaleron! Haben sie den Willen der
Allnatur erkannt und sind sie ihre eigenen Erzieher
gewesen, gut! Haben sie aber Komödie gespielt, so
kann mich niemand dazu verdammen, es ihnen gleich
zu tun. Einfach und bescheiden ist die Aufgabe der
Philosophie; verleite mich niemand zu feierlicher
Hohlköpfigkeit! (29)
Wie von einer Anhöhe aus betrachte die un-
gezählten Scharen mit ihren ungezählten Reli-
gionsgebräuchen, die Seefahrten in alle Himmels-
gegenden unter Stürmen und auf glattem Meeresspiegel,
und die Verschiedenheiten der Dinge, die da werden,
mit uns sind und dahinschwinden. Betrachte auch
die Lebensweise, wie sie ehedem war, wie sie nach
dir sein wird und wie sie jetzt bei unkultivierten
124
Digitized by VjOOQIC
Völkern herrscht; femer, wie viele nicht einmal deinen
Namen kennen, wie viele ihn gar bald vergessen und
wie viele, heute deine Lobredner, morgen deinen
Tadel anstimmen werden, und wie weder der Nach-
ruhm noch der Ruhm, noch sonst etwas dieser Art
irgend einen Wert besitzt 1 (30)
Gemütsruhe gegenüber allem, was von äußeren
Ursachen herkommt, Gerechtigkeit gegenüber
dem, was von der eigenen Tatkraft bewirkt wird, das
heißt: dein Streben und Tun finde Ziel und Zweck
in der Beförderung des allgemeinen Besten, denn das
steht auch im Einklang mit deiner Natur. (31)
Viel unnötige Anlässe zu deiner Beunruhigung, die
alle nur auf deinem Wahn beruhen, kannst du
beseitigen und dir selbst leicht einen weitem Spiel-
raum eröffnen; suche nur mit deinem Geiste das
ganze Weltall zu umfassen, betrachte die ewige Dauer
und dann wieder die rasche Verwandlung jedes ein-
zelnen Dinges; wie kurz ist die Zeit zwischen der
Entstehung und Auflösung der Geschöpfe; wie un-
ermeßlich die vor ihrer Entstehung, wie grenzenlos
in gleicher Weise die, welche ihrer Auflösung folgen
wird. (32)
Alles, was du siehst, wird gar bald zerstört werden,
und die, welche diesen Verändemngen zuschauen,
werden selbst auch gar bald zerstört, der Tod aber
versetzt den ältesten Mann mit dem Frtihverstorbenen
in denselben Zustand. (33)
Welche Grundsätze beherrschen die Menschen,
um was für Dinge bemühen sie sich, aus wel-
chen Beweggründen lieben oder verehren sie etwas?
So mußt du dich immer fragen, mit einem Wort dich
125
Google
Digitized by
daran gewöhnen, ihre Seele gleichsam hüllenlos zu
betrachten. Wenn sie glauben, durch ihren Tadel zu
schaden oder durch ihre Lobgesänge zu nützen, welch
ein Wahn! (34)
Verlust ist weiter nichts als Umwandlung, daran
aber findet die Allnatur Vergnügen, sie, nach
deren Willen alles recht wird, von Ewigkeit her in
gleicher Weise ward und ins Unbegrenzte ebenso
werden wird. Wie kannst du nun sagen, alles, was
geschehen sei oder immer geschehen werde, sei
schlecht, mithin unter soviel Göttern nie eine Fähig-
keit aufzufinden gewesen, um jemals diese Zustände
zu bessern, vielmehr sei die Welt verdammt, in den
Banden unaufhörlicher Obel zu liegen? (35)
Fäulnis ist der Stoff jedes Dinges: Wasser, Staub,
Knochen, Schmutz. Die Marmorbrüche sind
nur Verhärtungen der Erde, Gold und Silber nur
Bodensatz, unsere Kleidung nichts als Tierhaare,
Purpur nur Blut, und so verhält sich's mit allem
übrigen. Auch der Lebensgeist ist etwas derartiges,
denn auch er ist einer steten Umwandlung unter-
worfen. (36)
Genug des elenden Lebens, des Murrens und
lächerlichen Benehmens I Warum bist du so un-
ruhig, was findest du hier so unerhört, was bringt
dich aus der Fassung? Die ursächliche Kraft der
Dinge? Betrachte sie doch nur! Oder ihr Stoff?
Betrachte ihn doch nur! Außer diesen gibt es ja
nichts, sei also doch endlich einmal argloser und
freundlicher gegen die Götter 1 Ist es doch gleich-
gültig, ob du hundert oder nur drei Jahre lang den
Lauf der Welt hast kennen lernen. (37)
126
Digitized by VjOOQIC
Hat sich jemand vergangen, so ist das sein
Schaden. Vielleicht aber hat er sich gar nicht
vergangen. (38)
Entweder ist ein denkendes Wesen die Urquelle,
von welcher dem ganzen Weltall, als einem Körper
alles zuströmt: dann darf sich der Teil über das, was
zum Nutzen des Ganzen geschieht, nicht beschweren;
oder die Welt ist ein Gewirre von Atomen, eine zu-
fällige Mischung und Trennung, wozu dann deine
Unruhe? Sprich eben zu deiner denkenden Seele:
Tot bist du, Verwesung und vertiert und kümmerst
dich nur um deinen Hunger und deine Bedürf-
nisse. (39)
Entweder vermögen die Götter nichts oder sie ver-
mögen etwas. — Wenn sie nun nichts vermögen,
was betest du? Vermögen sie aber doch etwas,
warum betest du dann nicht, statt um Abwendung
dieses oder jenes Übels oder um Gewährung dieses
oder jenes Gutes, vielmehr um die Gabe, nichts von
alledem zu fürchten oder zu begehren oder zu be-
trauern? Denn wenn sie überhaupt den Menschen
zu helfen vermögen, so können sie ihnen auch dazu
verhelfen. Du entgegnest vielleicht: „In meine Macht
haben die Götter das gestellt !'* Und ist es da nicht
besser, was in deiner Macht steht, mit Freiheit zu
gebrauchen, als zu dem, was nicht in deiner Macht
steht, mit knechtischer Erniedrigung dich hinreifien
zu lassen? Wer hat dir denn aber gesagt, daB die
Götter uns in dem, was in unserer Macht steht, nicht
beistehen? Fange doch nur einmal an, um solche
Dinge zu beten, und du wirst es ja sehen. Da ist
nun der eine, der betet: Wie erlange ich die Gunst
Digitized by
127
Google
jenes Weibes? Du aber betest: Wie entreiße ich
mich einem solchen Verlangen? Ein anderer betet:
Was soll ich tun, um von jenem Übel frei zu werden?
Du aber betest: Was soll ich tun, um der Befreiung
davon nicht zu bedürfen? Ein dritter betet: Was ist
zu tun, daß ich mein Kind nicht verliere? Du aber
betest: Was ist zu tun, daß ich seinen Verlust nicht
fürchte? Mit einem Wort: Gib allen deinen Gebeten
eine solche Richtung, und du wirst sehen, was ge-
schieht (40)
Epikur sagt: Während meiner Krankheit unterhielt
ich mich nicht über meine körperlichen Leiden,
noch sprach ich mit denen, die mich besuchten, da-
von; ich setzte vielmehr meine früher begonnenen
Naturforschungen fort und beschäftigte mich haupt-
sächlich mit der Frage, wie die denkende Seele trotz
ihrer Teilnahme an den körperlichen Empfindungen
unerschütterlich bleiben und das ihr eigene Gut be-
wahren könne. Auch gab ich mich, fährt er fort,
den Ärzten nicht dazu her, sich damit zu rühmen»
v/as sie alles für Wunder an mir getan, sondern ich
führte auch damals ein gutes und heiteres Leben.
So mußt du es nun auch machen in Krankheit und
anderen derartigen Lebenslagen. Den Grundsatz
haben ja alle philosophischen Richtungen gemein,
bei allen möglichen Ereignissen der Philosophie nicht
untreu zu werden und in das Geschwätz unwissender,
der Natur unkundiger Menschen nicht mit einzustim-
men, vielmehr nur auf das, was gerade jetzt zu tun ist,
und die dazu dienlichen Hilfsmittel acht zu haben. (41)
So oft du an der Unverschämtheit eines Menschen
Anstoß nimmst y frage dich alsbald: Ist es auch
128
r
Digitized by VjOOQIC
möglich, daß es in der Welt keine unverschämten
Leute gibt? Unmöglich. Verlange also nichts Un-
mögliches; denn eben jener Mensch ist einer von
den unverschämten, die es in der Welt geben muß.
Gerade so frage dich hinsichtlich der durchtriebenen
Schlauköpfe, der Treulosen und jedes Fehlenden.
Denn so wie du dir klar machst, daß das Dasein
von Menschen dieses Gelichters nun einmal nicht zu
verhindern ist, wirst du auch gegen jeden einzelnen
derselben milder gesinnt werden. Auch das ist gut,
wenn man sogleich bedenkt, welche gute Eigenschaft
die Natur dem Menschen gegenüber diesen schlechten
Eigenschaften verliehen hat. Schenkte sie doch, wie
eine Art Gegengift, dem Rücksichtslosen gegenüber
die Sanftmut, einem andern aber eine andere Gegen-
kraft, und überhaupt steht es ja in deiner Hand,
den Irrenden eines Besseren zu belehren. Jeder
Fehlende aber irrt, insofern als er sein Ziel verfehlt.
Welchen Schaden aber hast du dadurch erlitten?
Wirst du doch finden, daß keiner von denen, über
die du dich so ereiferst, etwas getan hat, wodurch
deine denkende Seele hätte verschlechtert werden
können 1 Aber in dieser gerade haben alle deine Übel
und Schäden ihren Grund! Was ist denn Schlimmes
und Unerhörtes daran, wenn ein ungebildeter Mensch
sich eben wie ein Ungebildeter benimmt? Sieh du
zu, ob du nicht eher dich selber anklagen solltest,
daß solch ein fehlerhaftes Benehmen von diesem
Menschen dir so unerwartet kam! Hattest du ver-
möge deiner Vernunft genug Anlaß anzunehmen,
jener Mensch werde sich wahrscheinlich so benehmen,
und dennoch vergaßest du das, und es wundert dich
129
Google
Digitized by
jetzt, daß er sich vergangen hat! Besonders aber,
wenn du dich über Treulosigkeit und Undank eines
Menschen zu beschweren hast, blicke in dein eigenes
Innere. Denn offenbar liegt hier der Fehler auf
deiner Seite; ob du nun einem Menschen von der-
artiger Gesinnung zutrautest, er werde sein Wort
halten, oder ob du ihm nicht ohne allerlei Neben-
absichten eine Wohltat erwiesest, anstatt vielmehr in
dem Gedanken, dafi du von deiner Handlung bereits
selbst schon alle Frucht eingeerntet hast. Denn was
willst du noch weiter, wenn du einem Menschen eine
Wohltat erwiesen hast? Genügt dir nicht das allein
schon, daß du im Einklang mit deiner Natur etwas
tun konntest, sondern forderst du noch einen Lohn
dafür? Als ob das Auge dafür, daß es sieht, oder
die Füße dafür, daß sie gehen, einen Lohn fordern
wollten I Denn wie diese Glieder dazu da sind, daß
sie ihre natürlichen Verrichtungen und damit ihren
Zweck erfüllen, so erfüllt auch der Mensch, zum Wohl-
tun geboren, so oft er eine Wohltat erzeigt oder sonst
etwas für das Gemeinwohl Förderliches leistet, den
Zweck seiner natürlichen Anlagen und erhält eben
darin schon seinen Lohn! (42)
Digitized by
Google
-riTTirst du denn nicht endlich einmal, meine Seele,
YV gut, lauter, mit dir selber eins, hüllenlos und
durchsichtiger als der dich umgebende Leib werden?
Willst du nicht endlich einmal einer liebevollen und
freundlichen Gesinnung froh werden? Wirst du nicht
endlich einmal bedürfnislose Befriedigung finden,
wo du nichts mehr begehrst noch verlangst, weder
Beseeltes noch Unbeseeltes, um Freuden zu genießen?
Wo du keine Zeit mehr brauchst, um den Genuß
zu verlängern, noch einen Ort, noch eine Gegend,
noch ein besonderes Klima, noch eine größere Har-
monie mit den Menschen? Vielmehr mit deiner je-
weiligen Lage zufrieden, dich der gesamten Gegen-
wart freust und die feste Oberzeugung hegst, daß
dir alles zur Verfügung stehe, alles für dich gut stehe
und von den Göttern herrühre, daß aber zu deinem
Besten dienen werde, was diesen gefällt und was sie
nur zum Heil des vollendeten, guten, gerechten und
schönen Wesens geben werden, das alles erzeugt,
erhält, umfaßt und umgibt, was zur Entstehung an-
derer ähnlicher Wesen sich auflöst? Wirst du nicht
endlich einmal, meine Seele, durch dein Wesen dich
9* 131
Digitized by
Google
so mit Göttern und Menschen stellen können, daß
du dich weder über sie beklagst, noch von ihnen
verurteilt wirst? (1)
Als unter der Herrschaft der Allnatur stehend gib
acht, was deine Natur fordert; tue dies dann und
lafi sie gewähren, vorausgesetzt, dafi die Verfassung
deiner animalischen Natur dadurch nicht verschlimmert
wird. Dann aber gib acht, was deine animalische
Natur verlangt, und gönne ihr alles das, voraus-
gesetzt, daß die Verfassung deiner vernünftigen Natur
dadurch nicht verschlimmert wird. Das Vernünftige
ist aber auch ein Geselliges. Diese Grundsätze be-
folge und laß dich auf nichts weiter eini (2)
Alles was geschieht, geschieht so, daß du ent-
weder die natürliche Kraft hast, es zu tragen,
oder daß du diese Kraft nicht besitzest. Trifft dich
nun ein Geschick, das du zu tragen stark genug bist,
so jammere nicht, trag' es nach deiner Kraft! Über-
steigt es aber deine Kraft, so jammere doch nicht,
es wird sich selbst aufreiben, wenn es an dir gezehrt
hat. Vergiß aber nie, daß du von Natur alles tragen
kannst, was erträglich und leidlich zu machen von
deinem eigenen Urteil abhängt mit Hilfe der Vor-
stellung, daß es dir fromme oder gebühre, so zu
handeln. (3)
Den Irrenden belehre mft Wohlwollen und zeige ihm
seinen Fehler. Kannst du das aber nicht, so klage
dich selber an, oder auch nicht einmal dich selber! (4)
Was dir auch begegnet, es war dir von Ewigkeit
her so vorherbestimmt, und die Verkettung der
Ursachen hat von Anbeginn an dein Dasein und dies
dein Geschick miteinander verknüpft. (5)
132
Digitized by VjOOQIC
Sei nun die Welt ein Gewirre von Atomen oder ein
geordnetes Ganzes, das steht zunächst fest: ich
bin ein Teil des Ganzen, das von der Natur durch-
waltet wird; und dann: ich bin mit allen mir gleich-
artigen Teilen in engem Zusammenhang; daran den-
kend werde ich mit nichts unzufrieden sein, was mir
als einem Teil vom Ganzen zugeteilt wird; ist doch
nichts dem Teil schädlich, was dem Ganzen förder-
lich ist, denn das Ganze enthält nichts, was nicht
ihm selbst förderlich wäre. Alle Naturwesen haben
dies miteinander gemein, die Allnatur aber hat noch
den weiteren Vorzug, daß sie durch keine außer ihr
liegende Ursache gezwungen werden kann, etwas ihr
selbst Schädliches zu erzeugen. In dem Gedanken
also, daß ich ein Teil dieses Ganzen bin, werde ich
mit allem, was mich trifft, zufrieden sein. Insofern
ich aber mit den mir gleichartigen Teilen in engem
Zusammenhang stehe, werde ich nichts gegen das
Ganze tun, vielmehr werde ich meine Mitmenschen
berücksichtigen und mein Streben ganz auf das all-
gemeine Beste richten, vom Gegenteil mich aber fern-
halten. Bei solcher Lebensführung muß mein Dasein
glücklich dahinfließen, so glücklich, wie das Leben
eines Bürgers dahinfließt, der von einer seine Mit-
bürger beglückenden Tat zur andern fortschreitet
und alles, was ihm der Staat auferlegt, gerne über^
nimmt (6)
Alle Teile des Ganzen, alles, was von der Welt
umschlossen wird, müssen zerstört oder besser
gesagt, umgewandelt werden. Wäre nun dies für sie
von Natur ein Übel und zwar ein notwendiges Übel,
so hätte das Weltall bei dem ewigen Übergang seiner
133
Google
Digitized by
Teile zur Veränderung und ihrer vorherrschenden Be-
stimmung zur Zerstörung keine gute Leitung. Denn
sollte etwa die Allnatur selber die Einrichtung ge-
troffen haben, ihren eigenen Teilen Übles zuzufügen,
ja sie nicht nur ins Dbel zu stürzen, sondern diesen
Sturz sogar notwendig zu machen? Oder blieb ihr
verborgen, daß so etwas werde? Beides ist doch un-
glaublich. Doch, angenommen, diese Umwandlungen
seien, abgesehen von der Allnatur, aus der natür-
lichen Einrichtung der Dinge selbst abzuleiten, so
wäre es doch lächerlich, einmal zu behaupten, die
Teile des Ganzen müßten sich vermöge ihrer natür-
lichen Anlage verwandeln, und das andere Mal über
manches Ereignis als naturwidrig sich zu wundem
oder zu ärgern; erfolgt doch die Auflösung in die
Teile, aus denen jedes Ding entstanden ist, für sie
wie eine Art Zerstäubung der Grundstoffe, woraus
ein Ding zusammengesetzt ward, oder ein Obergang
z. B. der festen Teile in das Erdige, der geistigen
in das Luftartige, so daß auch sie wieder ins Welt-
all aufgenommen werden, mag dies nun nach be-
stimmten Perioden im Feuer auflodern oder sich durch
ewige Umgestaltungen wieder erneuern. Denke aber
nicht etwa, daß jene festen und geistigen Teile von
Geburt an dir ankleben; denn alles dies ist dir Ja
erst von gestern oder vorgestern durch Speisen und
eingeatmete Luft zugeflossen. Also wird auch nur
das, was auf solche Art dir zugeflossen, nicht aber
das, was dir Mutter Natur bei der Geburt mitgab,
umgewandelt Stellst du dagegen die Ansicht auf,
daß die Natur jenes mit deiner besonderen Wesens-
kraft innig verflochten habe, so halte ich das wirk-
134
Digitized by VjOOQIC
Kch für einen recht nichtigen Einwurf gegen das
Gesagte. (7)
Hast du dir einmal die Namen gut, bescheiden,
wahrhaft, verständig, gleichmütig, hochherzig
erworben, so sorge dafür, daß du nie die umgekehrten
Bezeichnungen verdienst; und solltest du diese Namen
je verlieren, so suche sie dir rasch wieder anzueignen.
Gedenke aber, daß das Wort „verständig" bedeutet:
Alles sorgfältig unterscheiden und genau prüfen;
„gleichmütig": das willig annehmen, was die All-
natur beschieden hat; »hochherzig" dagegen bedeutet
die Erhebung deines denkenden Teils über jede leise
oder unsanfte Erregung des Fleisches, über den
nichtigen Ruhm, den Tod und alles andere der Art.
Wenn du dich nun im Besitz dieser Namen be-
hauptest, ohne darauf aus zu sein, daß andere dich
nach ihnen benennen, so wirst du ein anderer Mensch
werden und ein anderes Leben beginnen. Denn
immer noch so zu bleiben, wie du es bis jetzt ge-
wesen bist, und in einem solchen Leben dich herum-
zerren und verunglimpfen zu lassen, sähe einem
Menschen gleich, der ganz stumpfsinnig am Leben
hinge wie jene halbzerfleischten Tierkämpfer, die,
mit Wunden und Blut bedeckt, dennoch bis zum
anderen Tag aufbehalten zu werden flehen, obgleich
sie ^och denselben Klauen und Bissen in gleichem
Zustand vorgeworfen werden. Suche dich also in
den Kreis jener wenigen Namen einzuarbeiten, und
wenn du darin bleiben kannst, so tue es, wie wenn
du auf die Inseln der Seligen versetzt wärest. Merkst
du aber, daß du aus diesem Kreise herausfällst und
dich nicht darin behaupten kannst, so ziehe dich
135
Google
Digitized by
ohne Feigheit in irgend einen Winkel zurück, wo du
dich behaupten kannst, oder verlaß das Leben über-
haupt, ohne Zorn, in lauterer, freier und bescheidener
Gesinnung, nachdem du wenigstens das eine im
Leben erreicht hast, es so zu verlassen. Um aber
die Erinnerung an jene Namen in dir immer lebendig
zu erhalten, wird für dich der Gedanke an die Götter
und daran ein kräftiges Heilmittel sein, daß diese
von allen vernünftigen Wesen keine Schmeichelei,
sondern das Streben, ihnen ähnlich zu werden, ver-
langen und daß, wie nur das ein Feigenbaum ist,
was die Bestimmung eines solchen, und nur das ein
Hund oder eine Biene, was die Bestimmung eines
Hundes oder einer Biene erfüllt, so auch der nur
ein Mensch ist, der die Bestimmung des Menschen
erfüllt. (8)
Komödienspiel, Krieg, Schrecken, Erschlaffung,
Sklavensinn können jeden Tag jene heiligen
Wahrheiten, die du beim Blick in die Natur dir nur so
im Vorbeigehen eingebildet hast, wieder in dir aus-
löschen. Man muß vielmehr alles 50 beobachten
und betreiben, daß zugleich die praktische Urteils^
kraft vervollkommnet, die theoretische Vernunft tätig
erhalten und die Zuversicht gestärkt werde, welche
aus allumfassender Einsicht stammend, geheim, doch
nicht verborgen bleiben kann. Dann erst wirst du
deiner Lauterkeit, dann deiner Würde froh werden
und erkennen, was jedes Ding seinem Wesen nach
ist, welchen Platz es in der Welt einnimmt, wie lange
es seiner Natur nach dauern wird, aus welchen Teilen
es besteht, wem es zufallen und wer es geben und
nehmen könne. (9)
136
Digitized by VjOOQIC
Die kleine Spinne ist stolz darauf, wenn sie eine
Fliege gefangen hat. Mancher Mensch, wenn
er ein Häschen, ein anderer, wenn er in seinem Netz
eine Sardelle, ein dritter, wenn er einen Eber oder
Bären, und noch ein anderer, wenn er Sarmaten fängt
Sind aber all diese, wenn man die Triebfedern unter-
sucht, nicht insgesamt Räuber? (10)
Lerne wissenschaftlich untersuchen, wie alle Dinge
sich ineinander verwandeln, lenke darauf deine
beständige Aufmerksamkeit und übe dich in diesem
Fach. * Denn nichts ist für die Seelengröße so förder-
lich. Wer sie besitzt, hat seinen Leib schon abge-
streift, und wenn er daran denkt, dafi er gar bald
dieses alles verlassen und aus dem Menschenleben
scheiden mufi, so überläßt er sich hinsichtlich seines
Wirkens ganz und gar der Gerechtigkeit, hinsichtlich
seiner Schicksale jedoch der Ällnatur. Was aber
andere von ihm sagen oder urteilen oder ihm zu-
wider tun mögen, das läßt er sich nicht anfechten;
denn mit den zwei Grundsätzen nämlich das recht
zu tun, was er jetzt zu tun hat, und in Liebe hinzu-
nehmen, was ihm jetzt zugeteilt wird, zufrieden, läßt
er alle anderen Geschäfte und Ziele fahren und
will weiter nichts als auf dem Pfad des Gesetzes
seinem Ziel geradeswegs zueilen und also der Gott-
heit folgen, die auch geradeswegs ihrem Ziel ent-
gegeneilt. (11)
Wozu die Besorglichkeit? Steht es doch in deiner
Hand zu untersuchen, was der Augenblick ver-
langt, und wenn du das einsiehst, wohlwollend und
festen Schrittes diesen Weg zu wandeln, fehlt dir
aber diese Einsicht, stehen zu bleiben und bei den
137
Google
Digitized by
Besten dir Rat zu holen, sollten sich aber andere
Schwierigkeiten dagegen auftürmen, unter Anwendung
der vorhandenen Mittel mit Überlegung und fester
Anhänglichkeit an das, was dir recht scheint, vor-
wärts zu gehen. Das ist das Beste, was du tun
kannst; es zu verfehlen ist daher bedauerlich. Ruhe,
verbunden mit leichter Beweglichkeit, Heiterkeit, die
des Ernstes nicht entbehrt — das ist das Wesen des
Mannes, der in allem der Vernunft folgt. (12)
Du mufit dich gleich beim Erwachen aus dem
Schlafe fragen: Wird es mir zu gut kommen,
wenn ein andrer tut, was recht und gut ist? Keines-
wegs. Hast du etwa vergessen, was diejenigen, die
sich mit ihren Lobsprüchen und ihren Tadeln über
andere brüsten, auf ihrem Lager oder bei Tisch für
Leute sind, was sie alles tun, was sie meiden, wo-
nach sie streben, was sie zusammenstehlen und rauben,
nicht mit Händen und Füßen, sondern mit dem kost-
barsten Teil ihres Wesens, der, wenn man nur wollte,
die Quelle der Treue, Bescheidenheit, Wahrheit, des
Gesetzes und eines guten Geistes sein könnte. (13)
Zu der alles spendenden und wieder zurück-
nehmenden Natur sagt der gebildete und be-
scheidene Mensch: »Gib, was du willst, nimm, was
du willst"* ; er sagt dies aber nicht aus Trotz, sondern
in gehorsamer und gelassener Gesinnung. (14)
Kurz ist der Rest meines Lebens. Lebe wie auf
einem Berg. Es ist ja eineriei, ob man hier
oder dort, wenn man nur überall in der Welt wie
in seiner Heimat lebt. Die Leute sollen in dir einen
wahren, im Einklang mit der Natur lebenden Menschen
sehen und erkennen. Können sie dich so nicht er-
138
Digitized by VjOOQIC
tragen, so mögen sie dich umbringen. Immer noch
besser, als so zu leben. (15)
Es kommt gar nicht darauf an, dich immer über
die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes
zu unterhalten — man muß vielmehr ein solcher
sein! (16)
Die ganze Ewigkeit und den ganzen Weltstoff stelle
dir immer vor und bedenke, daß jedes Einzel-
wesen mit dem All verglichen einem Feigenkömchen
gleicht und mit der unendlichen Zeit verglichen wie
der Augenblick erscheint, in dem man einen Bohrer
umdreht! (17)
Jedes Sinnenwesen, das du betrachtest, stelle dir
als schon in Auflösung, Verwandlung, gleichsam
Verwesung oder Zerstreuung begriffen vor. Denke
daran, daß jedes Ding nur geboren ist, um zu
sterben. (18)
Was sind das für Menschen, die nur essen, schlafen,
sich begatten, verdauen und dergleichen tierische
Funktionen mehr verrichten? Und was die, welche
die Herren spielen, stolz einherschreiten, sich un-
gehalten gebärden und von ihrer Höhe herab mit
Scheltworten um sich werfen? Vor kurzer Zeit beugten
sie sich knechtisch vor weiß Gott wem und um weiß
Gott welchen Lohn! Und nach einer kleinen Weile
was wird aus ihnen werden? (19)
Jedem ist zuträglich, was ihm die Allnatur bringt,
und gerade in dem Augenblick, wenn sie es
bringt. (20)
Der Regen liebt die Erde, sie liebt der hehre Äther;
die Welt liebt zu tun, was geschehen soll; daher
sage ich zur Erde: ich Hebe, was du liebst. Ist's nicht
139
Google
Digitized by
auch so eine gewöhnliche Redensart: Dies pflegt
gerne zu geschehen? (21)
Entweder lebst du hier weiter und hast dich dann
schon daran gewöhnt; oder du gehst von hier
weg und wolltest dann eben dies; oder du stirbst
und hast damit ausgedient Ein viertes aber gibt es
nicht. Sei also nur gutes Mutes I (22)
Immer sei dir das klar, dafi dies Stflck Erde auch
ein Stück Erde ist und daß hier alles gerade so
ist wie dort, wo andere leben, auf hohen Bergen
oder an der See, oder wo du sonst willst I Du wirst
Piatos Wort bestätigt finden, ob du nun vom Stall
eines Ziegenhirten, der auf den Bergen seine Herde
milkt, odervon einerStadtmauer umschlossen bist I (23)
Was ist die leitende Vernunft in mir? Und was
mache ich jetzt selbst aus ihr? Und wozu be-
diene ich mich jetzt ihrer? Ist sie unsichtbar? Oder
von der Gemeinschaft abgetrennt und abgerissen?
Oder an das Fleisch gekettet und mit ihm ver-
schmolzen? Muß sie also alle seine Bewegungen
teilen? (24)
Wer seinem Herrn durchgeht, ist. ein Ausreißer;
ein Herr ist aber das Gesetz; wer also dawider
handelt, ist ein Ausreißer. Aber nicht minder, wer
sich betrübt, erzürnt, fürchtet. Denn der will nicht,
daß geschehen sei oder geschehen s(9ll, was doch
der Allgebieter, das Gesetz, bestimmt hat, der für
jeden festsetzt, was ihm zukommt. Also ist der Furcht-
same, Leidtragende und Zornige ein Ausreißer. (25)
Den Samen vertraut man dem Mutterschoße und
geht davon; nachher nimmt eine andere wirkende
Kraft ihn auf, verarbeitet ihn und vollendet des Kindes
140
Digitized by VjOOQIC
Bildung. Welch ein Wesen aus welch einem Anfang!
Wieder schluckt die Mutter durch den Mund Speise,
nachher nimmt diese eine andere wirkende Kraft auf
und bereitet daraus Empfindung, Trieb, überhaupt
Leben und Stärke und wer weiß, wie viele und
welcherlei Dinge sonst noch! Betrachte nur, wie dies
alles im Verborgenen wird, und lerne die dabei tätige
Kraft kennen, wie wir auch die Schwerkraft zwar
nicht mit den Augen, aber doch ebenso einleuchtend
erkennen. (26)
Halte dir ständig im Sinn, dafi alles, wie es jetzt
ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein
wird. Stelle dir alle die gleichartigen Schauspiele
und Auftritte vor, die du aus eigener Erfahrung oder
aus der Geschichte kennst, z. B. den ganzen Hof
eines Hadrian, eines Antonin, eines Philipp, eines
Alexander, eines Krösus! Oberall dasselbe Schau-
spiel, nur von andern Personen gespielt! (27)
Wie ein Schwein, das an der Schlachtbank um
sich schlägt und ein Geschrei erhebt, so macht
es der Mensch, der über irgend etwas Trauer oder
Unwillen empfindet. Nicht viel anders ist, wer auf
einsamem Lager in der Stille unsere menschliche Un-
freiheit beseufzt. Vergiß doch nicht, daß es den
vernünftigen Wesen allein gegeben ist, freiwillig allen
Schickungen zu folgen; schlechthin aber sich zu
unterwerfen, ist für alle Wesen Notwendigkeit. (28)
Bei der Untersuchung jedes Einzeldinges, womft du
zu tun hast, stelle dir die Frage: ist der Tod etwas
Schreckliches, weil er dich dieses Dinges beraubt? (29)
So oft du am Fehler eines andern Anstoß nimmst,
ziehe dich gleich in dein Inneres zurück und
Digitized by
141
Google
überlege, welche ähnlichen Fehler du begehst: du
hältst z. B. Geld, Vergnügungen, eiteln Ruhm und
dergleichen für Güter! Sobald du dies bedenkst,
wird dein Zorn schnell nachlassen, zumal wenn es
dir noch einfällt, daß jener Mensch gezwungen ist,
so zu handeln. Denn was kann er tun? Vermagst
du's aber, befreie ihn doch von diesem Zwangl (30)
Siehst du Satyrio, den Sokratiker, so stelle dir den
Eutyches öder Hymenes vor; beim Anblick des
Euphrates denke an Eutychio oder Silvanus und auch
an Alkiphron und Tropaeophorus, und bei Xenophons
Anblick falle dir Kriton oder Severus ein, und indem
du auf dich selber zurückschaust, stelle dir einen
andern Kaiser und bei jedem wieder seinesgleichen
von Dann stelle dir die Frage: wo sind nun alle
diese? Nirgends, oder weiß Gott, wo! So nämlich
wird dir alles Menschliche stets erscheinen, ein Rauch,
ein Nichts; besonders wenn du dich zugleich daran
erinnerst, daß, was sich einmal verwandelt hat, in
alle Ewigkeit nicht mehr sein wird. Wie lange also
du noch? Aber was bist du nicht damit zufrieden,
diese kurze Zeit in Ordnung hinzubringen? Welchem
Stoff und Anlaß zur Tätigkeit gehst du aus dem Weg?
Denn all dies um dich her, was ist es anderes denn
Übungsmittel für die Vernunft, die alles im Leben
mit dem gründlichen Blick eines Naturforschers be-
trachtet? Verweile also nicht bei den Dingen, bis
du auch sie dir völlig zu eigen gemacht hast, wie
ein starker Magen sich gewöhnt, alles zu ver-
dauen, oder wie ein loderndes Feuer alles, was
man hineinwirft, zu Flamme und Strahlenglut um-
bildet. (31)
142
Digitized by VjOOQIC
Sorge dafür, daß niemand in Wahrheit von dir
sagen kann, du seist nicht lauter, du seist nicht
gut; vielmehr soll der ein Lügner sein, wer also über
dich urteilen wollte. All dies hängt nur von dir
ab. Denn wer will dich hindern, gut und lauter
zu seinl Sei nur entschlossen , eher zu sterben,
als nicht ein solcher Mann zu werden. Billigt es ja
auch die Vernunft keineswegs, wenn du das nicht
bist. (32)
Was kann man bei dieser Gelegenheit am besten
sagen oder tun? Es sei, was es wolle, es steht
ja bei dir, es zu tun oder zu sagen; tue nur nicht
so, als ob du daran gehindert würdest. Nicht eher
wird dein Seufzen ein Ende nehmen, bis dein Gefühl
dir sagt, daß, was für den Wollüstling die Schwelgerei,
für dich eine Tätigkeit sei, die bei jeder sich bieten-
den Gelegenheit im Einklang mit den menschlichen
Naturanlagen handelt; denn eben als einen Genuß
muß man alles auffassen, was man im Einklang mit
seiner eigenen Natur wirken kann. Überall kann
man dies. Der Walze freilich ist es nicht gegeben,
nach eigener Kraft sich in jeder Richtung zu bewegen,
ebensowenig dem Wasser, dem Feuer, oder allem
anderen, was unter der Leitung der Naturgesetze oder
eines bewußtlosen Instinktes steht. Denn hier treten
viele Hindemisse ein. Geist und Vernunft aber ver-
mögen kraft ihrer natürlichen Beschaffenheit und ihres
Willens über alles, was sich ihnen in den Weg legt,
hinwegzuschreiten. Diese Leichtigkeit, mit der die
Vernunft wie das Feuer aufwärts, der Stein abwärts,
die Walze auf schiefer Fläche überall durchzudringen
vermag, stelle dir vor, und du wirst nichts weiter
143
Google
Digitized by
verlangen. Denn alle übrigen Anstöße treffen ent-
weder den Leib als eine tote Masse, oder sie können
dir keine Wunden schlagen noch dir sonst ein Übel
antun, außer wenn dein Urteil oder deine Vernunft
selbst sich dazu hergibt; sonst müßte ja, wer einen
solchen Anstoß erleidet, im selben Augenblick da-
durch schlecht werden, wie dies bei allen übrigen
Einrichtungen der Fall ist, daß, wenn dem einen
oder andern von ihnen ein Übel zustößt, der leidende
Teil dadurch schlechter wird; hier aber wird im
Gegenteil der Mensch, wenn man es sagen soll,
noch besser und lobenswerter, wenn er die ihn
treffenden Anstöße recht benützt. Überhaupt aber
vergiß nie, daß dem Bürger nichts schadet, was
dem Staate nichts schadet, und daß dem Staate
nichts schadet, was dem Gesetze nichts schadet
Von diesen sogenannten Unglücksfällen aber schadet
keiner dem Gesetz, Was also dem Gesetze nicht
schadet, schadet auch nicht dem Staate noch dem
Bürger. (33)
Wer von den wahren Grundsätzen durchdrungen
ist, dem genügt auch der kürzeste und all-
bekannte Ausspruch, um ihm Trost zu bringen und
Furchtlosigkeit zu verschaffen: „Es*) verwehet der
Wind zur Erde die Blätter , . . so der Menschen
Geschlecht" Blätter sind auch deine Kindlein, Blätter
alles, was mit der Wahrheit Miene und lauter Stimme
andere lobpreist oder verwünscht oder im stillen
tadelt und verhöhnt, Blätter ebenso, was deinen
Nachruhm fortpflanzen wird. Denn alles dies »Wird
darnach zur Zeit des Frühlings geboren"; dann weht
es ein Windstoß zu Boden, und hierauf treibt der
144
Digitized by VjOOQIC
Wald wieder anderes an seiner Stelle hervor. Kurze
Lebensdauer ist ihnen allen gemein; du aber fliehst
sie, oder rennst ihnen nach, als ob sie ewig wären.
Über ein kleines, und auch dir werden die Augen
zufallen, und den, der dich bestattet hat, wird bald
ein anderer beweinen. (34)
Ein gesundes Auge muß alles Sichtbare sehen und
nicht sprechen: ich will nur Grünes; denn das
wäre ein Zeichen von Augenkrankheit. So müssen
auch Gehör und Geruch, wenn sie gesund sind, für
alles Hörbare und Riechbare empfänglich sein. Eben-
so muß ein gesunder Magen alle Nahrungsmittel
verdauen können, wie eine Mühle alles aufnehmen
kann, zu dessen Zermalmung sie eingerichtet ist.
So muß auch ein gesunder Verstand auf alle Ereig-
nisse gefaßt sein. Sagt jemand aber: »Wenn nur
meine Kinder nicht sterben!" oder: „Wenn nur alle
meine Handlungen immer gelobt werden 1", so gleicht
er dem Auge, welches nur das Grüne oder den
Zähnen, welche nur das Mürbe haben wollen. (35)
Niemand ist so glücklich, daß an seinem Sterbe-
bette nicht einige stehen, die sein herannahendes
Ende willkommen heißen. Angenommen, er war ein
trefflicher und weiser Mann: gewiß findet sich am
Ende jemand, der zu sich selbst sagt: »Nun werden
wir doch endlich vor diesem Schulmeister wieder
frei aufatmen können; zwar schlimm war er mit
keinem von uns, aber ich hatte doch immer das Ge-
fühl, daß er im stillen uns alle verdamme!" Solches
geschieht nun beim Tod eines trefflichen Mannes;
an uns aber, wie viel mag da noch hängen, um
dessentwillen mancher unsrer los zu werden wünscht
10 145
Digitized by VjOOQIC
Daran denke in deiner Sterbestunde, und du wirst
leichter von hinnen scheiden, wenn du dir sagst:
Ein Leben soll ich also verlassen, aus dem selbst
meine Genossen, fflr die ich so viel gekämpft, ge-
betet und gesorgt habe, mich hinwegwünschen, in-
dem sie von meinem Tode eine Erleichterung erhoffen.
Warum sollte sich also einer an ein längeres Ver-
weilen hier festklammem? Und doch scheide des-
halb nicht weniger freundlich von ihnen, sondern
bleibe deiner Sinnesart getreu, scheide liebevoll, wohl-
gesinnt, mild, und nicht wie gewaltsam von ihnen
losgerissen; sondern wie die Seele des sanft Sterben-
den sich leicht dem Körper entwindet, so mufi auch
dein Scheiden von ihnen sein. Denn an sie hat die
Natur dich einst geknüpft und gekettet, aber jetzt
löst sie das Band wieder. So will ich denn von
ihnen wie von Freunden, nicht mit Sträuben, sondern
ohne Zwang, mich ablösen lassen. Denn auch dies
eine gehört zu den Gesetzen der Natur. (36)
Gewöhne dich bei allem, was ein andrer tut, so
viel wie möglich daran, bei dir selbst zu fragen:
Welchen Zweck verfolgt dieser Mensch damit? An-
fangen mufit du aber bei dir selbst und dich selbst
vor allem prüfen! (37)
Wisse, daß das, was dich wie mit unsichtbaren
Fäden hin und her zieht, in deinem Innern
verborgen wohnt: Die Überredungskunst, das Leben,
ja, sozusagen, der eigentliche Mensch. Nie ver-
wechsle mit diesem sein äufierliches Gehäuse und
die ihm von allen Seiten angebildeten Werkzeuge.
Denn sie sind eine Art Verband, nur mit dem einen
Unterschied, dafi sie ihm angeboren sind. Denn die
146
Digitized by VjOOQIC
Körperteile sind ohne die sie bewegende und hemmende
Kraft nicht mehr wert als ein Weberschiffchen ohne
Weber, ein Schreibrohr ohne Schreiber, eine Peitsche
ohne Wagenlenker. (38)
Digitized by
Google
i V
ELFTES BUCH
QüEv
DD
Die Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele sind:
sie betrachtet sich selbst, zergliedert sich selbst
und bildet sich selbst nach eigenem Gefallen; die
Frucht, die sie trägt, genießt sie selbst, während von
den Früchten der Pflanzen und dem Nutzen, den
uns die Tiere gewähren, nur andere den Vorteil
haben; sie erreicht ihr bestimmtes Ziel, wo ihrem
Leben auch immer die Grenze gesetzt ist. Es ist
hier nicht wie bei einem Ballett, einem Schauspiel
und dergleichen, wo eines Zwischenfalls wegen die
ganze Handlung unvollendet bleibt, vielmehr führt
sie, wo und wann auch die Handlung aufhören mag,
ihre Aufgabe vollständig und lückenlos zu Ende, so
daß sie sagen kann: Ich habe das Meinige dahin.
Auch umwandelt sie die ganze Welt samt dem diese
umgebenden leeren Raum und versteht die Form
derselben; sie breitet sich aus über die endlose Zeit,
sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch
eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt
daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen
werden, so wenig als unsere Vorfahren etwas anderes
gesehen haben; es kann also gewissermaßen ein
148
Digitized by
Google
vierzigjähriger Mann, wenn er nur einigen Geist be-
sitzt, nach dem Gesetz der Gleichförmigkeit in alles,
was da war und sein wird, einen Einblick haben.
Endlich ist auch das eine der Eigentümlichkeiten
der denkenden Seele, daß sie den Nächsten, die Wahr-
heit und die Bescheidenheit liebt und nichts höher
achtet als sich selbst, was ja auch zum Wesen des
Gesetzes gehört. So findet mithin zwischen der
richtig denkenden und gerechtwirkenden Vernunft
gar kein Unterschied statt. (1)
Die Reize eines Gesanges oder eines Balletts und
Kampfspieles wirst du gering achten lernen,
wenn du z. B. das harmonische Ganze des Gesanges
in seine einzelnen Teile zeriegst und bei jedem dich
selber fragst, ob dich wohl dieser hinreißen könne:
du wirst beschämt seinl Ebenso, wenn du bei jeder
Bewegung und Stellung des Balletts und beim Kampf-
spiel ein Gleiches tust Überhaupt — die Tugend
und was von ihr stammt, ausgenommen — zer-
gliedere alle Dinge in ihre Bestandteile und betrachte
sie dann, und du wirst dabei zu ihrer Geringschätzung
kommen. Dasselbe Verfahren wende aber auch auf
dein ganzes Leben an. (2)
Was ist das doch für eine Seele, die bereit is^
jeden Augenblick vom Körper, wenn es sein
soll, sich abzulösen und entweder zu erlöschen oder
zu zerstäuben oder mit ihm fortzudauern! Diese
Bereitschaft aber muß aus der eigenen Überzeugung
stammen und nicht wie bei den Christen bloßer
Eigensinn, sondern mit reiflicher Überlegung und
Würde verbunden und ohne tragischen Pomp sein,
so daß sie auch andere überzeuge I (3)
149
Google
Digitized by
Habe ich eine gemeinnützige Handlung vollbracht?
Wenn ja, so habe ich selbst auch Vorteil davon.
Diesen Gedanken habe stets vor Augen und höre in
keiner Lage auf, darnach zu handeln I (4)
Was ist deine Kunst? Ein rechtschaffener Mensch
zu sein. Wie gelingt dies aber anders, als
durch klare Einsichten teils in das Wesen der All-
natur, teils in die dem Menschen eigentümlichen
Anlagen. (5)
Zuerst wurden die Tragödien eingeführt, um den
Zuschauem einzuprägen, dafi gewisse Ereignisse
natürlicherweise so und nicht anders geschehen
können und daß sie das, was sie auf der Theater-
bühne anzieht, auf der Bühne der Welt nicht wider-
wärtig finden dürfen. Sehen sie ja doch, daß alles
notwendig so kommen mußte und daß am Ende
auch die, welche ,0 war* ich nie geboren!* aus-
riefen, es haben ertragen müssen. Auch wird ja von
den Schauspieldichtem manch* nützliche Wahrheit aus-
gesprochen, wie:
»Werd' ich samt Kind verlassen von den Göttern,
Auch das hat seinen Grand;"
und an einer andern Stelle:
„Der Außenwelt muß man nicht zürnen 1*
oder:
„Ernte das Leben wie die reife Ähre!*
und was dergleichen Stellen mehr sind.
Nach der Tragödie kam die ältere Komödie; sie
übte eine sittenrichterliche Freimütigkeit und wirkte
durch ihre Rücksichtslosigkeit mit großem Nutzen
auf die Entfemung des Eigendünkels; darum hat
auch ein Diogenes sich manches aus ihr angeeignet
150
Digitized by VjOOQIC
Die darauffolgende mittlere Komödie, was war sie?
Und endlich die neue, die bald in mimische Künste-
leien ausartete, zu welchem Zweck ist sie eingeführt
worden? Das möchf ich wissen! Zwar kann man
nicht leugnen, daß auch hier manch* nützlich* Wort
gesprochen wird; aber auf welchen Zweck hat es
denn eigentlich die ganze Mache dieser Art drama-
tischer Poesie abgesehen? (6)
VfTTie einleuchtend muß es dir doch vorkommen,
VV d^fi kernt andere Lebenslage zum Studium der
Philosophie so geeignet ist, wie die, in der du dich
jetzt gerade befindest! (7)
Ein Zweig, von seinem Nachbarzweig losgehauen,
ist damit notwendigerweise zugleich auch vom
ganzen Baum abgehauen. So ist also auch ein
Mensch, der von einem seiner Mitmenschen sich los-
sagt, von der ganzen menschlichen Gesellschaft ab-
gefallen. Den Zweig nun schlägt doch noch eine
fremde Hand ab, ein Mensch aber sondert sich durch
Haß und Abscheu selbst von seinem Nächsten ab
und bedenkt dabei nicht, daß er sich damit zugleich
vom ganzen Gemeinwesen losgerissen hat. Doch ist
es von der Gottheit, die die menschliche Gesellschaft
zusammenfügte, uns vergönnt, wieder mit dem Nach-
barzweig zusammen zu wachsen und wieder ein er-
gänzender Teil des Ganzen zu werden. Je häufiger
freilich eine solche Trennung eintritt, desto schwieriger
wird auch die Wiedervereinigung und Wiederher-
stellung des Getrennten. Und überhaupt ist ein
Unterschied zwischen einem Zweig, der von Anfang
an mit dem ganzen Stamm emporwuchs und mit
ihm vereinigt blieb, und einem andern, der erst ab-
Digitized by
151
Google
gehauen und dann wieder eingepfropft ward. Denn
dieser wfichst, was auch die Gärtner sagen mögen»
2war mit seinem Stamm wieder zusammen, schmiegt
sich ihm aber doch nicht mehr völlig an. (8)
Wer dich hindern will, den Weg der gesunden
Vernunft zu gehen, würde doch nicht imstande
sein, dich von pflichtmäBiger Handlungsweise ab-
wendig zu machen; ebensowenig aber lafi' du dich
in deinem Wohlwollen gegen die Menschen irre
machen. Vielmehr bleibe gleichmäßig fest in dieses
beiden Grundsätzen, nämlich nicht nur in deinen Ur-
teilen und Handlungen Folgerichtigkeit, sondern auch
Sanftmut gegen die zu zeigen, welche dich daran zu
hindern suchen, oder sonst deinen Unwillen erregen.
Denn ihnen zürnen, wäre gerade so schwach, als
seiner Handlungsweise untreu werden und aus Be-
stürzung nachgeben; in beiden Fällen würdest du ja
fahnenflüchtig werden, dort aus Furcht, hier aus Ab-
neigung gegen deine natürlichen Verwandten und
Freunde. (9)
Die Natur bleibt niemals hinter der Kunst zurüde;
vielmehr ahmt jede Kunst die Natur nach, und
wenn dies ist, so dürfte wohl die vollkommenste
und alles andere umfassende Natur niemals der
künstlerischen Geschicklichkeit nachstehen. Alle Künste
aber bringen das Unvollkommene zum Zweck des
Vollkommenen hervor; ebenso verfährt auch die Ali-
natur. Hieraus entspringt auch die Gerechtigkeit,
aus der alle andern Tugenden sich entwickeln; denn
die Gerechtigkeit wird von uns nicht beobachtet
werden, solange wir uns noch mit gleichgültigen
Dingen zu schaffen machen« oder uns als leicht-
152
Digitized by VjOOQIC
verführbare, voreilige und wankelmütige Menschen
zeigen. (10)
Die Außenwelt, die du mit Furcht oder Hoffnung
suchst oder fliehst, kommt nicht zu dir, sondern
du kommst gewissermaßen zu ihr; bewahre also auch
deinem Urteil über sie die Ruhe, dann wird auch sie
ruhig bleiben, wo sie ist, und bei dir wird man
weder Furcht vor ihr noch Verlangen nach ihr
sehen. (11)
Einer Kugel gewissermaßen gleicht die Seele, in-
sofern sie sich weder nach irgend einer Seite hin
ausdehnt, noch in sich selbst zurückzieht, noch sich
verflüchtigt, noch versinkt, sondern von einem Licht
umstrahlt wird, in dem sie die Wahrheit von allem,
also auch die in ihr selbst befindliche, erblickt. (12)
Verachtet mich jemand? Das ist seine Sachet
Ich aber will darauf bedacht sein, in meinen
Handlungen und Worten nicht als ein Mensch be-
funden zu werden, der Verachtung verdient Haßt
er mich, so ist das wieder seine Sache, die meinige
aber, liebreich und wohlwollend gegen alle Menschen
zu sein, und gerade jenem gegenüber bereit, ihm
sein Versehen nachzuweisen, ohne ihn zu beschimpfen
oder ihn meine Nachsicht fühlen zu lassen, sondern
aufrichtig und gutherzig zu sein, wie Phokion, wor
fem dessen Benehmen nicht Heuchelei war. Dein
Inneres muß nämlich von der Art sein, daß die Götter
in dir einen Menschen sehen, aus dessen Gemüts-
stimmung weder Ärger noch Mißmut blickt Denn
was kann es auch Übles für dich get>en, wenn du
jedesmal freiwillig tust, was deine Natur verlangt,
und als ein Mensch, dazu bestimmt, das allgemeine
Digitized by
153
Google
Beste auf jede mögliche Weise zu fördern, das an-
nimmst, was der Allnatur gerade jetzt dienlich ist? (13)
Menschen, die sich gegenseitig verachten, sind
gerade die, die einander gefallen wollen; und
Menschen, die sich voreinander bücken, sind die,
die sich untereinander hervortun wollen. (14)
Innerlich verfault und betrügerisch ist der Mensch,
der da sagt: »Ich habe den Entschluß gefaßt, ohne
Falsch mit dir umzugehen!" Wozu diese unnötige
Einleitung? Auf der Stelle muß es sich zeigen;
schon auf deiner Stime muß diese Versicherung ge-
schrieben stehen, aus deinen Äugen muß sie hervor-
leuchten, wie der Geliebte im Blick des Liebenden
sogleich alles lesen kann. Oberhaupt muß der arg-
lose und gute Mensch in seiner Art eben das sein,
was der übelriechende in der seinigen ist: Wer ihm
nahesteht, merkt es sogleich, er mag wollen oder
nicht. Eine erkünstelte Aufrichtigkeit dagegen ist
wie ein versteckter Dolch. Nichts Schändlicheres
gibt es als Wolfsfreundschaft; meide sie allermeist
Der gute, arglose und wohlwollende Mensch offen-
bart sich uns erkennbar schon in seinem Blick. (15)
Die Fähigkeit, ein glückliches Leben zu führen,
liegt in unserer Seele, sie darf nur gegen gleich-
gültige Dinge sich wirklich auch gleichgültig ver-
halten. Und sie wird sich dann so verhalten, wenn
sie jedes Ding nach seinen Teilen und im ganzen
betrachtet, und dabei nicht vergißt, daß kein einziges
unter ihnen uns ein Urteil von ihm aufzwingt, noch
zu uns kommt, sondern unbeweglich stehen bleibt;
daß vielmehr wir es sind, die die Vorstellungen von
ihnen erzeugen und uns diese gleichsam selbst ein-
154
Digitized by VjOOQIC
prägen, während wir sie doch nicht einzuprägen
brauchten, oder auch, wenn sie sich bei uns etwa
eingeschlichen haben, sie sogleich wieder austilgen
können. Einer solchen Vorsichtsmaßregel bedarf es
ja auch nur auf kurze Zeit, da unser Leben bald zu
Ende sein wird. Was für Schwierigkeiten soll dem-
nach dieses richtige Verhalten eigentlich besitzen?
Denn, steht es mit der Natur im Einklang, so freue
dich dessen, und es mufi dir leicht sein; steht es
aber mit der Natur im Widerspruch, so untersuche,
was deiner Natur entspricht und strebe dann darnach,
auch wenn es dir keinen Ruhm einbringt. Jeder
kann seines Glückes Schmied werden! (16)
Woher jedes Ding kommt, aus welchen Stoffen
es besteht, in welche Form es sich verwandelt,
wozu es durch diese Verwandlung wird, und daß ihm
dabei kein Übel widerfährt — daran denke immer. (17)
Erstens ist zu untersuchen: welches ist mein Ver-
hältnis zu den Menschen? Füreinander sind
wir alle da; und in einer andern Hinsicht bin ich
zu ihrem Vorgesetzten geworden, wie der Widder
für die Schafe und der Stier für die Rinder; doch
erhebe dich auf einen höheren Gesichtspunkt: ist
nicht alles nur ein Gewirre von Atomen, so ist die
Natur die Walterin des Alls; in diesem Falle sind die
niederen Wesen um der höheren willen, die höheren
aber um einanderwillen da.
Zweitens: Wie zeigen sich die Menschen bei Tische,
auf dem Ruhebett und in ihren anderen Lebenslagen;
besonders aber, welche Gewalt haben ihre Grund-
sätze über sie und mit wieviel Eigendünkel verrichten
sie ihre Handlungen?
Digitized by
155
Google
Drittens: Handeln sie vernünftig, so darfst du nicht
unwillig werden, handeln sie aber unvernünftig, so
geschieht dies offenbar gegen ihr besseres Wollen
und Wissen. Denn wie jede Seele ungern auf die
Wahrheit verzichtet, so auch auf das richtige Betragen
gegen jedermann. Sie ärgern sich wenigstens dar-
über, wenn man sie Ungerechte, Undankbare, Eigen-
nützige, mit einem Wort Übeltäter an ihren Neben-
menschen nennt.
Viertens: Auch du fehlst oft und bist also auch so
ein Mensch; und wenn du dich auch von gewissen
Vergehungen fem hältst, so hast du wenigstens die
hierfür wirksame Anlage, magst du dich auch aus
Feigheit oder Ehrsucht oder sonst einer schlimmen
Eigenschaft von derartigen Vergehungen fernhalten.
Fünftens: Du bist dessen nicht einmal gewiß, ob
der oder jener sich auch wirklich vergangen hat;
denn vieles geschieht auch unter dem Drang der
Verhältnisse; und man muß überhaupt mit vielem
zuvor bekannt sein, um über die Handlungsweise
eines andern ein begründetes Urteil abgeben zu
können.
Sechstens: Wenn du dich einmal allzusehr erzürnst
oder grämst, so denke daran, wie kurz das Menschen-
leben ist und daß wir alle gar bald im Grabe sein
werden.
Siebentens: Nicht die Handlungen beunruhigen uns,
denn sie beruhen ja auf ihren leitenden Grundsätzen;
sondern vielmehr unser Wähnen. Beseitige also
dieses und habe nur den Willen, dein Urteil darüber,
als sei es etwas Schreckliches, aufzugeben, dann ist
auch dein Zorn verschwunden. Wie kannst du al>er
156
Digitized by VjOOQIC
nun dies bjesdtigen? Durch die Erwägung, daß nur
das Böse dich schändet; Wäre dem nicht sp, dann
könntest du auch zu vielen Vergehen,, ja wohl gar
zum Raub und allen möglichen Verbrechen gezwungen
werden.
Achtens: Wieviel schwerer ist die Last, die uns der
Zorn und Kummer, den wir über die Handlungen
anderer empfinden, auferlegt, als die, die uns diese
Handlungen selbst auferlegen!
Neuntens: Unerschütterlich ist dein Wohlwollen,
wenn es wirklich echt, nicht etwa nur das Lächeln
eines Heuchlers ist. Denn was soll dir der bos-
hafteste Mensch anhaben können, wenn du unbeirrt
freundlich zu ihm bist und ihn bei passender Gelegen-
heit sanftmütig warnst und, gerade in dem Augen-
blick, wo er dir Böses anzutun versucht, ihn in
ruhigem, zurechtweisendem Tone etwa so anredest:
„Nicht doch, mein Sohn; zu etwas anderem sind wir
geboren; mir zwar wirst du dadurch nicht schaden;
aber dir selbst schadest du damit, mein Sohn!" Zeige
ihm dann in schonender, wohlüberlegter Weise, daß
dies auch wirklich so ist und daß selbst die Bienen
und andere herdenweise zusammenlebenden Tiere
nicht so verfahren. Du mußt es aber ohne Spott
und Obermut tun, sondern mit warmem Herzen und
ohne alle Bitterkeit; und auch nicht wie ein Schul-
meister, noch in der Absicht, damit die Bewunderung
eines etwa dabeistehenden Dritten zu erregen, son-
dern unter vier Augen, nicht wenn andere dabei
sind.
Diese neun Sätze präge dir genau ein, als hätten sie
dir die neun Musen zum Geschenk gemacht, und fang'
Digitized by
157
Google
endlich einmal an, Mensch zu sein, solange du noch
zu leben hast Hüte dich aber nicht minder davor,
den Menschen zu zürnen, als ihnen zu schmeicheln.
Beides ist unvereinbar mit dem Grundsatz der Ge-
meinschaft und bringt Verderben. Namentlich bei
den Zornesaufwallungen sei dir gegenwärtig, dafi das
Aufbrausen nicht von Manneskraft zeugt, sondern
vielmehr die Milde und Sanftmut in eben dem Maß,
als sie menschlicher ist, auch größere Mannesstärke
bekundet. Nur hier ist Kraft und Nerv und Mannhaftig-
keit, nicht aber im Zorn und der Übellaune I Denn
je verwandter mit der Leidenschaftslosigkeit, um so
verwandter mit der Kraft, und wie Betrübnis ist auch
Zorn die Eigenschaft des Schwachen. In beiden
Fällen nämlich ist man verwundet und dem Feinde
ausgeliefert Empfange indes, wenn du willst, vom
Führer der Musen noch eine zehnte Gabe: den Ge-
danken nämlich, dafi es wahnsinnig ist, zu verlangen,
die Bösen sollen nicht fehlen; denn das wäre ein
Verlangen nach Unmöglichem; zugeben aber, dafi
sie gegen andere ihr wahres Wesen zeigen und zu-
gleich fordern, daß sie sich gegen dich nicht ver-
fehlen, wäre Unbilligkeit und Tyrannei. (18)
Vor vier Verirrungen besonders muß deine Ver-
nunft sich beständig in acht nehmen, und ihnen
mufit du, sobald du sie ausgespürt hast, ausweichen,
indem du in einem Fall zu deiner Seele sagst: »Das
ist eine unnötige Vorstellung", im andern: „Das zer-
stört das Band der menschlichen Gesellschaft", im
dritten: „Was du jetzt sagen willst, kommt dir nicht
von Herzen; anders aber, als aus dem Herzen zu
reden, halte ich für durchaus unstatthaftl" Der vierte
158
Digitized by VjOOQIC
Fall aber ist der, wenn du dir selbst Vorwürfe machen
mußt; sie sind die Stimme des göttlicheren Teiles
deines Wesens, der vom Körper, dem unedleren und
sterblichen Teil deiner Natur, und von dessen grob-
sinnlichen Lüsten tiberwältigt und unter sie herab-
gewürdigt worden ist. (19)
Alles Geistige und Feuerartige, das deinem Wesen
beigemischt ist, strebt zwar seiner Natur ent-
sprechend nach oben, wird aber, um die Ordnung
des Weltganzen nicht zu stören, hier im Körper-
gewebe festgehalten. Und das Erdartige und Feuchte
in dir, obschon es nach unten strebt, hält sich in
der Höhe und behauptet die seiner Natur nicht zu-
kommende Stelle in deinem Körper. So gehorchen
auch die Grundstoffe dem Ganzen und bleiben not-
wendig da, wo sie einmal hingestellt worden sind,
bis ihnen von dorther wieder das Zeichen zur Auf-
lösung gegeben wird. Ist es nun nicht arg, daß nur
der vernünftige Teil deines Wesens ungehorsam ist
und sich über den ihm angewiesenen Posten be-
schwert? Und doch wird gerade diesem nichts mit
Zwang auferlegt, sondern nur das, was im Einklang
mit seiner Natur steht. Und dennoch läßt er sich's
nicht gefallen, sondern neigt zum Gegenteil hin;
denn jeder Schritt zu Ungerechtigkeiten, Ausschwei-
fungen, Zomesausbrüchen, Schwermutsanfällen und
Ängsten ist nichts anderes als ein Abfall von der
Natur. Und so oft deine Vernunft über irgend ein
Ereignis mißmutig wird, verläßt sie jedesmal den
ihr angewiesenen Posten. Bist du doch zur Gleich-
mut und Gottesfurcht nicht minder geschaffen als
zur Gerechtigkeit. Denn auch jene Tugenden sind
159
Google
Digitized by
im Begriff des Gemeingeistes enthalten, ja sie sind
sogar noch älter als gerechte Handlungen. (20)
Wer nicht stets ein und dasselbe Lebensziel vor
Augen hat, kann auch selbst nicht sein Leben
hindurch einer und derselbe sein. Jedoch dies Wort
genügt noch nicht, wenn man nicht auch das noch
hinzufügt, von welcher Art jenes Ziel eigentlich sein
muß. Denn, wie die Ansicht aller Menschen über
die Güter, die gewöhnlich dafür gehalten werden,
nicht gleich ist, sondern nur über gewisse, nämlich
über die allgemeinen, so darf man sich auch nur ein
solches Ziel setzen, das dem allgemeinen und bürger-
liehen Wohl entspricht Denn wer nach diesem Ziel
mit allen seinen Kräften hinstrebt, wird allen seinen
Handlungen Gleichförmigkeit verleihen und insofern
immer einer und derselbe bleiben. (21)
Denke an die Feldmaus und die Stadtmaus und
wie erschrocken jene hin- und herlief! (22)
Sokrates nannte dieMeinungen der Menge Gespenster,
Schreckgestalten für Kinder. (23)
Die Lacedämonier liefien bei ihren Schauspielen
die Gäste im Schatten sitzen, sie selbst aber
setzten sich an der ersten besten Stelle nieder. (24)
Sokrates ließ dem Perdikkas als Grund, warum er
seine Einladung zum Essen nicht annahm, sagen:
„Ich mag nicht vor Schimpf und Schande vergehen,
indem ich empfangene Wohltaten nicht wieder ver-
gelten kann". (25)
In den Schriften der Ephesier stand die Lebens-
regel, daß man aus der Reihe der Alten, die die
Tugend übten, beständig einen im Andenken behalten
solle. (26)
160
Digitized by VjOOQIC
Die Pythagoreer lehrten, man solle in der Morgen-
stunde zum Himmel emporschauen, damit man
sich nicht nur jener Wesen, die ihr Werk in ewiger
Unveränderlichkeit und auf gleiche Weise vollführen,
sondern auch ihrer Ordnung, ihrer Reinheit und ihres
unverhtiUten Zustandes erinnere. Denn die Gestirne
deckt kein Schleier. (27)
Welch ein Mann, jener Sokrates, der ein Fell um-
gürtete, als Xanthippe einmal in seinem Ober-
gewand ausgegangen war! Und wie schön seine
Worte zu seinen Freunden, als sie ihn in diesem
Aufzug erblickten und vor Scham zurückwichen! (28)
Im Schreiben und Lesen kannst du nicht unter-
richten, bevor du es nicht selber gelernt hast; in
der Lebenskunst noch viel weniger! (29)
Sage zum Geschick: „Ein Sklave bist du; mitzureden
ziemt dir nicht!** (30)
.D.
roch innerlich lachte das Herz mir!** (31)
Lästern werden die Toren mit harten Worten die
Tugend!« (32)
Nur ein Wahnsinniger sucht zur Winterszeit Feigen;
nur ein Wahnsinniger sehnt sich noch nach
einem Kind, wenn es ihm nicht mehr vergönnt
wird. (33)
Wenn du dein Kind herzest," sagt Epiktet, „mußt
du dir innerlich zurufen: morgen ist es viel-
leicht tot!** Eine üble Vorbedeutung! Keineswegs,
sagt Epiktet, sondern nur ein Wort, das eine Natur-
wirkung bezeichnet; sonst wäre ja auch der Ausdruck:
„die Ähren werden abgemäht" von schlimmer Vor-
bedeutung! (34)
161
Google
Digitized by
Heute unreife Trauben, mo^en reif, bald aus-
getrocknet — alles Umwandlungen, aber nicht
in ein NichtSeiendes, sondern nur in ein jetzt noch
nicht Seiendes! (35)
Einen Räuber der Willensfreiheit gibt es nichi
sagt Epiktet (36)
Kunstgerecht, sagt der gleiche, mußt du in deinen
BeifallsäuBerungen verfahren lernen und hin-
sichtlich deiner Bestrebungen die Vorsichtsregel nie
vergessen, daB sie von Bedingungen abhängen, sich
aufs Gemeinwohl richten und durch den Wert der
Dinge bestimmt werden ; die Begierden aber muBt du
gänzlich lassen und meiden, was nicht in unserer
Macht steht. (37)
Es handelt sich also, meint er weiter, nicht um
eine Alltagsangelegenheit, sondern um die Frage,
ob man verrückt ist oder nicht! (38)
Sokrates sagt: »Was wollt ihr? Vernünftige oder
unvernünftige Seelen haben?* ,Vemünftige.*„Was
für vernünftige? Gesunde oder zerrüttete?* nGe-
sunde.* »Was strebt ihr denn nicht darnach?* »Weil
wir sie schon besitzen!* „So, warum streitet ihr
denn dann und könnt nicht eins werden?* (39)
Digitized by
Google
ZWÖLFTES BUCH
Alles das, was du nach einiger Zeit zu erlangen
wünschest, kannst du jetzt schon haben, wenn
du nicht mißgünstig gegen dich selbst bist. Das
aber tritt ein, wenn du alles Vergangene beiseite
lassest, das Zukünftige der Vorsehung anheim gibst,
und nur das Gegenwärtige der Frömmigkeit und
Gerechtigkeit entsprechend einrichtest; und zwar der
Frömmigkeit entsprechend, um mit dem dir zuge-
teilten Los zufrieden zu sein, denn die Natur hat
dich und dein Los füreinander bestimmt; der Ge-
rechtigkeit entsprechend aber, um freimütig und ohne
Umschweife die Wahrheit zu reden und dein Tun
dem Gesetz und Wert der Dinge gemäß zu gestalten,
unbeirrt durch fremde Schlechtigkeit, durch Vorurteile,
durch anderer Gerede und durch die Empfindungen
der dich umschließenden Körperhülle; denn da mag
der leidende Teil selbst zusehen. Laß' denn nun,
ohnehin schon dem Ende nahe, alles andere auf sich
beruhen, ehre einzig und allein die herrschende Ver-
nunft und das Göttliche in dir, fürchte dich nicht
vor dem einstigen Aufhören des Lebens, sondern
nur davor, daß du ein Leben im Einklang mit der
11*
163
Digitized by
Google
Natur noch nicht begonnen hast» und du wirst ein
Mensch sein, würdig der Welt, die dich erzeugte, du
wirst kein Gast mehr in deinem Vaterlande sein, nicht
mehr das, was doch tagtäglich geschieht, als etwas
Unerwartetes anstaunen, noch dein Herz an dies oder
das hängen. (1)
Die Gottheit sieht alle vernünftigen Seelen hüllen-
los, ohne das körperliche Gefäß, ohne Rinde
und Unreinheit Nur durch ihren Geist ist die Gott-
heit mit dem in Berührung, was aus ihr selbst in die
Seelen übergeflossen und abgeleitet worden ist
Wenn auch du dich an dies Verfahren gewöhnst, so
wirst du die meisten Störungen von dir abwenden.
Denn wer erst von der ihm zunächstliegenden Körper-
hülle absehen kann, wird sich doch um Kleidung,
Wohnung, Ehre und dergleichen Schmuck und Pomp
nicht viel Sorgen machen! (2)
Drei Teile sind es, woraus du bestehst: Körper-
liches, Seelisches, Denkvermögen. Von diesen
sind die beiden ersten nur insoweit dein, als du für
sie zu sorgen hast; der dritte Teil aber ist vorzüg-
lich dein Eigentum. Du mufit also von deinem Ich,
d. h. von deinem Denkvermögen alles fernhalten,
was die andern tun oder denken, ebenso alles, was
du selbst getan oder gedacht hast, alle"^, was dich
schon im voraus beunruhigt, alles, was nur die dich
umgebende Körperhülle oder die ihr eingepflanzte
Seele angeht und mithin nicht in deiner freien Wahl
steht und im ewigen Wirbel der Außenwelt dich trifft,
so daß die Denkkraft in dir den Einwirkungen der
Schicksalsschläge entgegen, rein und ungebunden
sich selbst lebt, tut, was recht ist, will, was geschieht^
164
Digitized by VjOOQIC
und redet, was wahr ist; du mußt, sage ich, von
dieser herrschenden Vernunft alles, was durch Leiden-
schaften ihr angehängt wurde und der Zukunft oder
der Vergangenheit angehört, trennen, du mußt dich
gleichsam zu dem machen, was Empedokles von der
Welt sagt:
»Eine gerundete Kugel, der wirbelnden Kreisbahn
sich freuend"; du mußt darauf bedacht sein, nur
der Zeit, die du wirklich lebst, d. h. der Gegenwart,
dich ganz hinzugeben — dann wird es dir möglich
sein, den Rest deiner Tage bis zum Tode ungestört,
edel und dem Genius in dir hold gesinnt hinzu-
bringen. (3)
Oft schon hat es mich gewundert, wie es kommt,
daß der Mensch, der sich doch mehr liebt als
alle andern, dennoch dem eigenen Urteil über sich
geringeren Wert beilegt, als dem Urteil anderer. Wenn
demnach ein Gott oder ein verständiger Lehrer zu
uns hintreten und uns befehlen würde, nichts bei
uns zu denken oder zu beschließen, ohne es zugleich,
sobald wir uns dessen bewußt sind, herauszusagen^
so könnten wir das nicht einen einzigen Tag aus-
halten. In dem Grade scheuen wir mehr ein fremdes
als unser eigenes Urteil über uns. (4)
Wie kommt es, daß die Götter, die doch sonst
alles so schön und menschenfreundlich einge-
richtet haben, das eine übersehen konnten, daß die
wenigen vorzüglichen Menschen, die im Leben im
innigsten Verkehr mit der Gottheit standen und durch
fromme Werke und heiligen Dienst ihre Verfrauten
geworden waren, nach dem Tode nicht wiederkehren,
sondern für alle Ewigkeit verschwunden sind ?
165
Google
Digitized by
Wenn dem aber wirUicb so ist, so sei überzeugt, daB,
wenn es hatte anders sein sollen, die Götter es audi
anders eingerichtet hätten; denn wäre es recht, so wäre
es auch möglich, und würde es mit den Gesetzen der
Natur übereinstimmen, so hätte es die Natur auch so
gefügt Folglich, daraus, dafi es nicht so ist, ange-
nommen nämlich, es sei wirklich nicht so, muBt du
die feste Oberzeugung nehmen, es habe nicht so sein
sollen. Siehst du doch wohl selbst, dafi solche
Fragen aufwerfen mit der Gottheit rechten hieBe;
wir würden aber nicht in dieser Weise mit den Göttern
streiten, wenn sie nicht wirklich die besten und ge-
rechtesten Wesen wären I Sind sie das aber, so haben
sie gewiß bei der Welteinrichtung nichts zugelassen, was
dar Gerechtigkeit und der Vernunft widerspräche I (5)
Gewöhne dich auch an das, dessen Ausführung
dir anfangs unmöglich erschien. Fafit ja auch
die linke Hand, die aus Mangel an Dbung gewöhn-
lich schwächer ist, den Zügel kräftiger als die rechte.
Denn daran ist sie gewöhnt worden. (6)
Denke, in welcher Beschaffenheit des Leibes und
der Seele dich der Tod antreffen wird, sowie an
die Kürze des Lebens, an den unermeßlichen Zeit-
raum hinter dir und die Ewigkeit vor dir, an die
Gebrechlichkeit alles Stoffs. (7)
Entkleidet aller Umhüllung betrachte die wirkenden
Kräfte der Dinge und die Zwecke der Hand-
lungen. Frage nach dem Wesen von Unlust, Lust,
Tod und Ruhm, werde dir klar darüber, was die
Sdiuld der eigenen Ruhelosigkeit ist, daß niemand
von einem andern gehindert wird, und daß alles auf
die Vorstellung ankommt (8)
166
Digitized by VjOOQIC
Bei der praktischen Ausführung deiner Grundsätze
sei dem Ringer, nicht dem Zweikämpfer ähnlich.
Denn dieser wird niedergestochen, sobald er sein
Schwert verliert, jenem aber steht immer noch seine
Faust zu Gebot, und er hat weiter nichts nötig, als
sie zu ballen. (9)
Prüfe die Beschaffenheit der Dinge in der Welt
und unterscheide an ihnen Stoff, wirkende Kraft
und Zweck. (10)
Welche Gewalt hat doch der Mensch! Er braucht
nichts zu tun, als was den Beifall der Gottheit
zur Folge hat und nur alles hinzunehmen, was ihm
die Gottheit zuteilt. (11)
Hinsichtlich dessen, was eine Folge des Naturlaufs
ist, soll man weder den Göttern noch den Menschen
Vorwürfe machen; denn die Götter verfehlen sich
weder willkürlich noch unwillkürlich, die Menschen
aber nur unwillkürlich, daher soll man niemand Vor-
würfe machen. (12)
Es wäre lächerlich, und wir wären Fremdlinge auf
der Welt, wollten wir über irgend ein Ereignis
im Leben staunen. (13)
Entweder gibt es ein unvermeidliches notwendiges
Schicksal und eine unverletzbare Ordnung der
Dinge oder eine milde Vorsehung, oder es herrscht
nur ein verworrener, blinder Zufall. Gibt es nun
eine unveränderliche Notwendigkeit, was sträubst du
dich dagegen? Gibt es aber eine Vorsehung, die
sich versöhnen läßt, so mache dich der göttlichen
Hilfe würdig. Herrscht endlich nur ein blinder Zu-
fall, so erfreue dich an dem Gedanken, dafi du mitten
in solchem Wogensturm in dir selbst an der Vernunft
167
Digitized by
Google
eine Lenkerin hast Und wenn dich auch die Strö-
mung mit fortreißt, so mag sie das bifichen Fleisch
und Lebenskraft und alles andere mit sich fort nehmen,
kann sie doch die Vernunft nicht fortreißen. (14)
Das Licht einer Lampe scheint, bis es erlischt;
nicht eher verliert es seinen Glanz; in dir aber
sollte die Wahrheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit
früher erlöschen? (15)
Hast du von jemand die Ansicht, daß er gefehlt
habe, so frage dich: Weiß ich denn auch gewiß,
daß dies wirklich ein Fehler war? Aber selbst an-
genommen, er habe gefehlt, hat er sich damit nicht
selbst verurteilt und so gleichsam sein eigenes An-
gesicht zerfleischt? Überhaupt, wer verlangt, daß der
böse Mensch nicht fehlen soll, kommt mir so vor,
wie einer, der nicht will, daß der Feigenbaum Saft iti
den Feigen erzeuge, daß die kleinen Kinder schreien,
daß das Pferd wiehere, und was dergleichen von Natur
notwendige Dinge mehr sind. Denn was soll der
nun einmal tun, der die Anlagen zu so etwas besitzt?
Heile ihn davon, wenn du die Fähigkeit hierzu in
dir fühlst. (16)
Was sich nicht ziemt, das tue nicht, was nicht
wahr ist, sage nicht; denn die Willensrichtung
soll ganz von dir abhängig sein. (17)
Immer auf das Ganze mußt du sehen und unter-
suchen, was jenes gerade sei, das in dir die Vor-
stellung erzeugt, indem du daran die wirkende Kraft,
den Stoff, den Zweck und die Zeit, innerhalb welcher
es wieder aufhören muß, unterscheidest. (18)
Fühle es doch endlich, daß etwas Besseres und
Göttlicheres in dir lebt, als das, was die Leiden-
168
Digitized by
Google
Schäften erregt und dich hin- und herzerrt wie der
Draht die Gliederpuppen. Was waltet jetzt in deinem
Denken? Ist's Furcht, Argwohn, Begierde oder etwas
anderes der Art? (19)
Fürs erste, handle nicht aufs Geratewohl, nicht
ohne Zweck; zum andern, richte dfine Ziele auf
nichts anderes als auf das allgemeine Beste I (20)
Noch eine kleine Weile — dann wirst du selbst
nirgends mehr sein, noch etwas von den Dingen,
die du jetzt siehst, noch von den Menschen, die jetzt
leben. Denn alles ist von der Natur zur Umwand-
lung, zur Veränderung und zum Untergang bestimmt,
damit anderes an seine Stelle rücke. (21)
Alles ist Meinung und diese hängt von dir ab.
Räume denn, wenn du willst, die Meinung aus
dem Weg, und du wirst gleich dem Seefahrer, der
das steile Vorgebirge umschifft hat, in der Windes-
stille auf lächelnder See in die sichere Bucht ein-
fahren. (22)
Alles Tun, das zur bestimmten Zeit sein Ende er-
reicht, erleidet durch das Aufhören keinen
Schaden. Ebensowenig erleidet der dabei Tätige
durch die Beendigung seines Tuns einen Nachteil.
Also leidetauch der Inbegriff allerTätigkeitsäußerungen,
die wir das Leben nennen, dadurch, daß es zur be-
stimmten Zeit aufhört, keinen Nachteil, und so ist
auch der, welcher zu seiner Zeit diese Reihe geschlossen
hat, hierdurch in keine schlimme Lage versetzt worden.
Jene Zeit aber und Lebensgrenze bestimmt die Natur,
zuweilen, wenn sie erst im Greisenalter eintritt, zu-
gleich die eigene Natur des Menschen, jedenfalls aber
die Allnatur; denn durch Umwandlung ihrer Teile
Digitized by
169
Google
wird das ganze Weltall stets verjüngt und steht in
ewiger Blüte; immer aber ist auch alles schön und
reif, was dem Ganzen zuträglich ist; so ist auch das
Aufhören des Lebens für niemand nachteilig, noch
eine Schande, da es ja von unserem Willen unab-
hängig und dem großen Ganzen nicht zuwider ist;
vielmehr ist es ein Gut, denn es ist für das Ganze»
das hierdurch ewig erneuert wird, nützlich und zu*
träglich. Unter dem Schutze der Gottheit wandelt also,
wer sich von ihr auf ihren Wegen und mit ihrer Ge-
sinnung zum gleichen Ziel wie sie führen läßt (23)
Folgende drei Grundsätze muß man stets beachten:
In allem Tun nie ohne Grund noch anders ver-
fahren, als die Gerechtigkeit selbst verfahren hätte,
bei allen äußeren Ereignissen bedenken, daß sie ent-
weder vom Zufall oder von der Vorsehung herrühren,
über die man beide sich nicht beschweren darf.
Zweitens, bei jedem Wesen darauf achten, wie es
von seiner Empfängnis an bis zu seiner Beseelung
und von seiner Beseelung bis zu seiner Entseelung
beschaffen ist, aus welchen Bestandteilen es besteht
und in welche es wieder zerfallen werde- Drittens,
daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt,
von oben herab auf die Menschenwelt hemieder-
schauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in ihr
wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger
und ätherischer Wesen mit einem Blick übersehen^
könntest, daß du dennoch, sage ich, so oft du empor-
gerückt wärest, immer wieder dasselbe sehen müßtest,
nämlich alles von gleicher Form und derselben kurzen
Dauer. Und darauf willst du deinen Dünkel
gründen? (24)
170
Digitized by VjOOQIC
Mache dich nur vom Wahne los, und du bist ge-
rettet I Hindert dich denn aber jemand, das
zu tun? (25)
Macht dir etwas Kummer und Sorgen, so hast du
vergessen, daß alles nach den Gesetzen der
Allnatur geschieht und dafi fremde Fehler dich nicht
anfechten sollen; femer vergessen, dafi alles, was
geschieht, immer so geschehen ist, immer so geschehen
wird und überall jetzt so geschieht; vergessen die
innige Gemeinschaft, die zwischen dem Einzelmenschen
und dem ganzen Menschengeschlecht besteht; denn
hier liegt nicht sowohl eine Gemeinschaft nach Blut
und Samen, als vielmehr eine Gemeinschaft desselben
Geistes vor. Vergessen hast du aber auch, dafi der
denkende Geist eines jeden ein Gott ist und von der
Gottheit herstammt, dafi niemand etwas ihm aus-
schließlich Eigenes besitzt, sondern sein Kind, sein
Leib wie auch seine Seele selbst aus jener Quelle
ihm zugekommen ist; vergessen endlich, dafi man
nur den gegenwärtigen Augenblick lebt und darum
auch nur ihn verlieren kann. (26)
Rufe dir immer die ins Gedächtnis zurück, die
über irgend etwas gar zu viel Kummer empfunden
haben oder durch ihren Ruhm, ihr Unglück, ihre
Feindschaften oder andere Zufälligkeiten viel Auf;
sehen erregt haben. Dann frage dich: Wo ist jetzt
das alles? Rauch ist's und Asche, ein Märchen, nein
nicht einmal ein Märchen mehrl Vergegenwärtige
dir auch viel anderes der Art, z. B. was Fabius
Catullinus auf seinem Landgut, Lusius Lupus in
seinen Gärten, Stertinius in Bajä, Tiberius auf Capri,
Rufus in Velia getrieben haben und alle die andern,
Digitized by
171
Google
die vom Wahne besessen waren 1 Bedenke, wie
jämmerlich alles, was sie erstrebten, war, wieviel
philosophischer es wäre, bei jeder dargebotenen Ge-
legenheit Gerechtigkeit, Besonnenheit und Gehorsam
gegen die Götter ohne Gleisnerei zu zeigen. Denn
der Hochmut, der sich mit Demut brüstet, ist am
allerunerträglichsten. (27)
Fragt man dich, wo du denn die Götter, die du
so hoch verehrst, gesehen und woraus du ihr
Dasein erkannt habest, so antworte: Erstens sind sie
schon unserm Auge sichtbar; dann habe ich aber
auch meine Seele nicht gesehen und ehre sie. Gerade-
so schließe ich auch auf das Dasein der Götter, aus
den mir von allen Seiten gebotenen Proben ihrer
Macht und verehre sie. (28)
Jedes Ding im ganzen, nach seinem Stoff, nach
seiner Kraft zu erkennen und von ganzer Seele
das Rechte zu tun und das Wahre zu reden: darauf
beruht das Heil des Lebens. Reihst du so Gutes an
Gutes, ohne den mindesten Zwischenraum zu lassen,
was anderes soll dann die Folge sein als wirklicher
Lebensgenuß? (29)
Es gibt nur ein Sonnenlicht, wenn es gleich durch
Wände, Berge und andere tausenderlei Dinge ge-
brochen wird; ebenso nur ein gemeinsames Grund-
wesen, wenn es gleich in unzählige, eigentümliche
Körperbildungen sich spaltet; nur eine Seele, wenn
sie gleich unter zahllose Naturwesen und eigentüm-
liche Begrenzungen verteilt ist, nur einen denkenden
Geist, wenn gleich auch er zerteilt erscheint Nun
sind zwar einige Teile der genannten Dinge, wie die
Lebensgeister und die ihnen zu Grunde liegenden Körper
172
Digitized by VjOOQIC
empfindungslos und ohne gegenseitige Zuneigung,
und doch hält auch sie der vernünftige Weltgeist und
die Schwerkraft zusammen. Die denkende Seele aber
hat einen eigentümlichen Zug nach dem ihr Ver-
wandten, tritt mit ihm in Verbindung, und nie wird
dieser Trieb zur Gemeinschaft gebrochen. (30)
Was wünschest du? Hier länger zu existieren?
Vielmehr zu empfinden, dich zu bewegen, zu
wachsen, wieder stille zu stehen, deine Stimme zu
gebrauchen, nachzudenken? Was von all dem scheint
dir denn so wünschenswert? Ist aber eins wie das
andere geringfügig, so wende dich zu dem, was allein
noch übrig bleibt, dem Gehorsam gegen die Ver-
nunft und gegen die Gottheit. Der Verehrung dieser
jedoch widerspricht es, wenn uns derGedanke bedrückt,
durch den Tod jener Dinge beraubt zu werden. (31)
Welches kleine Teilchen der unendlichen und un-
ermeßlichen Zeit ist jedem von uns zugemessen!
Und wie schnell wird es wieder von der Ewigkeit
verschlungen! Welch' winziges Teilchen der ganzen
Wesenheit sind wir selbst, welch' winziges Teilchen
von der Weltseele I Wie winzig endlich ist das Erd-
klümpchen, auf dem du herumkriechst! Das alles
beherzige und halte dann nichts für groß, als zu tun,
wie deine Natur dich leitet, zu leiden, wie die All-
natur es fügt! (32)
Welchen Gebrauch macht die herrschende Ver-
nunft von sich selbst? Darin liegt alles. Alles
übrige aber, mag es von deinem Willen abhängen
oder nicht, ist Totenstaub und Rauch. (33)
Der Gedanke kann am besten die Todesverachtung
wachhalten, daß selbst Menschen, die die Lust
Digitized by
173
Google
für ein Gut und die Unlust für ein Übel erklärten,
den Tod doch verachtet haben. (34)
Wer nur das, was rechtzeitig geschieht, für ein
Gut hält, wem es einerlei ist, ob er eine
größere oder kleinere Zahl vernünftiger Handlungen
aufzuweisen hat, wer zwischen einer längeren und
kürzeren Betrachtung der Welt keinen Unterschied
macht, für den ist auch der Tod nichts Schreck-
liches. (35)
Mensch, in diesem großen Staate bist du Bürger
gewesen; fünf Jahre oder drei Jahre, was liegt
daran I Ob im Einklang mit den Gesetzen, das war
dad Wichtigel Was soll nun Schreckliches daran
sein, diesen Staat wieder zu verlassen, nicht vertrieben
von einem Tyrannen oder einem ungerechten Richter,
sondern geleitet von der Natur, die dich einst in
ihn eingeführt hat, wie ein Schauspieler, den der
Prätor eingestellt hat und nun wieder entläßt? »Ich
habe aber meine fünf Akte noch nicht gespielt,
sondern erst drei**, sagst du. Gut gesprochen. Aber
im Leben sind diese drei schön das ganze Stück I
Bestimmt doch den Schluß der, der einst das Gesamt-
spiel einrichtete und es heute wieder auflöst, während
du an beidem unbeteiligt bist. So scheide denn
freundlich von hinnen, denn auch er, der dich ent-
läßt, ist freundlich! (36)
Digitized by
Google
ANMERKUNGEN
I. BUCH
No. 1 Vergleiche über alle die im ersten Buche genannten
Verwandten und Lehrer Marc Aureis die Einleitung. —
No. 17 Siehe Einleitung. — No. 172) Eine grofie Selten-
heit, wie die Geschichte der übrigen Cäsaren lehrt! —
No. 17») Möglicherweise, dem Namen nach zu vermuten,
entartete Christen.
II. BUCH
No. 13 i) Vgl. hierüber die Einleitung; ähnliche Stellen:
n, 17; III, 3; IH, 5; III, 6; III, 7; III, 12; III, 16; V, 10;
V, 27; VIII, 45. — No. 15 ein Schüler des Diogenes
und Krates. — No. 16 d- h. der Welt, deren durch
gleiche Gesetze verpflichtete Bürger die Menschen sind.
IV. BUCH
No. 15 Ebenso die Menschen auf den Opferaltar des
Lebens, d. h. in den Tod.
VI. BUCH
No. 42 Chrysipp bei Plutarch „Gegen die Stoiker": wie
in einem dramatischen Kunstwerke einzelne Vers-Abschnitte
vorkommen, die, an sich geringfügig, doch zum Reize des
Ganzen beitragen müssen, so müssen auch die Übel den
Zwecken der Gottheit im Zusammenhang des Weltganzen
dienen.
Vn. BUCH
No. 66 Telauges, ein Sohn des Pythagoras und der
Theano, Nachfolger seines Vaters und Lehrer des Empe-
dokles. — No. 660 Vgl. Piatons Apologie 20.
X. BUCH
No. 34 Die wundervolle berühmte Stelle: „Es verwehet
u. s.w." findet sich Dias VI, 146—149.
Digitized by
175
Google
INHALT
Seite
Einleitung. . .
. . VI
Erstes Buch . .
. . 1
Zweites Buch . .
. 12
Drittes Buch .
. . 21
Viertes Buch .
. 32
FanftesBuch .
. 48
Sechstes Buch
. 64
Siebentes Buch
. . 81
Achtes Buch .
. 98
Neuntes Buch . .
. 115
Zehntes Buch .
. 131
Elftes Buch . .
. 148
Zwölftes Buch
. 163
Anmerkungen. .
. 175
GEDRUCKT IN DER OFFIZIN
W. DRUGULIN IN LEIPZIG
Digitized by
Google
I
Digitized by VjOOQIC
fk i ' THIS BOOK IS DX7E ON THE LAST DATE ^^
P
.w
STAMPED BELOW
AN INITIAL FINE OF 25 GENTS
WILL BE A68E88ED FOR PAILURE TO RETURN
THIS BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY
WILL INCREA8E TO 80 CENTS ON THE FOURTH
DAY AND TO $1.00 ON THE SEVENTH DAY
OVERDUE.
i
)
)*
I
i:
r
/
ii
i
^
1